Gleichberechtigung:Was der Feminismus nicht gewollt hat

Lesezeit: 6 min

luftiger Spaziergang in Stuttgart

Warum sind mehr als eine halbe Million alleinstehender Frauen, die Kinder versorgen und von Hartz IV leben, kein Skandal?

(Foto: Sebastian Kahnert/dpa)

Alleinerziehende Mutter zu sein, bedeutet in Deutschland ein Armutsrisiko. Die Frauenbewegung hatte immer die Männer im Blick, nicht aber die Allmacht der Märkte.

Von Susan Vahabzadeh

Der Feminismus ist eine Baustelle, eine von jener Art, zu der auch der Kölner Dom gehört: Wenn er von einer Seite so aussieht, als könnte er demnächst fertig werden, fängt er an der anderen Seite an zu bröckeln. Das mit dem Kinderkriegen ist beispielsweise nicht ganz so gelaufen wie geplant. Als die Frauenrechtlerinnen gegen die Unterjochung in der Ehe ins Feld zogen, war der Gedanke natürlich nicht, dass Frauen in Zukunft ihre Kinder allein aufziehen sollen.

Die Entwicklung geht aber in diese Richtung: 1,6 Millionen Haushalte mit nur einem Elternteil gibt es in Deutschland, 300 000 mehr als 1996. Zu neunzig Prozent ist dieser eine Elternteil eine Mutter. So eine Mutter hat, nach deutschem Recht, für sich selbst zu sorgen; Unterhalt bekommen die Kinder. Die Mutter hat, falls sie mit dem Vater verheiratet war, nur Ansprüche, bis die Kinder drei Jahre alt sind. Danach bekommt sie nichts.

Die Berliner Künstlerin Sonja Alhäuser gehört zu diesen 1,6 Millionen, mit ihrem Sohn Paul, der inzwischen 16 Jahre alt ist, war sie von Anfang an allein. Inzwischen gibt es auch eine vierjährige Tochter, und sie ist wieder alleinerziehend. Alleinerziehende Mütter, die mit Ach und Krach über die Runden kommen, darunter stellt man sich eher Frauen vor, die an Supermarktkassen arbeiten, weil sie Kinder bekommen haben, ehe sie es zu einer Ausbildung gebracht haben.

Auch der liberale Kunstmarkt hat Vorurteile: Single-Mütter gelten vielen als Risiko

Aber Armut lässt sich durch Bildung nicht vermeiden - zumindest nicht für alleinerziehende Mütter. Sonja Alhäuser ist inzwischen erfolgreich mit ihren Zeichnungen und Skulpturen. Leicht war der Weg dahin nicht. Nun sitzt sie an einem Holztisch in einem Berliner Hinterhof, in dem ihr Atelier liegt. Das ist praktisch, denn sie kann ihre Tochter spielen lassen, während sie arbeitet. Ihr Leben erfordert mehr Disziplin, als Künstler gemeinhin gewohnt sind. Die Inspiration hat sich nach den Öffnungszeiten der Kita zu richten. Und die schließt um 17 Uhr.

Ein wenig leichter sei es mit dem zweiten Kind, sagt Sonja Alhäuser. Denn immerhin lässt man sie ja inzwischen arbeiten. Auch in der Kunst ist das nicht selbstverständlich. Die Vorurteile, mit denen alleinerziehende Mütter zu kämpfen haben, kennt auch Sonja Alhäuser, obwohl man ja meinen sollte, dass es die in der liberalen Kunstszene gar nicht gibt.

CRU CCBB Brasília

Sonja Alhäuser ist Künstlerin und hat zwei Kinder, die sie alleine großzieht.

(Foto: Gilberto Evangelista)

Von wegen: "Beim ersten Kind habe ich lieber nicht erwähnt, dass ich Mutter bin, wenn es um eine Ausstellung ging, damit ich nicht aussortiert werde", sagt sie. "Mütter gelten als Risiko - als ob ein Mann ohne Kind nicht auch krank werden und seine Termine nicht einhalten könnte." Inzwischen hat sie sich einen Namen gemacht. Jeder Galerist oder Kurator, der mit ihr arbeitet, weiß, dass sie hinbekommen wird, was sie zugesagt hat, trotz der Kinder.

