Literaturfest München Zwischen uns und dem Nichts

Für das Literaturfest, das an diesem Mittwoch beginnt, sind Schriftsteller auf Reisen gegangen und an Grenzen gestoßen.

Von Nuran David Calis

Nuran David Calis ist ins türkisch-syrische Grenzgebiet gefahren, Sandra Hoffmann nach Tirana und Davide Enia nach Lampedusa. Die Texte, die auf ihren Reisen in den vergangenen Wochen und Monaten für das Münchner Literaturfest entstanden sind, stellen die Schriftsteller am Sonntag, 22. November, um 11 Uhr im Literaturhaus vor. Zur Einstimmung auf das Literaturfest, dessen "Forum:Autoren" von Albert Ostermaier unter dem Motto "Front:Text" steht, hier der Front-Text von Nuran David Calis.

Brennpunkt: Türkiye

Die Türkei macht mich fertig, immer und immer wieder. Ich war dieses Jahr länger da als hier in München. Ich bin viel gereist, habe Vorträge gehalten, war in Mardin, wo der Flüchtlings-Krieg tobt, in Izmir, in Bursa; ich war in Sinop, wo mein verstorbener Vater geboren wurde, in Ankara und so ziemlich in jedem Winkel der Stadt Istanbul: die Stadt, in der meine Mutter geboren und ich getauft wurde. Jedes Mal, wenn ich das Land verlasse, bin ich froh und schwöre mir, nie wieder einen Fuß auf den Boden zu setzen! Wegen ihrer Autoritäten, ihrer Frömmigkeit, ihrem seltsamen Islam-Kapitalismus; in diesem ganzen Land wird gebaut und gebaut, und nichts scheint fertig zu werden.

Und dann?! Jedes Mal, wenn dieses Land mich wieder ruft, bin ich von Sirenen betäubt und kann es kaum abwarten, mich dort von den Klippen zu stürzen. Und werde ich schlauer aus diesem Land? Nein, werde ich nicht. Ob sich das Land in ein Schlachthaus verwandeln wird?! Frage ich einen Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes in Istanbul, ob es besser wird!? Hmm. . . stöhnt er und blickt hoch zum Horizont am Kabatas aus seinem Fenster. Ich und ein paar Stipendiaten der Kultur-Akademie Tarabya sind zum Tee bei ihm und seiner Familie eingeladen. Ich glaube, sagt er, es wird alles noch viel, viel schlimmer kommen, bevor es besser wird. Alle Anderen können kaum ihren Tee weiter trinken, und ich stocke auch für einen Moment. Noch schlimmer?!, denke ich, der muss es wissen. Mit seinen ganzen Verbindungen und Informationen, seinen Depeschen hier und da. Zudem ist er mit einer Deutsch-Kurdin verheiratet und hat zwei Kinder, die in der Türkei zur Schule gehen. Also, er hat die besten Antennen, um dieses Land zu beurteilen. Ja, Sorgen haben sie schon, das sieht man ihm und seiner Frau an. Aber das Paar bleibt uns gegenüber tapfer, und in diesem Moment bewundere ich sie dafür, dass sie nicht weggehen. Sondern hierbleiben.

Wie soll es weitergehen? Syrische Flüchtlinge an der Metro-Brücke.

(Foto: Emrah Gurel)

