Nachruf auf F. C. Delius:Was für eine Wärme fällt über uns her

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Nachruf auf F. C. Delius: 2011 erhielt Friedrich Christian Delius - hier 2018 während einer Lesung in Berlin - von der Akademie für Sprache und Dichtung den Büchner-Preis, den wichtigsten deutschen Literaturpreis.

2011 erhielt Friedrich Christian Delius - hier 2018 während einer Lesung in Berlin - von der Akademie für Sprache und Dichtung den Büchner-Preis, den wichtigsten deutschen Literaturpreis.

(Foto: imago/gezett)

Mit seinen Werken begleitete er den Gang der deutschen Geschichte von der Studentenrevolte bis zur Gegenwart: Zum Tod des Schriftstellers Friedrich Christian Delius.

Von Thomas Steinfeld

Im Jahr 1971 erschien im Hanser Verlag die Dissertation eines jungen Lyrikers und Lektors, die den flapsigen Titel "Der Held und sein Wetter" trug. Der Autor hatte den ihm von Walter Höllerer, seinem Doktorvater, aufgegebenen Gegenstand offenbar nur mit einem schlechten Gewissen bearbeitet: Dem Thema fehlte der vermeintliche "Nutzen für eine kritische Literaturwissenschaft, seine gesellschaftlichen Implikationen und seine politische Bedeutung". Gleichwohl wurde das Buch ein Erfolg: "Seit dem Scheitern der Revolution von 1848", heißt es in einer leicht ironischen Rezension im Spiegel, "regnet, schneit, stürmt, blaut und graut der Himmel in Deutschlands Erzählprosa wie nie zuvor", was daran liege, dass sich bürgerliches Denken im Wetter verfestige. Die moderne Literatur hingegen scheue das Wetter.

Aus dem "progressiven Germanisten" Friedrich Christian (kurz: "F. C.") Delius wurde ein Schriftsteller, einer der produktivsten, die in den vergangenen Jahrzehnten in deutscher Sprache schrieben: Fast vierzig, meist schmale Bücher gibt es von ihm, also seit seinem Debüt knapp ein Werk pro Jahr. Dem Wetter wich er dabei nicht aus, in seiner Erzählung "Die Birnen von Ribbeck" (1991), dem ersten aller Wenderomane, in dem es vor allem um die politische Geschichte des Dorfes geht, heißt es über ein Fest, bei dem die praktischen Folgen der neuen deutschen Einheit sichtbar werden: "Hähne krähen, Vögel zwitschern im Frühling schon wie im Sommer, was für eine Wärme fällt über uns her, das Jahr wird noch lang." Und vom Wetter ist auch gleich zu Beginn des Romans "Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus" (1995), in dem ein Kellner aus der DDR auf den Spuren Seumes nach Süden reist: "An einem wolkenarmen Augustabend" fällt der Entschluss zum Aufbruch. Und wenn Delius in seinem späten Büchlein "Die Zukunft der Schönheit" (2018) eine Erinnerung an das Jahr 1966 lebendig werden ließ, an einen Abend, in dem er in einem New Yorker Nachtclub dem Saxophonisten Albert Ayler zuhörte, fällt zuverlässig das Wort "Synkopengewitter".

Wegen seiner Dokumentarsatire "Unsere Siemens-Welt" prozessierte der Weltkonzern vier Jahre gegen ihn

"Das Wetter", schreibt F. C. Delius in seiner Doktorarbeit, die im Jahr 2011 in einer Neuausgabe erschien, "steht selten für sich allein. Es hilft, die fiktive Realität überschaubar und eindeutig und für das Programm des Autors verwertbar zu machen." Man kann den Satz auch umdrehen: Das Wetter hilft, die Realität weniger eindeutig werden zu lassen. Zwischen diesen beiden Sätzen, das heißt: zwischen den Polen des dokumentarischen Erzählens, pendeln die Werke dieses Autors.

Sie begleiten den Gang der deutschen Geschichte von der Studentenrevolte bis zur Gegenwart: Erst ist da ein Ereignis, das bedacht werden muss, dann fügte es sich in einen biographischen und oft autobiographischen Kontext, in dem die (echte oder auch nur vorgetäuschte) Unbeholfenheit des Erzählers dazu beiträgt, den allfälligen Erläuterungen eine psychologische Notwendigkeit zu verleihen. Die Darstellung der vorpubertären Nöte eines jungen Nordhessen, wie sie sich in der Erzählung "Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde" (1994) spiegeln, sind das Muster einer solchen Technik. Und am Ende wartet eine zumindest halbversöhnliche Auflösung.

Begonnen hatte F. C. Delius mit sozialkritischen Werken und Montagen wie dem Gedichtband "Kerbholz" (1965) oder einer "Dokumentarsatire" namens "Unsere Siemens-Welt" (1972), die dem Unternehmen Anlass gab, eine einstweilige Verfügung gegen die "Schmähschrift" zu beantragen. Das Verfahren endete nach vier Jahren mit einem Vergleich. Revolutionär waren diese Werke allerdings nicht. Vielmehr waren sie von einer gewissen moralischen Empörung getragen, wie sie einem Pfarrerssohn anstand, während die Gegner, vom Politiker bis zum Konzern, mit einer Empfindlichkeit reagierten, an der erkennbar ist, wie fragil der gesellschaftliche Zusammenhalt damals gewesen sein muss - und wie weit eine damals als umstürzlerisch wahrgenommene Gesinnung in die Mitte der Gesellschaft vorgerückt war.

Nicht ausgeschlossen, dass er selbst das Wetter beschrieb, ohne daran zu glauben

In den späten Siebzigern zog sich F. C. Delius dann in Werken wie etwa "Mogadischu Fensterplatz" (1981) auf die Position des teilnehmenden, immer wieder in die Dilemmata seiner Jugend verstrickten Kommentators zurück, mit der er zum Begleiter einer festen Leserschaft wurde.

Der literarische Betrieb folgte F. C. Delius mit Sympathie und Anerkennung. Im Jahr 2007 erhielt er den Joseph-Breitbach-Preis, vier Jahre später den Büchner-Preis. Als "kritischen, findigen und erfinderischen Beobachter" würdigte die Darmstädter Jury den Schriftsteller, der "in seinen Romanen und Erzählungen die Geschichte der deutschen Bewusstseinslagen im 20. Jahrhundert erforscht" habe. Vielleicht unterschätzte die Jury damals ihren Preisträger.

So erinnert sich der Erzähler in "Die Zukunft der Schönheit", während er den wilden Tönen Albert Aylers lauscht, an seine Anfänge als Schriftsteller sowie an seinen Vater, der ihn in einem Augenblick äußerster Verärgerung mit einem Kopfkissen bewarf: "Und hier erst, unter dem Quaken des Saxophons und dem Streufeuer des Trompeters, befiel mich zum ersten Mal die Ahnung einer höheren Komik, dass dieses naive Schreiben vielleicht stimuliert war vom vergessenen Fluch eines unvergessenen Kissenwerfers." Zu F. C. Delius gehörte der Selbstzweifel. Nicht ausgeschlossen, dass er selbst das Wetter beschrieb, ohne daran zu glauben, zum Besseren der Literatur. Am Montag ist er in Berlin im Alter von 79 Jahren gestorben.

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