In Berufen, die feste Arbeitszeiten haben, ist das alles noch viel schwieriger. Und so gesehen ist es auch kein Wunder, dass diese Legionen alleinerziehender Mütter, die es in Deutschland gibt, es sehr oft nicht schaffen, finanziell unabhängig zu bleiben.

Die Bertelsmann-Stiftung hat eine Studie zu Alleinerziehenden in Deutschland in Auftrag gegeben, die im vergangenen Jahr veröffentlicht wurde, aber noch immer das Beste und Umfassendste zum Thema ist. Diesen Daten zufolge beziehen fast 40 Prozent der Alleinerziehenden in Deutschland Hartz IV; gibt es zwei Elternteile, sind es nur neun Prozent.

Alleinerziehend zu sein ist das höchste vorstellbare Armutsrisiko

Daraus ergibt sich folgende Frage: Warum sind mehr als eine halbe Million alleinstehender Frauen, die Kinder versorgen und von Hartz IV leben, kein Skandal? Sie scheinen zumindest nicht annähernd so viel Aufmerksamkeit zu bekommen wie die Frage, ob Deutschland eine Quotenregelung für Firmenvorstände braucht - das Anfang des Jahres beschlossene Gesetz betrifft nur 108 Unternehmen. 3500 weitere Firmen müssen sich eigene Zielvorgaben erarbeiten. Das durchzusetzen gilt als feministische Großoffensive. Aber die Armut alleinerziehender Mütter ist nicht einmal im Feminismus ein Thema, als sei die Abhängigkeit vom Sozialstaat besser als die von einem Ehemann.

Eigenes Geld bedeutet Freiheit: Das Recht auf den eigenen Lohn, Eigentum und Arbeit wurde schon beim allerersten feministischen Kongress gefordert, 1848 im amerikanischen Seneca Falls. Nach dieser Unabhängigkeit riefen die Suffragetten und die Kinderladenbewegung. Um diese Freiheit geht es beim Equal Pay Day, dem weltweiten Aktionstag für gleichen Lohn für Männer und Frauen. Gleiche Rechte - das setzt voraus, dass es auch die gleichen Chancen auf Wohlstand gibt.

Den ledigen Müttern scheinen all diese Anstrengungen wenig genützt zu haben. Es ist keine Schande mehr, wenn eine Frau ohne Partner ein Kind aufzieht - aber es ist das höchste vorstellbare Armutsrisiko. Scheidungen und Trennungen sind normal geworden. Aber haben sich unsere Moralvorstellungen deshalb grundsätzlich verändert?Die Ehe wird immer noch steuerlich bevorzugt. Eine Alleinerziehende wird nicht einmal bei der Vergabe von Kita-Plätzen bevorzugt.

Die Kunst kennt viele Krieger und Feldarbeiter. Bilder von Windeln aber kaum

Sonja Alhäuser hat es immer geschafft, sich allein zu erhalten - darauf könnte sie stolz sein. "Als Künstler lernst du, mit sehr wenig auszukommen. Und du musst ein Eichhörnchen sein. Sobald es gut läuft, musst du ein paar Nüsse an die Seite schaffen. Wenn du keine Nüsse sammeln kannst - dann kannst du eben kein Eichhörnchen sein."

Für viele Frauen gibt es keine Alternative

Manchmal hat sie Lehraufträge, das bietet für eine Weile Sicherheit. Künstlerin, das ist für eine alleinerziehende Mutter nur im Erfolgsfall der ideale Beruf. Sozialhilfe kam für sie nie infrage: "Das beschneidet dich sehr in deiner Freiheit, du musst alles offenlegen. Und es kam mir immer so vor, als käme man da ganz schwer wieder heraus."

Für viele Frauen aber gibt es keine Alternative. Und tatsächlich führt kaum ein Weg wieder hinaus, sagt der Kölner Sozialforscher Christoph Butterwegge. Er konzentriert sich seit Jahren auf die Entstehung von Armut, in diesem Jahr erschien sein Buch "Hartz IV und die Folgen". Seine Beobachtung: "Man muss über den Lohn die Miete und die Heizkosten erwirtschaften, denn die hat ja bislang das Jobcenter bezahlt; zweitens die Differenz zwischen Kindergeld und Hartz-IV-Regelsatz für Kinder. Und dann fällt auch noch das Bildungs- und Teilhabepaket weg. Die Hürden sind also ziemlich hoch - mit Mindestlohn ist das fast nicht zu schaffen."

