Am schlimmsten wird der Schmerz paradoxerweise, wenn er plötzlich weg ist. Oder, noch übler: wenn er durch ein anderes Reißen oder Ziehen ersetzt wird, das zur Abwechslung mal richtig wehtut. Besonders die Künstlerin kann ein Lied davon singen, in ihrem Kunstfellmantel und ihren Kunstlederstiefeln, hineingeworfen ins vermaledeite Leben der Bohème. Und weil dieses Lied tatsächlich ein Lied ist, nicht nur eine Redewendung, klingt es am Ende so: „Hey, hey, Melancholia – wo bist du denn geblieben?“
Fiona Lehmann singt das, mithilfe der einzig möglichen, durchdringenden Stimmfrequenz, mit der sie hier gegen den Gitarrenlärm ihrer Jungs ankommt. Frau Lehmann nennt sich die Band, „Melancholia“ heißt der Song, in dem sich „na klar“ auf „Béla Tarr“ reimt: die Klage darüber, wie wenig Spaß die im Dunkeln geguckten Arthouse-Filme auf einmal machen, die früher (also: noch vor zwei, drei Jahren) so ein gutes Gegengift gegen die verhassten Manieren der Sonnenschein-Kids waren.
Warum die Melancholie weg ist? Unklar. Vielleicht, weil sich auch kulturelle Dissidenz irgendwann abgenutzt anfühlt. Und einen Drall in Richtung Heimeligkeit bekommt, der alles ändert. „Komm zurück“, ruft Lehmann jedenfalls dem coolen Sentiment hinterher, gelangweilt, streng oder eventuell echt verzweifelt. „Auf dich war doch sonst immer noch Verlass.“ Bonne nuit tristesse, es war schön. Ein lauter, lustiger, rätselhafter, arroganter, absolut umwerfender Song.
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Indierock würde man wohl zu dem sagen, was diese Gruppe seit 2021 spielt, vom Hauptquartier in Leipzig aus. Man glaubt, die Gitarren sofort wiederzuerkennen, für die jemand mal das Verb „schrammeln“ erfand. Die Trainingsjacken und halb gerauchten Zigaretten, die mittellang frisierte Widerstandsromantik und mangelhafte Körperspannung. Man hört förmlich die Namen der berühmten Neunziger-Bands, die Leute aufzählen würden, um anderen zu erklären, wie das klingt.
Und trotzdem ist „Trost & Trotz“, dieses neue, ganz und gar erstaunliche Debütalbum von Frau Lehmann, zugleich Apotheose und Negation zu all den genannten Punkten. Ein Indierock-Album über die Unmöglichkeit, heute noch Indierock zu spielen. Frei nach Groucho Marx: Ich möchte nicht Teil einer Jugendbewegung sein, die Leute wie mich als Mitglieder aufnehmen würde.
Es klingt, als würde der Rock ’n’ Roll aus seiner Krise gerettet. Dieses Mal aber wirklich. Mindestens bis übermorgen
Und so flaniert hier das lyrische Ich – weiblich, ledig, übellaunig – durch die Großstadt und sucht sich seine Probleme. Kotzt auf Teppiche und in Papierkörbe, macht gepflegte Sauf- und Kinderlieder zu eher schäbiger Philosophie. Und wird dabei den verfluchten Gedanken nicht los, mit Mitte 20 eigentlich schon zu alt für den ganzen Käse zu sein.
„Schwer getroffen kämpfe ich die altbekannte Schlacht“, seufzt Lehmann zum Beispiel im großartigen Asphalt-Shanty „Rastloses Getier“, „in hoffnungsvoller Angst, dass sie mich niederstreckt heut Nacht.“ Man denkt an Hildegard Knef, Claire Waldoff, Erich Kästner – alle mit Haarspangen und Second-Hand-Klamotten, aufgereiht in der Rewe-Kassenschlange. In der unsere Erzählerin zwar plötzlich von schlimmen Regelschmerzen heimgesucht wird, sich aber trotzdem komisch unmündig fühlt. „Holt mich hier ab“, singt sie da, die vielfach Geplagte. „Denn ja, es stimmt: Ich bin ein gottverlass’nes Kind.“
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Es ist eine einzigartige Protagonistinnenfigur, die Sängerin und Songwriterin Fiona Lehmann hier erfunden hat: eine verkrachte, postfeministische Holly Golightly für die 2020er-Jahre, gedopt mit Bier und Psychopharmaka, schlau und nervig. Eine Frau, die mitten im urbanen Millennial-Berufsjugendlichentum die erste Pein des körperlichen und ideologischen Verfalls erlebt. Lehmann, 27, hat Wurzeln im Osten, wuchs im Schwäbischen auf. Ihr Roman „Oktober okay“ erschien vergangenes Jahr, und wenn man sie auf diesem Album singen hört, begleitet von einer Band, die immer schnell zum springenden Punkt kommt und das Harmonische nicht scheut – dann klingt das mal wieder so, als würde hier der Rock ’n’ Roll endgültig aus seiner zeitgenössischen Kreativkrise gerettet. Dieses Mal aber wirklich. Mindestens bis übermorgen.
Nur an einer Stelle explodiert den Debütanten spürbar der Kamm. „DLF Kultur will dass wir brennen“, schrieben sie als Antwort auf eine Radiodiskussion, in der es um die Frage ging, ob wahre Künstler eigentlich ablenkende Brotjobs haben dürften. Eine furiose Barrikadenhymne, in der die Band zur Abwechslung gar keinen Spaß versteht. „Wenn wir nichts zu essen haben, dann essen wir die Reichen“, skandiert Lehmann, im Namen aller unsubventionierten Szenehelden. Und lässt den Song mit einer Streicher-Coda ausklingen, einer spöttischen Hochkultursimulation.
Frau Lehmann werden sicher nie mit Orchester in der Elbphilharmonie spielen, vorher sterben sie an Langeweile. Man sollte sie besser jetzt hören. Dringend.

