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Freie Szene:Ein Ende mit Schmerzen

Tonnenhalle in Mücnhen, 2012

Die Tonnenhalle soll einmal der wichtigste Auftrittsort der freien Szene in München werden. Ein langfristiges Konzept, auch für die benachbarte Jutierhalle, ist aber immer noch in Arbeit.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Das Schwere Reiter auf dem Kreativquartier darf nicht mehr lange bespielt werden

Von Eva-Elisabeth Fischer

Es ist Feuer auf dem Dach, im übertragenen Sinn. Das Schwere Reiter, Münchens wichtigste von der lokalen freien Szene in Eigenregie betriebene Bühne für Theater, Tanz und Musik, ist kaum mehr bespielbar. Die Künstler, die hier jede Klorolle selbst auspacken und bis dato die ganze Technik selber fahren mussten, freuen sich zwar neuerdings über einen technischen Direktor. Aber bald muss man raus, was schmerzt.

Wie staunte man damals, als der just bestallte Kulturreferent Hans-Georg Küppers das vormalige Ausweichquartier der Kammerspiele zur Zwischennutzung für den Verein Tanztendenz, das Pathos Theater und den Kunstbahnsteig/Schwere Reiter Musik präsentierte. Im Schwere Reiter hatte der zeitgenössische Tanz nun, wenn auch nur vorübergehend, ein Dach und vier (wacklige) Wände und, was noch wichtiger war, potente Partner zur dringlichst erwünschten interdisziplinären Arbeit.

Eigentlich läuft zum 1. Oktober 2018 die Zwischennutzung des Schwere Reiter aus. Jetzt können die Künstler im notdürftig reparierten Haus einen Monat länger bleiben. Sie hatten um Aufschub gebeten, weil im Oktober noch zwei Veranstaltungen geplant sind: das "Informal European Theater Meeting" und das Festival "Hier, gleich, jetzt", initiiert von den Tanztendenz-Frauen Birgitta Trommler und Johanna Richter. Auch das "Rodeo"-Festival der freien Szene vom 11. bis 14. Oktober läuft noch teilweise im Schwere Reiter.

Zum 1. November ziehen die drei Betreiber dann endgültig um in eine Leichtbauhalle vor der Tür des jetzigen Schwere Reiter. Die, so verlautet es aus dem Kulturreferat, soll - gebaut und ausgestattet gemäß deren Wünschen und Bedürfnissen - in den nächsten vier bis fünf Jahre übergangsweise genutzt werden. Danach soll es dann wieder ein richtiges, auf Dauer nutzbares Schwere Reiter geben. Das klingt erst einmal so schlecht nicht. Zumal es ja auch nicht an Beteuerungen aus dem Kulturreferat fehlt, wonach man bereit ist, alles dafür zu tun, das Schwere Reiter für die freie Szene zu erhalten.

Inzwischen aber hat die Stadt die Vermietung der Freifläche von 6000 Quadratmetern nach dem Abriss der Lamentohalle zur Zwischennutzung der Münchner Gewerbehof- und Technologiezentrumsgesellschaft mbH (MGH) übertragen - als "Inhouse-Geschäft". Das heißt im Klartext, man handelt untereinander unter Ausschluss der Öffentlichkeit eine Art Gegengeschäft aus. Das scheint pragmatisch zu sein, riecht aber nach Vetternwirtschaft, ist doch die MGH der Betriebsträger des geplanten Kreativlabors von Künstlern und Kreativen. Dank der MGH erübrigt sich eine Konzeptausschreibung, das spart also Zeit und Geld. Was aber vor allem für das Mischkonzept spricht: Die Kreativ-Wirtschaftler bringen Geld, während die Künstler der freien Szene immer nur Geld kosten - von dem dann fürs persönliche Leben kaum etwas übrig bleibt.

Nun verschickt Karl Wallowsky, der Kopf von Schwere Reiter Musik, Brandmails. Nicht, weil die Zukunft der akustisch geschätzten Halle so ungewiss ist. Auch nicht, weil man ihm seine Ideen für "Musikbauten" im Kreativquartier abgelehnt hat. Sondern aus aktuellem Anlass. Er leidet am ärgsten unter der Nutzung der - nomen est omen - Lamentofläche unmittelbar vor dem maroden Haus. Als der Circus Roncalli im Herbst ebendort gastierte, konnte Wallowsky seine Musikveranstaltungen wegen der akustischen Beeinträchtigung in die Tonne treten. Und nun lädt der Wannda Circus auf der Lamentofläche ein "zum 18-tägigen Kulturfestival mit Konzerten, Workshops, Floh- und Foodmärkten, Theater, Lesungen, Comedy, Akrobatik und Yoga". Die Kulturschaffenden sollten sich nicht gegeneinander ausspielen, aber Wallowsky schwant Schlimmes: "Die Zeichen stehen schlecht, uns trifft wieder mal die volle Zirkus-Festival-Wucht." Die Kammeroper "Lohengrin" von Salvatore Sciarrino hat er "in weiser Voraussicht schon abgesagt".

Ein anderer, der über das neuerliche Gastspiel den Kopf schüttelt, ist Moritz Ostruschnjak. Der Tänzer und Choreograf, der als jüngstes Mitglied der Tanztendenz auch als unbelasteter Erneuerer festgefahrener Strukturen zu schönsten Hoffnungen Anlass gibt, beklagt die mangelnde Kommunikation bezüglich der Freiflächennutzung. Ostruschnjak beäugt, wie alle anderen Künstler der freien Szene auch, den Zuzug von Kreativen auf dem Gelände skeptisch. Für diese sind die der Schwere-Reiter-Halle zur Dachauer Straße hin vorgelagerten Container-Bauten reserviert, bevor sie alle miteinander irgendwann in die Jutier- und Tonnenhalle umziehen.

Diese Bedenken kann Max Leuprecht vom Kulturreferat der Stadt München, bei dem alle Fäden in der komplexen Planung des Kreativquartiers zusammenlaufen, nicht zerstreuen. Auch nicht, wenn er für die Synergie von Künstlern und Kreativen ein jüngst geglücktes Beispiel nennt: Das Berliner Architektenteam, das die Ausstattung des Kammerspiele-Projekts "1968" besorgte. Kreative mit Affinität zu den Künsten, die neue Kooperationen ermöglichen und den angestrebten Laborcharakter stärken - mit derlei rosigen Aussichten will man die Skeptiker beschwichtigen. Fest steht, dass das Schwere Reiter dauerhaft neben der Jutier- und Tonnenhalle verankert werden soll. Aber wann wird man wissen, ob es saniert oder abgerissen und neu aufgebaut wird? Leuprecht manövriert sich aus der Bredouille, indem er die Faustregel zitiert, wonach im Maßnahmenkatalog nach der Höhe der Sanierungskosten entschieden wird: Sie dürfen 80 Prozent der Neubaukosten nicht überschreiten. Eine "Langfristlösung" ist, so Leuprecht, bis dato nicht in Sicht, auch wenn ein Architektenentwurf unter Beteiligung der Akteure vorliegt.

Dies alles kommentiert Leuprecht mit dem trefflichen Satz: "Wir wollten kein Ufo landen lassen." Ein hübscher Kontrast zur Aussage von Kulturreferent Küppers, wonach man hier "keine Pommes-Buden" bauen wolle. Auf der öd-grauen Lamento-Kiesfläche vor dem Schwere Reiter steht sie derzeit, die pinkfarbene Attrappe einer Pommes-Bude, die keine ist, installiert als Protest der freien Szene.

© SZ vom 09.05.2018

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