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"Freaks" als Comic: besser als der Netflix-Film:Diese Göttin kennt keine Gnade

Eine Superheldin, die sich vor sich selbst fürchtet: Wendy.

(Foto: Frank Schmolke/Edition Moderne)

Wenn Wendy ihre Pillen nicht nimmt: "Freaks" von Frank Schmolke ist ein blutig-ernster Superhelden-Comic aus Deutschland.

Von Christoph Haas

Auf dem Heimweg von der Arbeit begegnet Wendy einer Gruppe von Schlägern. "Geiler Arsch!", ruft einer ihr provozierend hinterher. Die junge Frau dreht sich nicht um, zeigt nur souverän den Mittelfinger. Ein paar Nächte später hat sie das Pech, den Typen erneut zu begegnen, und soll für ihre beleidigende Geste nun gründlich büßen. Sie rennt davon, wird aber mit einer Stange brutal niedergeschlagen. Bewusstlos liegt sie am Boden. Als einer ihrer Verfolger sich über sie beugt, um ihre Brüste zu begrapschen, verwandelt sich Wendy plötzlich: Sie wird zu Kali, der tod- und heilbringenden indischen Göttin, und reißt, wild tanzend, den aufgegeilten Mann in Stücke.

"Freaks" ist ein Superhelden-Comic. Nicht wie gewohnt aus den USA, sondern aus Deutschland. Mit diesem Genre hat die hiesige Szene lange gefremdelt. Sind die maskierten Männer und Frauen in den hautengen Kostümen nicht mit spezifisch amerikanischen Vorstellungen von Heroismus und Vigilantismus verknüpft? Und brauchen sie als Aktionsraum nicht unabdingbar mythische Metropolen, seien sie erfunden wie Gotham City oder real wie New York? Inzwischen ist dies wohl nicht mehr der Fall: Mit "ASH" - das Kürzel steht für "Austrian Superheroes" - und "Captain Berlin" gibt es zwei Heftserien, die beweisen, dass es durchaus möglich ist, die von DC und Marvel erprobten Konzepte passgenau in ein europäisches Setting zu übertragen. Allerdings zeichnen sich diese Serien, ohne Parodien zu sein, durch einen stark humoristischen Einschlag aus. Anders in "Freaks": hier geht es blutig ernst zu.

Frank Schmolke liefert nicht einfach den Comic zum Film. Seine Version ist glaubwürdiger, düsterer und packender

Frank Schmolke, der 1967 geborene Zeichner von "Freaks", war lange Jahre ein Geheimtipp. Mit "Nachts im Paradies", einer in München während des Oktoberfests spielenden Film-Noir-Story mit autobiografischen und dokumentarischen Anklängen, gelang ihm 2019 ein später fulminanter Durchbruch. "Freaks" ist nun eine crossmediale Angelegenheit. Ein Film gleichen Namens ist auf Netflix zu sehen und war mit 40 Millionen Zuschauern bereits ein internationaler Erfolg. Schmolke liefert jedoch nicht einfach den Comic zum Film. Auf das Drehbuch von Marc O. Seng, einem der Autoren der Netflix-Science-Fiction-Mystery-Serie "Dark", gestützt, hat er die Konstellationen und Konflikte des Films zwar komplett übernommen, dennoch aber eine ganz eigene, für sich stehende Version von "Freaks" entwickelt.

Dieser Superheld ist kein Menschenfreund: Als "Elektroman" rächt sich Elmar an seiner Umwelt.

(Foto: Frank Schmolke/Edition Moderne)

Wendy, die Hauptfigur, arbeitet in einer Fast-Food-Küche, ihr Mann Lars für eine Security-Firma. Sie führen eine finanziell prekäre Existenz; Karl, ihr kleiner Sohn, wird von Jungen aus der Nachbarschaft gemobbt. Eines Tages begegnet Wendy einem Obdachlosen namens Marek, der ihr erklärt: "Du bist eine von uns." Wendy hört auf, die Pillen zu nehmen, die sie von Dr. Stern, ihrer Therapeutin, regelmäßig verschrieben bekommt und entdeckt daraufhin, dass sie über ungeahnte, fantastische Kräfte verfügt. Gleiches gilt für Elmar, ihren gehemmten Arbeitskollegen: Er kann Elektrizität manipulieren. Als "Elektroman" kostümiert, beginnt er jedoch schnell durchzudrehen und träumt davon, mit Wendy eine Rasse von Übermenschen zu begründen. Vor allem aber: Wendy wird von Dr. Stern bedroht, die, offenbar in Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen, alles daransetzt, dass die Kräfte der Mutanten unterdrückt werden.

Statt geleckter TV-Ästhetik gibt es hier raue, wilde Schwarz-Weiß-Bilder

Diese Voraussetzung allen Geschehens in "Freaks" ist leider völlig unglaubwürdig. In Deutschland wäre es kaum möglich, mit besonderen Kräften begabte Menschen wie psychisch kranke Kriminelle zu behandeln und sie, wenn sie nicht spuren, in einem gefängnisartigen "Heim" verschwinden zu lassen. Und - vom rechtsstaatlichen Aspekt abgesehen - wäre es nicht viel sinnvoller, solche Superwesen für humanitäre, polizeiliche oder militärische Aufgaben heranzuziehen? An diesem empfindlichen Mangel des Drehbuchs hat auch Frank Schmolke nichts ändern können. Er hat es jedoch geschafft, den Comic zugleich glaubwürdiger, düsterer und packender zu gestalten. Im Film lebt Wendy mit ihrer Familie in einem netten Häuschen mit Garten am Stadtrand, im Comic dagegen, passend zu ihrer finanziell prekären Existenz, in einem hässlichen Hochhausblock. Ganz anders als im Film ist auch ihr übermenschliches Alter Ego: Während Wendy im Film einfach nur sehr stark ist, wird sie im Comic, von Wut erfasst, zu einer blutdürstigen Göttin.

Der biederen, geleckten TV-Ästhetik des Films setzt Schmolke zudem seinen bewährten, rauen Schwarz-Weiß-Stil entgegen. Dass der rund 250 Seiten starke Band unter großem Zeitdruck, in gerade viereinhalb Monaten, entstanden ist, sieht man ihm nicht an, ebenso wenig wie die Tatsache, dass Schmolke zum ersten Mal nicht mit einem Stift, sondern auf dem Tablet gezeichnet hat. "Nachts im Paradies" war an ungewöhnlichen Bildkompositionen reicher. Aber auch in "Freaks" finden sich Panels und Seiten, die man nicht vergisst, etwa wenn Wendy, als sie mit ihrem Mann schläft, seinen Rücken auf einmal mit vier Armen - wie Kali sie besitzt - umklammert, oder dass ihr Gesicht, je häufiger sie sich ihrer Kräfte bedient, immer bedrohlicher wirkt.

"Freaks" endet mit einem Cliffhanger. Im Grunde wird hier eine klassische "Origin Story" erzählt, die Geschichte vom schwierigen Werden einer Superheldin. Es wäre sehr zu wünschen, dass Frank Schmolke zu einer Fortsetzung bereit ist - dann jedoch auch als alleiniger Szenarist, der es schaffen sollte, die noch vorhandenen inhaltlichen Schwächen elegant zu beseitigen.

Frank Schmolke (Text und Zeichnungen): Freaks. Du bist eine von uns. Nach einem Drehbuch von Marc O. Seng. Edition Moderne, Zürich 2020. 256 Seiten, 28 Euro.

© SZ/knb
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