Theater:Konsum bis in den Untergang

Der Besuch der alten Dame - Schauspielhaus Zürich 2021

Regisseur Nicolas Stemann imaginiert in Zürich Dürrenmatts "Besuch der alten Dame" mit geringstmöglichem Aufwand: Wasser, viel Plexiglas, leere Bühne.

(Foto: Zoe Aubry/Schauspielhaus Zürich)

Nicolas Stemann inszeniert am Schauspielhaus Zürich Dürrenmatts "Besuch der alten Dame" und braucht dafür nur drei Menschen auf der Bühne.

Von Egbert Tholl, Zürich

Der meistgesprochene Satz in dieser Aufführung stammt nicht von Friedrich Dürrenmatt. Er lautet "this is what is left of Europe", er ist wiederkehrendes Mantra der Soundperformerin Camilla Sparksss, er ist Aufschrei und Anklage, der Klang des Menetekels, auf das der Abend zunehmend kompromisslos zusteuert. Nicolas Stemann, der zusammen mit Benjamin von Blomberg die Intendanz des Schauspielhaus Zürich innehat, inszeniert dort am Pfauen Dürenmatts "Besuch der alten Dame"; zweimal hat er Anlauf genommen, zweimal kam der Lockdown dazwischen. Aber nun die Premiere ist gerade noch rechtzeitig, in dem Jahr, in dem Dürrenmatt 100 Jahre alt geworden wäre und 65 Jahre nach der Uraufführung hier am selben Ort.

Dürrenmatt hat Konjunktur: in Basel spielt man "Die Physiker"

In diesem Jahr hat Dürrenmatt natürlich Konjunktur, zeitgleich mit Stemanns Inszenierung kommen am Theater Basel "Die Physiker" heraus, als Reenactment der Uraufführung, hergestellt vom Schauspielensemble ohne Regisseur, nur anhand des Regiebuchs von 1962. Man kann sich Stemanns Vorgehen als so ziemlich das genaue Gegenteil dieses Unterfangens vorstellen, obwohl er das Stück sorgfältig erzählen lässt, wenig streicht, nichts hinzufügt außer den zornigen Eskapaden von Camilla Sparksss. Er braucht dafür eine Schauspielerin und einen Schauspieler, Patrycia Ziolkowska und Sebastian Rudolph, mehr nicht. Mit den beiden hat er vor zehn Jahren bereits Goethes "Faust" bei den Salzburger Festspielen inszeniert; im ersten Teil der achtstündigen Integralinszenierung waren sie damals auch nur zu dritt, nicht Sparksss war noch dabei, sondern der Schauspieler Philipp Hochmair.

Die Bühne ist zunächst leer bis auf ein DJ-Pult aus Plexiglas, und auch Ziolkowska und Rudolph betreten sie zunächst nicht. Sie stehen unten vor dem Publikum, beide schwarze Hose, weißes Hemd, und beginnen, das Drama zu imaginieren, wechseln sich ab in den Dialogen, schaffen eine Szenerie allein mit Worten, erschaffen viele Figuren. Sie flirten mit dem Publikum, spielen es direkt an, umgarnen es, ziehen es hinein in die Geschichte von Claire Zachanassian, die nach vielen Jahren in ihr Heimstädtchen Güllen zurückkehrt, um Rache zu üben an Ill, den sie einst so liebte wie er sie, von dem sie schwanger wurde, worauf er die Vaterschaft leugnete, falsche Zeugen vor Gericht aufbot. Claire verließ den Ort, landete im Bordell, traf dort einen armenischen Milliardär, legte in der Folge eine Reihe erfolgreicher Ehen hin und ist nun maßlos reich. Die Folge: "Mit meiner Finanzkraft baut man sich eine Weltordnung."

Claires Plan ist perfide und perfekt. Die falschen Zeugen von damals hat sie längst aufgespürt und entmannt, alle Betriebe Güllens ließ sie aufkaufen und verrotten, der Ort ist vollkommen pleite, und nun bietet sie eine Milliarde, wenn seine Bewohner Ill ermorden.

Dass Claire einst einen Absturz in Afghanistan überlebte, wirkt wie eine groteske Ahnung des Autors

Den Plot erzählen Ziolkowska und Rudolph sehr plastisch, hochvirtuos, zart und laut, aber auch mit einer ironisch-überlegenen Distanz. 35 Figuren zu zweit zu spielen, ist für sie kein Problem. Aber bei auch nur einer einzigen mitzufühlen, ist ein Problem für den Zuschauer. Die Ziolkowska-Rudolph-Show ist das Vorführen von grandiosen Fähigkeiten, besonderen Aberwitz entwickeln beide in der Anverwandlung an Claire, der von Prothesen zusammengehaltenen Unkaputtbaren - sie hat einmal auch einen Flugzeugabsturz in Afghanistan überlebt, was aus heutiger Sicht wie eine groteske Ahnung Dürrenmatts wirkt. Und eine Szene ist wirklich beklemmend, die nämlich, in die der Lehrer mit der ihn umgebenden Unmoral nicht mehr zurechtkommt und sich in einen verzweifelten, selbstzerstörerischen Rausch aus der Misere wegsaufen will.

Stemann interessieren weniger die impliziten Moraldiskussionen des Stücks, er destilliert indes eine umfassende Anklage aus diesem. Irgendwann scheint es für die Einwohner Güllens nur eine Frage der Zeit, bis Ill ermordet werden wird, das Problem ist nur, sie müssen es selbst machen. Machen sie auch. Zuvor aber kaufen sie auf Pump. Zu diesem Zeitpunkt hat Camilla Sparksss schon einige Male ihre Soundmaschinen angeworfen und in wildem Sprechgesang das Ende jener Humanität beschworen, auf die Europa so stolz ist. Nun macht es Ding-Dong, und ein Paket nach dem anderen kommt auf die Bühne, 300 Paar gelbe Schuhe, Videos füllen den Bühnenraum, zeigen Bilder von Demonstrationen gegen Luxus und "Marktkollaps", zeigen den Untergang der Erde, Feuersbrünste, Überschwemmungen, Malstrom des Untergangs. Sparksss erzählt zum Schluss noch die Moral von der Geschichte, die letztlich auf die Utopie einer fairen Welt hinauslaufe. Denn was ist übrig von Europa? So wie Nicolas Stemann den 65 Jahre alten Text liest: nichts.

© SZ
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