"Free Guy" im Kino:Das Leben ist ein Computerspiel

"Free Guy" im Kino: Jodie Comer und Ryan Reynolds in "Free Guy".

Jodie Comer und Ryan Reynolds in "Free Guy".

(Foto: Alan Markfield/AP)

Die Actionkomödie "Free Guy" erzählt von einem Bankangestellten, der herausfindet, dass er nur ein Algorithmus ist.

Von Anke Sterneborg

Man muss sich Guy als einen glücklichen Menschen vorstellen. Eins mit sich und der Welt lebt er in Free City, stört sich nicht daran, dass er keine Wahl hat, dass jedes Hemd und jede Hose im Schrank die gleiche ist, merkt nicht, dass er nur vorbestimmte Wege geht und im Coffee Shop nur cremigen Kaffee mit zwei Stück Zucker bestellen kann, und wünscht jedem seiner Kunden in der Bank nicht nur einen schönen, sondern einen extraschönen Tag. Selbst auf die Bankräuber, die täglich mehrmals mit Maschinenpistolen über seinen Arbeitsplatz herfallen, reagiert er erstaunlich gleichmütig. So ein Allerweltstyp ist er, dass sein Name eben auch einfach nur Guy lautet, so wie sein bester Freund einfach nur Buddy heißt.

Doch dann bekommt seine heile Welt Risse, denn so wie vor ihm schon Will Ferrell in "Schräger als Fiktion" und Jim Carrey in "Die Truman Show" stellt nun auch Ryan Reynolds Figur fest, dass seine Welt nur die Schöpfung eines Unterhaltungsgottes ist. Guy ist kein Bankangestellter, sondern nur eine Hintergrundfigur in einem Videospiel. Eine Schöpfung der beiden Spieleentwickler Millie (Jodie Comer) und Keys (Joe Keery). Und weil jedes Kunstwerk die DNA des Schöpfers in sich trägt, schlummert in einem Winkel seines programmierten Herzens eine unerfüllte Sehnsucht nach Liebe, die einer tickenden Zeitbombe gleicht. Als er eines Tages auf den Straßen von Free City der Kampfamazone Molotov Girl begegnet, wird sein Algorithmus durcheinandergewirbelt. Als hätte er die rote Matrix-Pille geschluckt, erkennt er plötzlich seine Grenzen - und will sie überwinden. Wie andere KIs des Kinos vor ihm, in Filmen wie "Blade Runner" oder "Ex Machina", in Serien wie "Humans" oder "West World" entdeckt er den freien Willen und das Potenzial, sich zu entwickeln. Erkenntnis allerdings war schon im biblischen Paradies ein Problem.

Die Filmemacher sampeln die besten Ideen des Popcornkinos der letzten Jahre

Regisseur Shawn Levy ist ein großer Junge mit einem Faible für filmische Gedankenspiele: So hat er in "Nachts im Museum" schon die Ausstellungsstücke des Nationalmuseums zum Leben erweckt, in "Date Night" ein biederes Durchschnittsehepaar auf einen Actiontrip durch New York gehetzt und in "Real Steel" einen Schrott-Roboter zum besten Freund eines Mechanikers erhoben. Jetzt spielt er die virtuelle Welt eines Computerspiels und die reale Welt gegeneinander aus und hat in Ryan Reynolds den perfekten Verbündeten gefunden. Mit liebenswertem Charme, kindlichem Staunen und rasanter Schlagfertigkeit hat er es zur hohen Kunst erhoben, erst ganz naiv daherzukommen, mit einem fast schon debil wirkenden Grinsen, um dann immer mehr Nuancen und Brechungen einzuschleusen. Das ist ein bisschen so, als würde sich eine weiße Leinwand langsam mit einem komplexen Bild füllen.

In "Free Guy" sampeln die Drehbuchautoren Matt Liebermann und Zak Penn und der Regisseur Shawn Levy eine ganze Menge guter Ideen aus dem Popcornkino der letzten Jahre, von "Matrix" über "Truman Show" bis "Deadpool" und "Inception": Denn so wie die Agenten dort in den Träumen nach Geheimnissen suchten, so müssen jetzt die Avatare der Spielentwickler im Spiel Beweise dafür finden, dass ihr Boss (ein gnadenlos chargierender Taika Waititi) ihre Ideen geklaut hat. Und so wie in "Inception" die Traumwelten in Pixelmeere zerfielen, tun es jetzt auch die Spielwelten. Das Ganze ist ein großer, nicht allzu ernst gemeinter Spaß, erdacht von erwachsenen Männern. Ein ganz kleines bisschen Sendungsbewusstsein ist auch dabei, wenn Free Guy den Charme der Gewaltlosigkeit propagiert und in der Gamer-Gemeinde dafür als "Blue Shirt Guy" gefeiert wird.

Free Guy, USA/Kanada/Japan 2021 - Regie: Shawn Levy. Buch: Matt Liebermann, Zak Penn. Kamera: George Richmond. Mit: Ryan Reynolds, Jodie Comer. Disney, 115 Minuten. Im Kino.

© SZ/dbs
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