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Freundschaftsgeschichte:Wohin mit der Wut?

Der aggressive Kay, der andere Kinder in der Schule verprügelt, muss bei seiner Nachbarin einen Buddy Job übernehmen, der ihn völlig verändert. Das Mädchen, das das Down-Syndrom hat, ist etwas ganz Besonderes.

Von Andrea Duphorn

Wenn Kay von der Schule nach Hause kommt, benutzt er selten die Haustür, sondern klettert über eine alte Holzleiter durch das Fenster in sein Zimmer. Auf dem Schreibtisch steht dann meist schon sein Mittagessen. Warum Kay nicht einfach klingelt und sich von seiner Mutter die Tür öffnen lässt? Weil im Wohnzimmer ein Monster sitzt: Kays Vater. Vor einiger Zeit hat er seine Arbeit verloren und seitdem beschäftigt er sich nur noch mit Trinken, Schlafen, Streiten und Schlagen.

Jutta Nymphius verlangt ihren Lesern einiges ab. Schon der Einstieg in ihr Kinderbuch "Schlägerherz" ist nichts für zarte Gemüter. Da sitzt Kay rittlings auf der deutlich jüngeren, zerbrechlichen Pauline und drückt ihr so lange die Luft ab, bis sie Rotz und Wasser heult. Bedrückende Szenen wie diese gibt es immer wieder. Seit sein Vater sich so verändert hat, weiß Kay einfach oft nicht wohin mit seiner Wut. Früher war er ein guter Schüler. Jetzt tyrannisiert er mit Sven, der alles andere als ein Freund ist, schwächere Kinder, wann immer es geht. Diesmal ist Kay allerdings zu weit gegangen. Nach der Aktion mit Pauline soll er der Schule verwiesen werden. Dass er noch eine allerletzte Chance bekommt, verdankt er Frau Holler. Die Lehrerin hat für ihn einen Deal ausgehandelt: Wenn Kay sich gut um Greta kümmert, die neu an der Schule ist und das Down Syndrom hat, darf er bleiben. "Die ganze Zeit wird er sich um die Dicke kümmern müssen, ihr alles zeigen, bei allem helfen, wahrscheinlich auch noch neben ihr sitzen!" Kay ist bedient. Aber hat er eine andere Wahl? Kays Buddy Job hat es in sich. Gretas langsame, verträumte Art stellt seine Geduld immer wieder auf eine harte Probe. Immer fröhlich, gerade heraus und emotional, öffnet Greta aber auch sein Herz. Kays harte Schale bekommt Risse.

Jutta Nymphius lässt ihren Protagonisten aus der Ich-Perspektive erzählen. Als Leser ist man immer auf Augenhöhe mit dem Schläger und erkennt schnell, dass der viel weicher ist, als er tut. Greta, die gerne tanzt und mit Leidenschaft Blumen rettet, indem sie sie ausbuddelt und andernorts wieder einpflanzt, spürt das sofort. "Du bist nett", sagt sie Kay schon nach wenigen Stunden auf den Kopf zu und lässt sich in ihrem Urteil selbst dann nicht beirren, als Kay sich von Sven überreden lässt, das geistig behinderte Mädchen dafür zu "bestrafen", dass er sich um sie kümmern muss. Als Kays Vater wieder einmal ausrastet, ist es Greta, die an der Tür so lange Sturm klingelt, bis der Vater ihr öffnet - und so für die entscheidende Wende sorgt.

"Schlägerherz" berührt und zeigt, wie wichtig behinderte Menschen für unsere Gesellschaft sein können. Mit kurzen Kapiteln, einem einfachen Satzbau, plakativen Figuren und den stimmungsvollen Schwarzweißbildern von Barbara Jung eignet sich das Buch bestens zum Einsatz an Grundschulen, um Gespräche oder Diskussionen über häusliche Gewalt, Mobbing oder Inklusion anzustoßen. (ab 9 Jahre )

Jutta Nymphius: Schlägerherz. Mit Schwarzweiß-Bildern von Barbara Jung. Tulipan, München 2019. 144 Seiten, 13 Euro.

© SZ vom 03.07.2020

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