Und dann, als ich aus der Tür trete, kommt mir ein syrischer Flüchtling am Bosporus entgegen, der seine kleine Tochter auf dem Arm trägt, die vor Erschöpfung über seiner Schulter hängend eingeschlafen ist. Syria Syria Syria, flüstert er und streckt mir seine leere Hand entgegen, ich gebe ihm mein ganzes Geld. Ich frage ihn, woher er komme?! Er sei Jeside, sagt er, aus Nord-Syrien. . .- Wo seine Familie sei, will ich wissen?! Er habe nur noch seine Tochter, Abi, antwortet er, demnächst, wenn er genug Geld hat, will er nach Ipsala und dann weiter nach Griechenland; dann Almanya oder Isvec. Über Land, irgendwie, nicht übers Meer, er habe nur noch seine Tochter und könne nicht schwimmen. Ich nicke und kratze noch den letzten Cent aus meiner Tasche. Dann zieht er weiter, mit dem schlafenden Kind über der Schulter. Sein einziges Gepäck, denke ich. Hier triffst du an jeder Ecke, an jeder Kreuzung, an jeder Bushaltestelle, an jeder Metrostation Flüchtlinge, die liegen oder stehen, immer betteln. Und sogar die ärmste türkische Gestalt drückt ihnen ein paar Münzen in die Hand. Ja, denke ich, wenigstens hat der Türke noch seine Heimat unter seinen Füßen, auf der er gehen kann.

Türkiye 1980 - Jetzt

In diesem Moment muss ich an 1980 denken, als meine Eltern es in der Türkei nicht mehr aushielten; ich war vier Jahre alt ungefähr, so alt wie das jesidische Mädchen auf den Schultern ihres Vaters, als wir das Land kurz vor dem Militär-Putsch verlassen mussten. Als kurz nach unserer Flucht die armenischen Friedhöfe am Musa Dagh gesprengt wurden, hatten meine Eltern die richtige Entscheidung getroffen. Auch wenn wir neun Jahre im politischen Asyl hier in Deutschland ausharren mussten, bis wir die deutsche Staatsbürgerschaft bekamen. Aber wir haben durchgehalten und überlebt. Jahre später, aufgrund der Amnestie am Ende der Militärregierung, konnten wir auch wieder unbehelligt in das Land zurück. So oft wir wollten und konnten, da meine Eltern keine Straftaten begangen hatten. Zum Glück konnte mein Vater noch vor seinem Tod in seine Heimat zurück und in Frieden gehen.

Die Türkei spuckt immer wieder Leute aus, und immer wieder kommen sie alle zurück. Es gibt viele Dissidenten, die irgendwo in der Fremde ihr Dasein fristen und sich nichts sehnlicher wünschen, als an den Ort zurückzukehren, der sie zur Flucht getrieben hat. So auch meine Familie. Auch ich werde dieses Land nicht los, mein Leben ist eng geknüpft an dessen Schicksal. Mittlerweile will ich es auch nicht mehr loswerden. Weiß ich, was aus diesem Land wird?! Nein. Immer noch nicht. Ich bin besorgt, ich erkenne an dem Schicksal der Flüchtlinge mein eigenes, und deshalb zieht es mich immer wieder in dieses Land. Ich nutze jede Gelegenheit; ein Auftrag von jener Institution, ein Auftrag von dieser; einen Film will ich in diesem Land drehen, einen Roman schreiben, Hauptsache, wieder rein. Hier trifft der Donnerschlag am heftigsten auf den Boden, während sich links und rechts alles auflädt.

Studentinnen in der Geisteswissenschaftlichen Fakultät der Uni Istanbul.

(Foto: Miraz Bezar)

Diesem Land brennen gerade vor Anspannung alle Sicherungen durch, es will und kann nicht mehr seine Grenzen sichern. Dieses Land kann und will nicht mehr die Kurdenfrage klären. Die IS eindämmen will und kann es auch nicht mehr. Ob Flüchtlinge kommen oder weiter ziehen, ist mittlerweile egal. Die Flüchtlingscamps rund um die syrische Grenze verkümmern, die Türkei hat kein Geld mehr, sie durchzufüttern. Dieses Land kämpft so sehr um seine Einheit, um sein Überleben, dass es kaum Luft bekommt.

Wenn die Türkei wie Syrien auseinander bricht, und danach sieht es gerade aus, dann stehen vor Europa nicht Tausende vor der Tür wie jetzt; sondern auf einen Schlag mehrere Millionen. Und ich ahne, dass der Mann vom Auswärtigen Amt mehr als Recht haben könnte. Dann ist aber das Schlachthaus nur die Zwischenstufe zum "Death Valley" Europas.

Jugend am Zabriskie Point

Schau mal, ich weiß wirklich nicht, was sie denken, gibt eine Dozentin mir beim Durchqueren der Aula zu verstehen, auf ihre Studenten blickend. Dann bleibt sie an den Stufen stehen und hält einen Moment entrückt vor mir inne. Die Stufen zur Geisteswissenschaftlichen Fakultät der Uni Istanbul sind stark beschädigt, bemerke ich. Die Marmortreppen haben bessere Tage hinter sich. Mehrere Stückchen und Blöcke sind herausgefallen oder abgebrochen. Von den abgebrochenen Steinen fehlt jede Spur. Man hat mich gefragt, ob ich nicht schnell ein kleines Seminar zu meinem Film halten möchte, wenn ich schon hier bin.

Vor den Stufen schaue ich mich um; das Licht ist gedämpft. Ein paar Birnen glühen, viele nicht. Die Fensterscheiben sind stark verschmutzt und lassen kaum die Sonne durch. Kein Ort, an dem man sich gerne aufhält. Und dennoch lassen die Studenten sich nicht davon abhalten, unermüdlich in den Fluren und Räumen zu diskutieren, zu rauchen, zu trinken, sich etwas zu notieren, herumzulaufen, hastig zu telefonieren, sich zu küssen oder einfach nur nebeneinander zu liegen. Männer mit Frauen, Frauen mit Frauen, Männer mit Männern. Keine Spur von Lethargie oder Depression. Nein. Keiner will hier weg. Stattdessen strömen sie in Scharen in ihre Uni; vor den Toren der Uni, am Security Check, bilden sich meterlange Schlangen, wie an einem Grenzübergang vor den Toren Europas. Und alle wollen sie rein in die total heruntergekommene Fakultät.

Der in München lebende Regisseur und Autor Nuran David Calis wurde 1976 als Sohn armenisch-jüdischer Einwanderer aus der Türkei in Bielefeld geboren.

(Foto: Costa Belibasakis)

Beim Durchqueren der Aula muss ich an die Eröffnungsszene von Michelangelo Antonionis Film "Zabriskie Point" denken. Ein pulsierender studentischer Vulkan, der nach Gedanken, nach Ideen ringt. An den Wänden befinden sich mehrere Fotos des bei Protesten tödlich verletzten Jugendlichen Berkin Elvan, darunter Slogans wie "Freiheit!". Keine anderen Ikonen, die man sonst so kennt, denke ich. Kein Che Guevara. Nix. Dann noch ein Bild von dem kurdischen Volkssänger Ahmet Kaya und die Flagge des Fußballclubs von Besiktas. Und alle Fotos der Leichen vom Selbstmordanschlag in Ankara im September. Klein nebeneinander, die Bilder. Fast versteckt. Und dann ein kleines Mädchen, das vor dem Präsidenten steht und ihn anschreit in Soma.

Alles Freiheitskämpfer, denke ich, nur keine, die wir im Westen kennen. Einige sind große Notizen in den Weltnachrichten, andere kleinere. Einige gar nicht. Aber hier haben sie alle den gleichen subversiven Stellenwert für die Studenten. Ich kenne Universitäten in Deutschland, die vor Prunk und Marmor nur so strahlen, aber in denen sich kaum jemand aufhält. Aber in diesem Rattenloch der Geisteswissenschaft in Istanbul stapeln sich die Studenten fast und rücken immer noch enger zusammen, damit mehr Studenten reinströmen können. Ich sehe, dass hier und da auch Kerzen leuchten. Ordnungshüter findet man hier nicht. Niemanden, der das offene Feuer verbietet. Auch nicht das Rauchen. Man hat das Gefühl, dass weder die Professoren noch die Dozenten noch die Hausmeister, die sich in ihren dunkelgrauen Overalls durch die Menge bewegen, sich mit den Studenten anlegen möchten. Und die Studentinnen? Sie ignorieren jede Autorität hier. Es ist ihnen egal, ob sie jemand beim Rauchen oder Biertrinken sieht. Keine Angst vor niemandem scheinen sie zu haben. Von Burka bis Jeans, von Salafisten- bis Hipster-Bart, egal, alle sitzen hier zusammen und ignorieren alle, die über dreißig sind.

