Gleichberechtigung:Für viele Frauen gibt es keine Alternative

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Manchmal hat sie Lehraufträge, das bietet für eine Weile Sicherheit. Künstlerin, das ist für eine alleinerziehende Mutter nur im Erfolgsfall der ideale Beruf. Sozialhilfe kam für sie nie infrage: "Das beschneidet dich sehr in deiner Freiheit, du musst alles offenlegen. Und es kam mir immer so vor, als käme man da ganz schwer wieder heraus."

Für viele Frauen aber gibt es keine Alternative. Und tatsächlich führt kaum ein Weg wieder hinaus, sagt der Kölner Sozialforscher Christoph Butterwegge. Er konzentriert sich seit Jahren auf die Entstehung von Armut, in diesem Jahr erschien sein Buch "Hartz IV und die Folgen". Seine Beobachtung: "Man muss über den Lohn die Miete und die Heizkosten erwirtschaften, denn die hat ja bislang das Jobcenter bezahlt; zweitens die Differenz zwischen Kindergeld und Hartz-IV-Regelsatz für Kinder. Und dann fällt auch noch das Bildungs- und Teilhabepaket weg. Die Hürden sind also ziemlich hoch - mit Mindestlohn ist das fast nicht zu schaffen."

Sonja Alhäuser hat für die Kinder nie mehr als den Mindestunterhalt bekommen und für sich selber zu sorgen, als junge Künstlerin, das schaffen manche nicht einmal ohne Kinder. Es ging, sagt sie, weil sie ihre Arbeit immer aus dem Alltag geschaffen hat. Das ist in der Kunst und in der Literatur ja eigentlich nicht ungewöhnlich. Ihre Zeichnungen, als Paul ein Säugling war, sind trotzdem eine Rarität.

Die Kunstgeschichte hat unzählige Feldarbeiter und Krieger hervorgebracht, aber wenig Windelkunst: "Mein Arbeitsrhythmus wurde oft vom Windeln Wechseln unterbrochen. Also habe ich angefangen, jedes Mal ein Baby und eine Windel zu zeichnen, bis ein Blatt voll war." Die "Baby Orgie I" hat ein Sammler gekauft.

Statistiken beweisen: Alleinerziehende Mütter arbeiten mehr

Wenn Sonja Alhäuser eine Ausstellung aufbaut, muss sie den Babysitter selbst bezahlen - als Investition in einen Verkauf, der noch gar nicht stattgefunden hat. Überhaupt bleibt die Kinderbetreuung ein Problem, meint Christoph Butterwegge, Kita-Öffnungszeiten passen nicht notwendigerweise zu Arbeitszeiten. Minijobs aber reichen meist nur für ein Leben in Armut, nicht nur, aber vor allem für Frauen.

Wie das alles kommt? "Es gibt natürlich die Theorie", sagt Butterwegge, "dass die Leute, die heute arm sind, früher in der Großfamilie mitgeschleppt wurden. Aber für mich ist das eine Verharmlosung. Es gibt eine starke Tendenz zur Prekarisierung. Eine der Ursachen ist die Aushöhlung der Arbeitsverhältnisse, die mal als normal galten - Vollzeit und unbefristet."

Alleinerziehende Mütter haben es auf diesem auf Effizienz gebürsteten Arbeitsmarkt besonders schwer. Sie begegnen, so Alhäuser, immer noch der Haltung, entweder im Job zu versagen oder als Mutter. Dabei erlebt sie dies als Hochschuldozentin anders: "Die Studentinnen mit Kind haben die besten Arbeiten produziert. Das ständige schlechte Gewissen hat sie zu Höchstleistungen getrieben." Dass alleinerziehende Mütter mehr arbeiten, beweist jede Statistik.

Herdprämien sind keine Antwort. Bei der geht es ja auch nie um nennenswerte Summen, um Kindererziehung zu entlohnen wie jeden anderen richtigen Beruf. Dies nämlich wurde von der "Wages for Housework"-Kampagne in den Siebzigern mal gefordert.

Mehr Bildung ist kein Ausweg

Der Feminismus fordert ohnehin nicht mehr die Entlohnung von Hausfrauen, sondern einen gerechten Anteil an allem, Politik, Führungspositionen, gesellschaftlicher Gestaltungshoheit. Im vorigen Jahrzehnt ging die Entwicklung für Frauen mit Kindern eher in Richtung Gleichberechtigung auf dem Papier. Das Unterhaltsrecht wurde 2008 geändert, das habe, sagt Butterwegge, "die Situation noch verschärft".

Frauen, besonders Alleinerziehende, haben es schwerer, einen Job zu finden - der dann schlechter bezahlt ist. Mehr Bildung ist jedenfalls kein Ausweg: "Im Niedriglohn-Sektor arbeiten zu zwei Dritteln Leute, die eine Berufsausbildung haben, elf Prozent haben einen Hochschulabschluss", so Butterwegge.

Es wird schlimmer werden, als es jetzt schon ist: Die alleinerziehenden Mütter werden jedes Jahr mehr. Die meisten von ihnen werden immer arm bleiben, denn wer nur wenig oder gar keine Rentenbeiträge gezahlt hat, qualifiziert sich für die Grundsicherung. Beim Thema Rente wird auch die sonst so fröhliche Sonja Alhäuser ganz still. Altwerden, Kranksein, auch das muss man sich leisten können. Der Plan der Frauenbewegung sah anders aus - die hatte die Männer im Blick, nicht aber die Allmacht der Märkte.

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