Frauen in Hollywood Ladykracher

Der erste weibliche Regie-Oscar ging an einen Film, in dem knallharte Typen zelebrieren, wie knallhart sie sind. Gewann Kathryn Bigelow, weil man ihren Filmen nicht anmerkt, dass sie von einer Frau sind?

Von S. Vahabzadeh

Ein totaler Kassenflop als Oscar-Sieger, das gibt es im vom Kommerz besessenen Hollywood nicht oft. Es war also fast zu erwarten, dass der Sieg von Kathryn Bigelow als beste Regisseurin und von The Hurt Locker - Tödliches Kommando als bester Film den Eindruck hervorrufen würde, es sei gar nicht um den Film gegangen. Die Academy hat ja tatsächlich eine Schwäche für gute Geschichten, und liebt das Gefühl, Geschichte zu machen - der erste Regie-Oscar für eine Frau erfüllt beide Sehnsüchte. Erst drei Frauen vor Kathryn Bigelow waren überhaupt je nominiert, Lina Wertmüller, Jane Campion und Sofia Coppola.

Es ging aber wohl doch um den Film, vielleicht gar um Bigelow selbst - die geradezu berühmt dafür ist, dass sie sich von den wenigen Kolleginnen im dominanten englischsprachigen Kino unterscheidet. Sie macht Action, konzentriert sich auf Männer. In The Hurt Locker zelebrieren knallharte Typen von einem im Irak stationierten Bombenentschärfungskommando, wie knallhart sie sind, man könnte schon überrascht sein, dass dieser Film von einer Frau ist. Kathryn Bigelows Arbeit nimmt keine Rücksicht auf die Präferenzen eines weiblichen Publikums, das war noch nie ihr Ding. Point Break (1991) mit Keanu Reeves ist ein Cop-Surfer-Jungsfilm. Ihr U-Boot-Drama K 19 (2002) mit Harrison Ford ist eine testosterontriefende Story aus der frauenfreien Zone.

Die Leibeigenschaft der Frau ist zerschlagen - oder?

Gibt es überhaupt einen weiblichen Erzählstil und sollte es ihn geben? In gewissem Sinne natürlich schon. Der Mythos vom "Ewigweiblichen" gehört in eine "verstaubte Schublade", so Simone de Beauvoir in Das andere Geschlecht, 1949 - die sich nicht vorstellen konnte, wie die Gedankenwelt einer befreiten Frau sein würde.

Nun ist der Befreiungsvorgang keineswegs abgeschlossen - aber dass die Weltsicht von Männern und Frauen nicht deckungsgleich ist, ist eigentlich inzwischen klar. Vielleicht gibt es ja sogar ein Recht, die Welt anders zu sehen. Dichter werden sein, schrieb Rimbaud, wenn die "Leibeigenschaft der Frau zerschlagen ist . .. Sie wird seltsame, unergründliche, abstoßende, köstliche Dinge finden, wir werden sie nehmen, wir werden sie verstehen."

Im Kino, immer auf die Zusammenarbeit von vielen angewiesen, ist die andere Weltsicht selten, aber es gibt sie - mit Nora Ephron und Nancy Meyers sogar in der Blockbuster-Variante. Jane Campion war im Vorfeld für eine Oscarnominierung in diesem Jahr durchaus im Gespräch - für Bright Star, den viele Kritiker für den besten Film hielten, den sie je gemacht hat, Das Piano, für den sie seinerzeit die Oscar-Nominierung bekam, inklusive. Auch in Bright Star geht es um einen Mann, den Dichter John Keats, aber eben aus der Sicht der Frau, die ihn liebt.

Was nicht männlich ist, ist sekundär

Und wie Campion, die diese Geschichte auch geschrieben hat, ihre Hauptdarstellerin Abbie Cornish inszeniert als Franny, in ihren selbstentworfenen Kleiderkunstwerken, wie sie erzählt von der Liebe eines fürs 19. Jahrhundert viel zu toughen Mädchens zu einem lebensunfähigen Schwächling - das ist, mit Verlaub, kunstvoller und origineller als alles, was The Hurt Locker zu bieten hat. Aber es ist latent feministisch und irgendwie eine Sicht auf die Welt aus der Frauenperspektive.

Die Academy ist männlich dominiert, und es kann schon sein, dass Kathryn Bigelow dort mehr Anklang findet, weil man ihren Filmen eben nicht anmerkt, dass sie von einer Frau sind. Es ist ja in Ordnung, wenn man das nicht merkt - The Hurt Locker aber hat aber sogar die Bezeichnung "machohaft" verdient. Der Punkt ist, dass diese Regieleistung in 82 Jahren die einzige einer Frau ist, die die Academy ausgezeichnet hat.