Sonja Alhäuser hat für die Kinder nie mehr als den Mindestunterhalt bekommen und für sich selber zu sorgen, als junge Künstlerin, das schaffen manche nicht einmal ohne Kinder. Es ging, sagt sie, weil sie ihre Arbeit immer aus dem Alltag geschaffen hat. Das ist in der Kunst und in der Literatur ja eigentlich nicht ungewöhnlich. Ihre Zeichnungen, als Paul ein Säugling war, sind trotzdem eine Rarität.

Die Kunstgeschichte hat unzählige Feldarbeiter und Krieger hervorgebracht, aber wenig Windelkunst: "Mein Arbeitsrhythmus wurde oft vom Windeln Wechseln unterbrochen. Also habe ich angefangen, jedes Mal ein Baby und eine Windel zu zeichnen, bis ein Blatt voll war." Die "Baby Orgie I" hat ein Sammler gekauft.

Statistiken beweisen: Alleinerziehende Mütter arbeiten mehr

Wenn Sonja Alhäuser eine Ausstellung aufbaut, muss sie den Babysitter selbst bezahlen - als Investition in einen Verkauf, der noch gar nicht stattgefunden hat. Überhaupt bleibt die Kinderbetreuung ein Problem, meint Christoph Butterwegge, Kita-Öffnungszeiten passen nicht notwendigerweise zu Arbeitszeiten. Minijobs aber reichen meist nur für ein Leben in Armut, nicht nur, aber vor allem für Frauen.

Wie das alles kommt? "Es gibt natürlich die Theorie", sagt Butterwegge, "dass die Leute, die heute arm sind, früher in der Großfamilie mitgeschleppt wurden. Aber für mich ist das eine Verharmlosung. Es gibt eine starke Tendenz zur Prekarisierung. Eine der Ursachen ist die Aushöhlung der Arbeitsverhältnisse, die mal als normal galten - Vollzeit und unbefristet."

Alleinerziehende Mütter haben es auf diesem auf Effizienz gebürsteten Arbeitsmarkt besonders schwer. Sie begegnen, so Alhäuser, immer noch der Haltung, entweder im Job zu versagen oder als Mutter. Dabei erlebt sie dies als Hochschuldozentin anders: "Die Studentinnen mit Kind haben die besten Arbeiten produziert. Das ständige schlechte Gewissen hat sie zu Höchstleistungen getrieben." Dass alleinerziehende Mütter mehr arbeiten, beweist jede Statistik.

Herdprämien sind keine Antwort. Bei der geht es ja auch nie um nennenswerte Summen, um Kindererziehung zu entlohnen wie jeden anderen richtigen Beruf. Dies nämlich wurde von der "Wages for Housework"-Kampagne in den Siebzigern mal gefordert.

Mehr Bildung ist kein Ausweg

Der Feminismus fordert ohnehin nicht mehr die Entlohnung von Hausfrauen, sondern einen gerechten Anteil an allem, Politik, Führungspositionen, gesellschaftlicher Gestaltungshoheit. Im vorigen Jahrzehnt ging die Entwicklung für Frauen mit Kindern eher in Richtung Gleichberechtigung auf dem Papier. Das Unterhaltsrecht wurde 2008 geändert, das habe, sagt Butterwegge, "die Situation noch verschärft".

Frauen, besonders Alleinerziehende, haben es schwerer, einen Job zu finden - der dann schlechter bezahlt ist. Mehr Bildung ist jedenfalls kein Ausweg: "Im Niedriglohn-Sektor arbeiten zu zwei Dritteln Leute, die eine Berufsausbildung haben, elf Prozent haben einen Hochschulabschluss", so Butterwegge.

Es wird schlimmer werden, als es jetzt schon ist: Die alleinerziehenden Mütter werden jedes Jahr mehr. Die meisten von ihnen werden immer arm bleiben, denn wer nur wenig oder gar keine Rentenbeiträge gezahlt hat, qualifiziert sich für die Grundsicherung. Beim Thema Rente wird auch die sonst so fröhliche Sonja Alhäuser ganz still. Altwerden, Kranksein, auch das muss man sich leisten können. Der Plan der Frauenbewegung sah anders aus - die hatte die Männer im Blick, nicht aber die Allmacht der Märkte.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema