Fredrik Sjöberg: "Mama ist verrückt und Papa ist betrunken":Zufall, dieser zerstreute Hallodri

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Fredrik Sjöberg: "Mama ist verrückt und Papa ist betrunken": Der Schwebfliegensammler, Literaturkritiker und Schriftsteller Fredrik Sjöberg.

Der Schwebfliegensammler, Literaturkritiker und Schriftsteller Fredrik Sjöberg.

(Foto: Fredrik Funck/DN/TT/picture alliance / DN)

Der Sammler unter den Schriftstellern: Fredrik Sjöberg entdeckt den unbekannten Maler Anton Dich und fragt sich, was Künstler berühmt werden oder in die Bedeutungslosigkeit absinken lässt.

Von Sophie Wennerscheid

Fredrik Sjöberg ist ein großartiger Sammler von Geschichten. Viele findet er, noch mehr erfindet er. Dass Sammeln etwas Manisches haben kann, und sich zugleich gegen den Vorwurf des Nutzlosen zu erwehren hat, weil das, was gesammelt wird, in den Augen der Nicht-Sammelnden im besten Falle als kurios, aber belanglos erscheint, hat der schwedische Autor bereits in mehreren seiner Bücher gezeigt. In "Die Fliegenfalle" erhielt die Leserin faszinierende Einblicke in die Seele des Insektenforschers und Schwebfliegensammlers Sjöberg selbst. In "Der Rosinenkönig" widmete sich Sjöberg hingegen der Sammel- und Erkundungsleidenschaft des schwedischen Naturforschers Gustaf Eisen, seines Zeichens Regenwurmspezialist und Begründer der Rosinenindustrie in Kalifornien.

Dass es beim Sammeln immer auch um die Lust am Abseitigen und die Kunst des Scheiterns geht, hat Sjöberg wiederum in "Die Kunst zu fliehen" und "Vom Aufhören" gezeigt. Immer mit der ihm eigenen Begabung, das zum Leuchten zu bringen, was andere in den dunklen Ecken der Geschichte unbeachtet liegengelassen haben. In seinem neuesten Buch "Mama ist verrückt und Papa ist betrunken. Ein Essay über den Zufall", wie alle zuvor genannten Werke kongenial von Paul Berf übersetzt, setzt Sjöberg diese Linie fort, oder besser sollte man wohl sagen, dieses gewundene Spiel der Schnörkelschreiberei.

Machte er sich in "Vom Aufhören" noch auf die einigermaßen erfolgversprechende Suche nach der mittlerweile tatsächlich "wiederentdeckten" deutsch-schwedischen Malerin Lotte Laserstein und ihrem noch immer weitgehend unbekannten Malerkollegen Olof Ågren, ist es in "Mama ist verrückt und Papa ist betrunken" der gänzlich unbekannte dänische Künstler Anton Dich, der den Spürhund in Sjöberg geweckt hat. Und hat der erst einmal Witterung aufgenommen, lässt er sich von seiner Fährte nicht mehr abbringen. Wobei er als Polizeihund vermutlich schon längst zum Teufel gejagt worden wäre. Führt ihn seine Nase doch nie von A nach B, sondern immer nur tiefer in das verwirrende Geflecht sich kreuzender, verzweigender und überlagernder Lebenswege hinein. Will man als Leserin Frustrationen vermeiden, sei hiermit geraten, Sjöberg gutgelaunt auf seinen Streifzügen zu begleiten, nicht aber zu erwarten an ein Ziel zu kommen. Entweder man kann jedem seiner Exkurse etwas abgewinnen, oder man bleibt besser gleich zu Hause.

Auf dem Umschlag zu sehen: "das am häufigsten abgebildete Kind der schwedischen Kunstgeschichte"

Um die Sache jedoch nicht, was angemessen wäre, zu verkomplizieren, folgen wir hier nur dem, was sich als Hauptspur bezeichnen ließe. Sie nimmt ihren Ausgangspunkt bei dem Gemälde, das den Umschlag von Sjöbergs Buch ziert. Es zeigt zwei Mädchen, etwa 15 Jahre alt, die auf einer Bank vor einer südlich anmutenden Sommerlandschaft sitzen. Die Hände und Gesichter wirken grobschlächtig, fleischig. Sie sind von einem dunklen Konturstrich eingefasst, der Ausdruck ist melancholisch, ein wenig wie man es von den Porträts Paula Modersohn-Beckers kennt. Ein schönes Bild. Es wurde 1921 gemalt und stellt die Cousinen Hanna Gottowt und Eva "Lillan" Arosenius dar. Über den Maler, Anton Dich, zu dem Sjöberg drei Jahre lang recherchiert hat, erfahren wir nur Bruchstücke. Er wurde 1889 in Kopenhagen geboren und starb, erst 45 Jahre alt, in Bordighera, einem kleinen Ort an der Italienischen Riviera. Böse Zungen sagen, er habe sich zu Tode gesoffen.