Nur wer schaut wie sie, ist der Herren Preisung würdig. "Wir kämpfen gegen das tief verwurzelte Gefühl, dass die Dinge, die Frauen tun, weniger interessant und filmtauglich sind als das, was Männer tun, hat die Produzentin Lindsay Doran (Sinn und Sinnlichkeit, Die Firma) mal gesagt - das war zwar vor zwölf Jahren, stimmt aber offensichtlich immer noch. Die Welt bleibt das Lehen der Männer, und alles, was nicht männlich ist, ist automatisch das andere und sekundär.

Die Bruderschaft der Hollywoodianer

Etwa ein Zehntel der Drehbücher ist in Hollywood von Frauen, die Regie ist fast ausschließlich Männerdomäne. Es gibt zwar Studien, die belegen, dass Filme von Männern und Frauen mit vergleichbaren Budgets auch vergleichbare Einspielergebnisse erwirtschaften - aber vergleichbare Budgets sind selten. "Die Regie ist nicht offen für Leute, die nicht zur Bruderschaft der Hollywoodianer gehören - worin auch immer die bestehen mag", so Jodie Foster. "Weil es ein wichtiger Job ist, für den es keine offensichtliche Qualifikation gibt - wenn du eine junge Regisseurin bist, sitzt dir ein Produzent gegenüber, der dich nicht kennt, und soll sagen: Ich gebe dir fünf Millionen Dollar, möge die Kraft mit dir sein. Und die Männer, die da sitzen, wollen das einfach nicht mit jemandem machen, der nicht aussieht wie sie. Ich denke nicht, dass sie das bewusst tun."

Es gibt nicht viele Hollywood-Regisseurinnen, und sie bringen wenige Projekte durch. Martha Coolidge (Die Lust der schönen Rose), ehemalige Vorsitzende der amerikanischen Regiegilde, beklagt offenen Sexismus - bis hin zu dem Satz eines Studio-Managers, keine Frau über vierzig könne überhaupt einen Film stemmen. Frauen sollen in Hollywood jene Funktionen innehalten, die sie immer schon mühelos bekommen konnten: Schauspielerinnen - die nicht trotz, sondern mit ihrer Weiblichkeit Karriere machen, was heute wie damals bedeutet: mit ihrem Sex-Appeal.

Überall da, wo mit wesentlich weniger Geld als in Hollywood Filme gemacht werden, gibt es reichlich Frauen - im amerikanischen Indie-Kino, in Frankreich oder in Deutschland. Bei uns ist die Gruppe der kontinuierlich erfolgreichen, renommierten Regisseure sehr klein - und der gehören mit Doris Dörrie und Caroline Link dennoch gleich zwei Frauen an.

Am Anfang war alles anders: Hollywood trat die Nachfolge des Wilden Westens an, wo manche Errungenschaften der Gleichberechtigung sich ergaben, noch bevor sie anderswo gefordert wurden, Erb- und Besitzrechte beispielsweise, weil es kaum Familienverbände gab und drum auch nicht jede Witwe männliche Verwandte hatte. Auch Hollywood war eine Neugründung, für die Regeln angepasst und neu erfunden werden musste. In den Zehner- und Zwanzigerjahren zogen scharenweise alleinstehende Frauen nach Los Angeles, längst nicht alle wollten Schauspielerin werden.

Frauen bitte nur im Publikum

Auch das Geschäft hinter der Kamera stand ihnen offen - der bestbezahlte Autor in der Stadt war Frances Marion. Fast die Hälfte aller amerikanischen Filme, die zwischen 1912 und 1925 gedreht wurden, hatten Frauen geschrieben - die meisten wurden zwar nicht im Abspann erwähnt, aber die Unterlagen über die Urheberrechte liegen in der Library of Congress. Es gab Regisseurinnen, Alice Guy und Lois Weber, die zum Frauentrupp gehörte, den Carl Laemmle bei Universal um sich scharte - mit Weber als "Bürgermeisterin von Universal City". Mit dem Tonfilm kam das Golden Age von Hollywood, und als die Herren der Studios herausgefunden hatten, wie man mit Kino richtig viel Geld verdient - da wurde Filmemachen Männersache. Frauen kamen wieder nur noch in zwei Funktionen vor: als Schauspielerin und als zahlendes Publikum.