Süddeutsche Zeitung

Kunst:Ganz nah dran

Ein Prachtband von "Taschen" zeigt die kompletten Werke Frida Kahlos - und erzählt anhand ihrer Bilder das Leben der Künstlerin. Das ist faszinierend und erhellend zugleich.

Von David Pfeifer

Bei Frida Kahlo beantwortet sich die Frage, ob man Künstlerin und Werk voneinander trennen kann, von selbst: Sie sind eins und unabhängig voneinander kaum zu entschlüsseln. Der Prachtband "Frida Kahlo", der nun im Taschen-Verlag erscheint, ist folgerichtig biografisch aufgebaut. Er beginnt zwar mit ein, zwei ihrer bekannteren Bilder, aber dann widmet er sich ganz der Person, erzählt von ihrer Jugend ab, zeigt frühe Zeichnungen. Frida Kahlos Wirken und ihr Sein werden dann in einer epischen, mitreißenden Inszenierung aufgefächert, in einer hochformatigen Cinemascope-Version.

Auf Doppelseiten werden ihre Gemälde mit Fotografien flankiert, häufig ein Schnappschuss aus der Zeit, eine Inspiration, die man im Werk wiederentdeckt. Die Faszination für die Person und ihre Bilder gehen eine Einheit ein, wobei der Begriff Bilder dann auch die Fotografien umfasst, die Kahlo zeigen, ihre stilistischen Eigenheiten und Eleganz. Das macht diesen Band zu einem besonderen Vergnügen - bei anderen Luxus-Wälzern von Taschen, für die man die Beine des Couch-Tischs verstärken muss, entsteht ja gelegentlich der Eindruck, dass sie eher ihre Besitzer schmücken sollen, als den Künstler zu präsentieren.

Der "Frida Kahlo"-Band aber ist eine optimale Nutzung des Mediums, durch die Nähe von Leben und Werk wird er gleichzeitig zu einer spannenden Erzählung. Man muss sich um das Buch herum, alleine schon aufgrund seines Umfangs, irgendwie verhalten, beim Lesen nah rangehen, zum Betrachten der Bilder auch mal aufstehen - es verlangt, dass man sich auch physisch auf Frida Kahlo einlässt.

Im Museum kann man ihre kleinen Gemälde selten im Detail betrachten

Das lohnt sich, denn die Künstlerin hat zwar Bilder gemalt, die in der Wiedergabe gewaltig wirken, so als seien sie im Original mächtig; tatsächlich sind sie häufig nicht größer als ein DIN-A-4-Blatt. Im Museum kann man sie also selten im Detail betrachten, ganz nah rangehen. Wenn man sie überhaupt zu sehen bekommt, denn die Werke werden selten außerhalb Mexikos gezeigt. Und wenn, dann steht eine Traube von Betrachterinnen und Betrachtern drum herum.

In "Frida Kahlo" sind auch Skizzen und Tagebuchaufzeichnungen zu finden, unbekannte oder verschollen geglaubte Werke. Das bietet einen zusätzlichen Reiz, denn die Werke kaum einer Künstlerin wurden so sehr zu Postkarten-Kunst reduziert, durch ihre große Popularität, weit über ihren Tod hinaus. Manche Bilder noch mal in Ruhe ansehen zu können, verleiht ihnen wieder Faszination.

Vielleicht war Frida Kahlo mit ihren Selbstporträts ja die erste Influencerin

Es gibt seit diesem Jahr auch eine "Google Arts & Culture"-Ausstellung online, mit 800 Werken Kahlos. Wer Frida Kahlo auf dem Smartphone ansieht, muss unvermeidlich darüber grübeln, ob sie nun eine erste Influencerin war, mit all ihren Selbstportraits. Doch bei Frida Kahlo war die Selbstdarstellung nicht nur eine Präsentation von Schönheit oder Gefallsucht, sondern eine von Liebe, Schmerz und Verzweiflung.

Man erkennt es, wenn man viele Seiten des Buches umblättert, die echte Kahlo auf Fotos ansieht, ihre nebenstehenden Werke betrachtet, wie sie sich und andere, auch ihren Mann Diego Rivera darstellt. Im wahren Leben war Rivera deutlich weniger schön als Kahlo ihn gemalt hat. Sie selber aber wirkt viel gefälliger und entspannter, wenn man nur ihre Fotos ansieht. Wie es ihr wirklich ging, das zeigen ihre Werke, das zeigt auch dieses Buch, und macht es sogar nachfühlbar.

"Frida Kahlo. Sämtliche Gemälde", Taschen-Verlag, Hardcover, 29 x 39,5 cm, 5,42 kg, 624 Seiten, 150,- Euro

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