Die Familiengeschichte der beiden Mädchen, vor allem die von Eva, genannt Lillan, ist interessant. Sjöberg widmet sich ihr voller Leidenschaft, aber mit Respekt. Das ist insofern bemerkenswert, als er das Thema auch ganz anders hätte ausschlachten können. Handelt es sich bei Lillan doch um "das am häufigsten abgebildete Kind der schwedischen Kunstgeschichte". Als Kleinkind nicht nur zigmal gemalt und gezeichnet von ihrem Vater, dem früh gestorbenen, aber legendären Maler Ivar Arosenius, sondern später eben auch von Anton Dich, dem zweiten Mann ihrer Mutter Eva Arosenius-Dich, geborene Adler, und, last but not least, von keinem geringerem als Amedeo Modigliani, der "irgendwo im Nebel", aber immerhin nachweislich mit Anton Dich befreundet war. Damals, in Paris, in den wilden 1910er Jahren.

Natürlich lässt Sjöberg sich diesen Teil seiner Geschichte nicht entgehen. Sie ist spannend und hilft ihm bei dem, was vielleicht das eigentliche Anliegen seines Buches ist: verstehen oder zumindest nachvollziehen zu können, was einen Menschen glücklich oder unglücklich, und was einen Künstler erfolgreich oder unbedeutend werden lässt. Und natürlich, welche Abstufungen und Schattierungen zwischen diesen Polen liegen. Sind es die Umstände, das Talent, das Geschick im Umgang mit den Widrigkeiten des Lebens und des Kunstmarkts, zu viel Geld, zu wenig Geld, der Alkohol? Oder einfach Zufall?

Für den Zufall interessiert Sjöberg sich nicht nur als aus psychologischen und kunsthistorischen Gründen, sondern auch als Sammler von Geschichten. Als ihm unerwarteter Weise ein Karton voller alter Dokumente und Fotografien in die Hände fällt, der ihm bei seiner Spurensuche nach dem Werdegang des Malers Dich hilft, hält sich seine Überraschung in Grenzen. "Ich wundere mich schon lange nicht mehr. Der Zufall, dieser zerstreute Hallodri, ist des Sammlers bester Freund. Vielleicht veranlasst mich meine frühe Laufbahn als Entomologe, stets darauf gefasst zu sein, dass jederzeit alles Mögliche auftauchen kann, wie aus dem Nichts, wenn man nur die Geduld aufbringt zu warten. Nicht endlos, aber lange."

Als Autor kann Sjöberg dem Zufall zwar nicht auf die Sprünge helfen, aber er kann das, was ihm der Zufall verwehrt, trotzdem erzählen. So malt er uns zum Beispiel eine Szene aus, die ihm nur als Anekdote überliefert worden ist. Die Familie Dich - Vater, Mutter und zwei Kinder - befindet sich auf einem Bahnsteig, es ist heiß, alle sind gereizt. Als der Mutter ihr Nähkasten auf die Erde fällt und die Garnrollen in alle Richtungen auseinanderstieben, flüchtet sich Anton, der Vater, in eine nahegelegene Bar, unter dem Arm sein großes Gemälde, von dem er hofft, es in Paris verkaufen zu können. Als die Familie später im Zug sitzt, stellt sich heraus, dass er das Bild in der Bar vergessen hat. "Das Bild tauchte nie wieder auf. Verschwunden." Doch damit nicht genug. Die Eltern streiten, die Kinder schauen aus dem Zugfenster, ein französischer Soldat, von dem sich später herausstellen wird, dass er Schwedisch versteht, betritt das Abteil. "Das ist der Moment, in dem Lillan ihre Bemerkung fallen lässt, halb für sich, in ihrer Muttersprache, ohne die vorbeirauschende Landschaft aus den Augen zu lassen. ,Mama ist verrückt und Papa ist betrunken.'"

Ist es Resignation, Bitterkeit oder ein Gefühl tiefer Verlassenheit, das aus diesen Worten spricht? Wir wissen es nicht. Wahrscheinlich weiß das Mädchen es selbst nicht. Aber es ist schön, als Leserin mit ihr im Zug zu sitzen und von ihrer Familiengeschichte zu hören. Und wenn man das Buch zweimal liest, ergibt sich aus den vielen Puzzleteilen tatsächlich so etwas wie ein Stück Kunst- und Lebensgeschichte.

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