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Friedenspreisträgerin Carolin Emcke:"Wir dürfen uns nicht sprachlos machen lassen"

Carolin Emcke bei ihrer Dankesrede für die Auszeichnung mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels 2016.

"Freiheit ist nichts, das man besitzt, sondern etwas, das man tut." Carolin Emcke bei ihrer Dankesrede für die Auszeichnung mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels 2016.

(Foto: AFP)
  • Die Publizistin Carolin Emcke ist mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet worden.
  • Der Börsenverein würdigte Emcke als nüchterne Chronistin einer "Welt in Aufruhr".
  • In ihrer Dankesrede forderte die 49-Jährige die gesamte Gesellschaft auf, sich dem gegenwärtigen Hass entgegenzustellen.

Der verstorbene Václav Havel hat ihn schon bekommen, Jürgen Habermas ebenfalls und auch Susan Sontag gehörte schon zu den Geehrten. Nun ist auch die deutsche Journalistin und Publizistin Carolin Emcke mit dem renommierten Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet worden.

Die Autorin wurde für ihren Beitrag zum gesellschaftlichen Dialog prämiert. Die Verleihung fand am Sonntag vor etwa 1000 geladenen Gästen in der Frankfurter Paulskirche statt; unter ihnen war auch Bundespräsident Joachim Gauck.

Der Börsenverein würdigte Emcke als nüchterne Chronistin einer "Welt in Aufruhr". "Sie schreibt das auf, was andere ihr erzählen und was sie selbst dabei empfindet, nämlich oft Angst, Wut und Hilflosigkeit", sagte der Vorsteher des Börsenvereins, Heinrich Riethmüller. Die Publizistin und Philosophin mache klar, "dass es einen Zusammenhang zwischen Gewalt und Sprache und Gewalt und Sprachlosigkeit gibt".

Die Laudatio hielt die Philosophin Seyla Benhabib, die Emcke darin als eine "wirklich große Erzählerin" pries. Die Publizistin habe "eine einmalige Mischung aus Reportage, philosophischer Reflexion und literarischer Komposition geschaffen, durch die sie 'moralisches Zeugnis' ablegen kann über menschliches Leid in gewaltsamen Konflikten, aber auch über andere Formen von Leid und Schweigen, die all jene verspüren, die anders sind, sei es sexuell, psychologisch, religiös oder ethnisch".

In ihrer Dankesrede rief Emcke dazu auf, sich gemeinsam für Freiheit und Demokratie zu engagieren. "Pseudoreligiöse und nationalistische Dogmatiker" wollten allen Angst einflößen, "die sich einsetzen für die Freiheit des einzigartigen, abweichenden Individuellen", sagte die 49-Jährige.

"Demokratische Geschichte wird von allen gemacht"

Dem sei entgegenzutreten, so Emcke. Die Antwort auf den gegenwärtigen Hass und die Verachtung in der Gesellschaft dürfe aber nicht einfach an die Politik delegiert werden: "Für all die alltäglichen Formen der Missachtung und der Demütigung ... dafür sind wir alle zuständig".

Denn "Freiheit ist nichts, das man besitzt, sondern etwas, das man tut", proklamierte die Publizistin. Sie appellierte an jeden, sich in die Welt einzuschalten. "Wir dürfen uns nicht wehrlos und sprachlos machen lassen." Allein sei dies zwar nicht möglich, räumte die 49-Jährige ein. "Dazu braucht es alle in der Zivilgesellschaft. Demokratische Geschichte wird von allen gemacht."

Die Auszeichnung wird seit 1950 vergeben und ist mit 25 000 Euro dotiert.

© SZ.de/pak/mkoh
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