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"Frauenkatalog 1200" :Der Ritter und sein Weib

Rolf Vollmann: Frauenkatalog 1200 in zehn Bildern. Einleitung von Justin Vollmann. Die Andere Bibliothek, Berlin 2020. 344 Seiten, 44 Euro.

Heldische Fantasie um 1200: Rolf Vollmann verlebendigt Bildungswissen.

Von Hannelore Schlaffer

Das Mittelalter lebt - zumindest am Herrenstammtisch, wo betagte Leser sich im Angedenken ihrer jugendlichen Leselust der Artusromane erinnern und jener Helden, die noch Männer waren. Schwärmen dürfen sie da von Lancelot, der, zunächst allerdings nur ein "Submarineknabe", mit Parzival nicht hätte Schritt halten können, denn Parzival, so begeistert sich einer der Herren, "war wirklich, und dann wars auch Lancelot, ein anderer Bursche als dieser gelackte Tristan, von dem man sonst wunderwas erzählte".

In diesem Ton eines Seniors, der sich seines Bildungswissens freut und dieses durch die saloppe Sprache, mit der er davon spricht, verjüngt, gibt sich Rolf Vollmann seiner Erinnerung an die Lektüren der mittelalterlichen Heldenepen hin, der Werke Hartmanns von Aue oder Wolframs von Eschenbach und deren großen Figuren, Erec, Iwein, Gawan, Parzival. Die heldische Fantasie des 12. und 13. Jahrhunderts aufersteht in Vollmanns "Frauenkatalog" in der saloppen, gelegentlich schwäbisch gefärbten Umgangssprache der unheldischen Jugend von heute. Die höfischen Reimpaarverse der mittelhochdeutschen Originaltexte, die außer professionellen Germanisten niemand mehr lesen mag, übersetzt der Erzähler in eine möglichst anspruchslose Gegenwartssprache.

Vollmann ist ein Bildungsbürger, der in diesem Buch keiner sein will. Er hat das Mittelalter und seine Literatur studiert, kennt jede Miene seiner Helden, jede Rüstung, jedes Schwert und jedes Pferd, doch liegt ihm nichts ferner, als nun den Gustav Schwab zu spielen, der dieses Wissen popularisiert für einen Leserkreis, der zwar an Bildung noch glaubt, zu bequem jedoch ist, sich selbst einer Lektüre der befremdlichen Versepen zu unterziehen.

Solche Hilfen hat Vollmann schon mehrfach dem gebildeten Bürger geleistet, da er die Romane der neueren Weltliteratur in Erzählung zusammenfasste in jenem Bestseller etwa mit dem bestechenden Titel "Die wunderbaren Falschmünzer, ein Romanverführer" oder in einem weiteren, einem "Roman-Navigator", in dem er zweihundert "Lieblingsromane" der Weltliteratur bespricht.

Diese Werke und auch das neueste Buch über die mittelalterlichen Heldenepen wollen aber vor allem eigenständige literarische Werke des Autors Rolf Vollmann sein. In seinem jüngsten Buch zitiert er die großen Mythen des Mittelalters, aber nicht, um sie bekannt zu machen, auch nicht, um sie umzugestalten. Vielmehr drückt seine Erzählung die eigenen Einstellungen, seine Wertschätzung, seine Skepsis und vor allem sein Amüsement diesen seltsamen Stoffen gegenüber aus. Diese Bücher können zwar als Romanführer genutzt werden, sind aber eigentlich Konfessionen einer leidenschaftlichen Leserseele.

Nachgezeichnet werden "Bilder, die wir alle aus Wildwestfilmen kennen"

Nützlich oder zumindest genüsslich soll dieser "Frauenkatalog" schließlich nun doch sein, so zumindest redet es sich der Verfasser ein. Dem Leser allerdings wird eher schwindelig von all den Heldengeschichten, die da durcheinander fliegen, in denen es, wie immer in den mittelalterlichen Versepen und bei diesen Übergrößen von Mann, um Kampf geht, um Schwerterklirren und Sturz vom Pferd, wie etwa bei "Hartmann, dem von Aue, du kennst ihn glaub ich auch, er ist einer von unsrer Community".

Mit Frauen hat diese Community und auch Vollmanns "Frauenkatalog" nicht allzu viel zu tun, wenngleich jedem Helden ein Weib zugeordnet ist, mit dem der Ritter sich auf seine Art kämpfend beschäftigt. Wenn also der Titel des Buches nicht der eines Rattenfängers ist, der kalkuliert, dass Leser heute vor allem Frauen sind und diese am liebsten etwas von und über Frauen lesen, dann könnte man ihn geradezu als Wink auf eine versteckte aufklärerische Absicht des Buches verstehen. Sollte etwa das Schmunzeln, mit dem der Autor erzählt, ein leiser Spott sein auf diese wie auf alle Literatur, die Heldenträume auskostet, Schrecken, Niederlagen, Tod verherrlicht, um immer wieder dem Glanz der Sieger zu huldigen; sollte die übertriebene Munterkeit, mit der fabuliert wird, die vorsichtige Verachtung einer Literatur gegenüber ausdrücken, die den Leser in eine Über-Wirklichkeit führt und verführt?

Immerhin ist die Wirkung dieser Fantasien durchaus nicht, wie der Wissenschaftler und Mediävist trauernd feststellen müsste, untergegangen. Was Vollmann nachzeichnet, das sind, so deutet er gelegentlich an, "Bilder, die wir alle aus Wildwestfilmen kennen" und die auch sonst genug noch in der populären Kultur herumspuken.

Damit wäre denn, so könnte der erzählwütige und den modischen Slang auskostende Autor meinen, den lesenden Frauen und vielleicht auch manchem aufklärungsbedürftigen Mann klargemacht, dass, was sie an Literatur ernst nehmen, vom Versepos angefangen bis hin zum Filmepos, nichts anderes ist als Männerfantasie. Der saloppe Ton des Erzählers würde, so gesehen, den gebildeten Ernst infrage stellen, der als Pflicht zelebriert, was nie etwas anderes wollte, als Spaß zu machen.

In der Tat: So muss Rolf Vollmann seinen Katalog männlicher Heldentaten gedacht haben, und diese Aufklärung wäre löblich, wenn nur er selbst sich ihr nicht allzu freudig hingäbe, wenn er seinen Aufklärungsauftrag nur nicht mit gar so viel Behäbigkeit genösse.

© SZ vom 02.07.2020

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