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Architektur der DDR:Ein Kessel Postmodernes

Neubau des Friedrichstadtpalastes in Ostberlin

Plattenbau mit einer vage an Jugendstil erinnernden Ornamentik: Der Friedrichstadtpalast im Baujahr 1984.

(Foto: picture alliance / Konrad Giehr)

Der Friedrichstadtpalast in Berlin sollte mythisch werden, aber dann klebten die Architekten 1984 doch nur Retrodekor an einen Plattenbau. Jetzt steht er unter Denkmalschutz. Zu Recht?

Von Peter Richter

Der Friedrichstadtpalast, der seit Montag unter Denkmalschutz steht, ist vielleicht nicht das beste Bauwerk der DDR, dafür war es für die Architekten immerhin eins der vergnüglichsten: Sogar eine Dienstreise nach Paris war für sie drin, als es darum ging, in Berlin ein neues Revuetheater zu projektieren. Und so kamen die Herren - es waren wirklich nur Herren - in den Genuss, studienhalber das "Moulin Rouge" und "Folies Bergères" zu besichtigen, und zwar im Auftrag der sonst eher sittenstrengen Partei- und Staatsführung der DDR. Hinterher gab es zwar einen Tadel wegen "unsozialistischen Verhaltens", weil sich einer aus der Delegation in Feierlaune hatte auf die Bühne ziehen lassen und zusammen mit der sogenannten Girlreihe einen Can Can getanzt hatte - und dass der betreffende Architekt mit Nachnamen Prasser hieß, wird schon auch im Politbüro für zusätzliches Höhö gesorgt haben.

Aber das Entscheidende, so hat es dieser Manfred Prasser viele Jahre später dem Architekturhistoriker Florian Urban gegenüber dargestellt, das Entscheidende war, dass die Reise nach Paris ihren Berliner Entwürfen zu mehr Gewicht verholfen habe: Der alte Friedrichstadtpalast, neben dem Berliner Ensemble gelegen, war ein Mythos sowohl der Bau- als auch der Unterhaltungskunst gewesen. Hans Poelzigs Expressionismus rahmte dort das Theater von Max Reinhardt, später die beliebte Fernsehshow "Ein Kessel Buntes". Der Bau, der ihn nach Abriss wegen Fundamentschäden jenseits der Friedrichstraße ersetzte, sollte ebenfalls mindestens mythisch werden. Und er wurde das auch dank üppiger technischer Ausstattung und leichtfüßigen Programms: Es ist bis heute die erfolgreichste Bühne in Berlin. Aber die Architektur?

Im Friedrichstadtpalast steckt auch, was auf seine Kosten anderswo verfallen musste

Prasser und seine Kollegen Dieter Bankert und Walter Schwarz (unter der Oberhoheit von Ehrhardt Gißke) entwarfen einen Plattenbau mit vage an Jugendstil erinnernder Ornamentik. Frucht der Paris-Reise: Hohe, schmale Fenster sollten sich oben zu blütenartigen Dreiecken öffnen, als wären es die erhobenen Arme von Revuetänzerinnen. Nur eine Schwundstufe dieser Idee setzten sie schließlich um. Der Bau (Abb. von 1984) galt damals vielen in der DDR wie die Umstände seiner Planung: als frivol. Nach Jahrzehnten des Leidens an der Monotonie des Plattenbaus sollte das die Lösung sein: historisierende Aufhübschung? Ankleben von Retrodekor, das sich noch nicht einmal schlüssig auf Vorkriegsbestände beziehen konnte?

Viele vom Fach sprachen von "Verrat", denn Prasser, der in Paris auch die historisierenden Plattenbauten von Ricardo Bofill studiert hatte, stand auch für die DDR-Postmoderne im Nikolaiviertel und am Gendarmenmarkt. Als der Dresdner Conférencier O.F. Weidling bei der Eröffnungsgala 1984 auf die Tributleistungen zu sprechen kam, welche die ausblutenden Provinzen der DDR für die neopreußischen Baulaunen der Berliner zu leisten hatten, war dies das Ende seiner Karriere.

Insofern hat der Denkmalschutz vor allem dialektisch einen Sinn: Der Friedrichstadtpalast verkörpert Versprechen wie Elend der späten Honeckerjahre; in ihm steckt auch, was auf seine Kosten anderswo verfallen musste, echte Paläste darunter. Und man ahnt, was für eine noch haltloser historisierende Investoren-Postmoderne erst droht, sollte der Palast nach der Schließung wegen Corona nicht wieder auf die Beine kommen und ohne Schutz da stehen.

© SZ vom 02.09.2020/khil

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