Katja Strunz etwa, die schon als Zwölfjährige ihre westdeutsche bürgerliche Kleinstadtidylle zwischen Einfamilienhausbaustellen und Weihnachtsmarkt mit unglaublich genauem Strich zeichnete, oder wie in diesem Bild, ihre Vorstellung vom "Urwald" zu Papier brachte - ausgerechnet sie, die malerisch vielleicht begabteste von allen Ausgestellten, sie überzeugt nun, als erwachsene Künstlerin, mit Skulpturen, die auf ganz reine, geometrische Formen reduziert sind. Oder Rosemarie Trockel, eine der bekanntesten deutschen Künstlerinnen, die in den 80er Jahren in den USA große Erfolge feierte: Sie begann schon als Kleinkind zu zeichnen, obwohl sie in jungen Jahren nie auch nur eine einzige Ausstellung besucht hatte. Eine dieser frühkindlichen Zeichnungen ist in der Ausstellung in Berlin nun zu sehen - und sie wirft den Betrachter fast um: Mit welch fahrigem, tatsächlich noch kindlich-unsicherem Strich aber dennoch schon so reduziertem wie eindeutigen Ausdruck sie da als Dreijährige ein weibliches Portrait gekritzelt hatte, ist nahezu unglaublich. Und wäre im Vergleich mit ihrem heutigen Werk fast schon eine Einzelausstellung wert.

Sowieso waren Kinderzeichnungen in früheren Jahrhunderten viel beliebter, in der Ausstellungsversessenheit des 18./19. Jahrhunderts sollte eine Vielzahl von Kinderausstellungen einen frischeren Blick auf die Kunst erlauben und neue Impulse für die Kreativität von Kunstschaffenden fördern, sowie Kunstinteressierten den Blick auf unverfälschte Kreativität gewähren. Dass man Kinderzeichnungen allerdings mit den Ergebnissen ihrer inzwischen berühmt gewordenen Erzeuger vergleicht, dieser Ansatz ist neu. Und könnte noch weiter gesponnen werden: indem man etwa aktuelle Bilder direkt neben die jeweiligen Kinderzeichnungen hängt - oder den Betrachter suchen lässt, welche Kinderzeichnung zu welchem Künstler passt. Ein Kinderzeichnungs-Künstler-Puzzle - denn für Kreativität ist man nun wirklich nie zu jung oder zu alt. Auch nicht als Betrachter.

Die Ausstellung "Paperworlds" wurde verlängert bis zum 11. Mai, im April erscheint dazu ein Katalog, weitere Infos hier.

Bild: Courtesy Katja Strunz 1. April 2014, 11:362014-04-01 11:36:26 © SZ.de/rus/mkoh/tob