Fünfte Station in Apice, Italien Loveson

Die Häuser stehen immer noch in Apice, Italien - trotz dreier schwerer Erdbeben in den vergangenen 80 Jahren.

Eine Geisterstadt, die von ihren Bewohnern wegen wiederkehrender Erdbeben verlassen wurde, eignet sich hervorragend zum Abenteuerspielplatz. Und doch schmerzt die angehaltene Vergangenheit. Eine fiktive Geschichte, die auf ganz realen Beobachtungen beruht.

Von Michael Glawogger

Eine Geisterstadt, die von ihren Bewohnern wegen wiederkehrender Erdbeben verlassen wurde, eignet sich hervorragend zum Abenteuerspielplatz. Wer hierher kommt, kann auf dem Hauptplatz Fußball spielen oder in einem Cinquecento ohne Räder unterschlüpfen. Und doch schmerzt die angehaltene Vergangenheit.

Als er den Polizisten zum ersten Mal sah, wäre er nicht auf die Idee gekommen, an eine große Liebe zu denken. Auch auf Australien wäre er nicht gekommen, und auf ein Kino mit einem Altar dort, wo eigentlich die Leinwand sein sollte, schon gar nicht.

Der Polizist war ein unscheinbarer Mann, etwas grobschlächtig, mit einem gutmütigen Gesicht, der den rechten Fuß ein wenig nachzog beim Gehen. Und eben Polizist, mit einer leuchtend blauen Uniform. Eine Uniform macht es ja eher schwer, den Menschen auszumachen, der in ihr steckt - auch wenn sie, wie diese Uniform, zu blau, zu grell und dadurch eher unvorteilhaft war.

In den meisten Fällen bewirken Uniformen das Gegenteil. Es gibt, egal ob für Frauen oder Männer, wenige Outfits, die kleidsamer sind. Die Mischung aus Autorität und gutgeschnittener Bedrohlichkeit steht den meisten gut zu Gesicht. Es ist schwer, sich dem zu entziehen, obwohl man sich ja selten wohl fühlt, wenn man es mit einem Menschen in Uniform zu tun hat.

Dieser Polizist, der ihm hier in Apice einen glänzend roten Feuerwehrhelm reichte, hieß Loveson. Apice in Kampanien in Italien - also hielt er Loveson zuerst für einen italienischen Namen wie Frederico, Umberto oder Fabrizio. Ungewöhnlich - aber italienisch ausgesprochen doch auch irgendwie plausibel.

Doch der Polizist hier hieß Loveson, weil sein Vater ihn als einen "Son of Love" in Australien gezeugt hatte. Loveson war dann mit fünfzehn Jahren nach Apice, die Heimat seines Vaters, gekommen, und hatte als Filmvorführer im lokalen Kino angeheuert.

Sie blieb

Damals war Apice noch teilweise bewohnt. Zwei schwere Erdbeben hatte es schon hinter sich gehabt, eines in den 1930er und eines in den 1960er Jahren. Beide waren heftig gewesen, beinahe Stärke sieben auf der Richterskala - und doch waren fast alle Häuser stehen geblieben.

Einige Risse hatte es schon gegeben, aber die Stadt hielt stand und wurde nicht dem Erdboden gleichgemacht. Als sich dann in den 1980er Jahren ein weiteres Erdbeben ankündigte, wurde es den Bewohnern zuviel. Sie zogen weg. Einige wollten immer noch ausharren, aber als es zu gefährlich wurde, in die Kirche zu gehen, und der Staat neue Wohnmöglichkeiten anbot, leerte sich Apice.

Die Bewohner nahmen die ihnen angebotenen Ersatzhäuser am gegenüberliegenden Hügel an und verloren so das Recht auf ihr altes Heim. Der Staat wiederum wusste nicht, was er mit der verlassenen Stadt tun sollte. Und so blieb sie, und sie blieb leer - eine Geisterstadt.

Regnum über ein totes Reich

Nur der Bürgermeister harrte aus. Er blieb, trotzig wie ein alter Kapitän, bis 2007 alleine in seiner Stadt und regierte vom obersten Stock des höchsten Wohnhauses über sein totes Reich. Im neuen Apice gegenüber fragte man sich, wo er wohl einkaufen und zum Friseur ginge, ob er alleine die Kirche aufsuchte, in der keine Messe mehr abgehalten wurde, und was er tun würde, wenn Diebe alles, was nicht niet- und nagelfest war, wegtrugen.

Er schaffte es, dass der Strom nicht abgedreht wurde, und abhanden kommende Pflastersteine durch neue ersetzt wurden - aber die Zeit nagte doch zu heftig an dieser seiner Stadt, und niemand kam zurück. Er starb einsam, und noch heute stehen die Möbel in seinem Haus, die Anzüge hängen im Schrank, und die Akten seiner Amtsführung dienen streunenden Hunden als Bett und als Klo. Diese Hunde sind heute die letzten Bewohner von Apice.

Als er mit Loveson die Geisterstadt betrat, wurde er höflich, aber bestimmt ermahnt, den Helm aufzusetzen. Die Häuser seien in schlechtem Zustand, und jederzeit könne irgendetwas von ihnen herabfallen.