Beim Hochgehen der Stufen meint die Dozentin, dass die Studenten immer pünktlich sind, sich fleißig ihre Scheine abholen, sie könne mir immer sofort sagen, wer wo ist und welches Fach studiert. Aber. . . - und dann macht sie eine lange Pause und schaut mich an: Ich weiß wirklich nicht, was sie denken!?

Am Ende meines Vortrags zu meinem Film gibt es keine Fragen. Als hätten sie sich vorher alle abgesprochen. Ich muss erkennen, dass ich für sie ein Teil dieser Autorität bin, die sie verabscheuen. Beim Rausgehen sehe ich die leblosen Studenten aus meinem Vortrag nun voller Leben in der Aula. In diesem Moment denke ich, dass sie durch ihren oberflächlichen Fleiß uns, die Autoritäten, unter Kontrolle halten. Und das wissen die Studenten, das wissen die Professoren, und insgeheim hofft der Großteil der Leitung in der Universität, dass diese Generation die Ruder übernimmt.

Mardin - Bodrum - Izmir - Freiheit

Weiter geht's nach Mardin, hier weiß ich nur eins: Dieses Land muss mit über zwei Millionen Flüchtlingen fertig werden. Und bekommt kaum Hilfe. Und Frau Merkel gehört zu dem inneren Kreis des Friedensnobelpreises, nur weil sie paar Tausend in unser Land lässt. Die Helfer schütteln alle ungläubig den Kopf. Den ausländischen Institutionen kann man hier keinen Vorwurf machen, sie kämpfen alle an vorderster Front. Aber ich muss zugeben, dass keiner, der die Hilfe bekommt, hier bleiben will, alle wollen weiter in den Westen. In Izmir und fast in jeder Stadt an der Südküste der Türkei, an der ich vorbeifahre, gibt es nur ein Sortiment in den Läden: Schwimmwesten. Und jeder, der ein bisschen mehr Geld in der Tasche hat, flieht weiter, immer weiter in den Westen. Denn sie spüren, dass das Schlachthaus, das sie verlassen haben, sie hier wieder einzuholen scheint. Die Flüchtlinge haben ein sehr gutes Gespür dafür. Immer dann, wenn Militärflugzeuge anfangen, auf ihr eigenes Staatsgebiet Bomben abzuwerfen; wenn sie beginnen, auf ihre eigenen Mitbürger zu zielen. Man stelle sich einmal vor, die Bundesregierung würde anfangen, Dresden zu bombardieren?! Montags! Pegida-Tag! Wer würde dann nicht anfangen zu fliehen?!

Zurück nach Istanbul

Und so musste ich beim Rausgehen aus der Universität nochmal an Michelangelo Antonionis "Zabriskie Point" denken, diesmal an den wirklichen Ort, den die beiden Liebenden im Film aufsuchen. Den "Zabriskie Point" am Death Valley. Irgendwann stehen die beiden vor einer unwirklichen Landschaft, die entweder gerade kaputt gegangen ist oder gerade am Entstehen ist. Wir wissen es nicht, denke ich. Alles oder Nichts. An den Konflikten dieses Landes können wir sehen, welche Konflikte auch auf uns hier zukommen werden, wenn wir sie nicht gemeinsam mit der Türkei lösen und ihnen nicht helfen. Denn die Türkei wird immer das verbindende Land zwischen UNS und dem NICHTS bleiben.