Französischer Schriftsteller Patrick Modiano erhält den Literaturnobelpreis

  • Der Literaturnobelpreis 2014 geht an den französischen Schriftsteller Patrick Modiano
  • Modiano beherrsche die "Kunst der Erinnerung, mit der er die unbegreiflichsten menschlichen Schicksale wachgerufen habe", heißt es in der Jurybegründung
  • Das Werk des Schriftstellers beschäftigt sich vor allem mit dem Zweiten Weltkrieg und der Besatzung Frankreichs durch Nazideutschland

"Kunst der Erinnerung"

Der Literaturnobelpreis 2014 geht an den französischen Schriftsteller Patrick Modiano. Das teilte die Schwedische Akademie am Donnerstag in Stockholm mit.

Das Werk des 69-jährigen Schriftstellers thematisiere Erinnerung, Vergessen, Identität und Schuld, erklärte die Schwedische Akademie. Modiano beherrsche die "Kunst der Erinnerung, mit der er die unbegreiflichsten menschlichen Schicksale wachgerufen habe". Modianos Werk zeige die Lebenswelt während der Besatzung Frankreichs durch die Deutschen im Zweiten Weltkrieg.

In seinem jüngsten Buch "Der Horizont", aber auch in "Unfall in der Nacht" oder "Aus tiefstem Vergessen", beschreibt der 69-Jährige Erinnerungen an seine unglückliche Kindheit im Paris der Nachkriegszeit. Im Jahr 2010 erhielt Modiano den Preis der SWR-Bestenliste für "Place de l'Étoile". Das Buch, mit dem er in Frankreich unter demselben Titel 1968 sein Debüt feierte.

"Ich versuche bei den Menschen und den Dingen die Schicht des Vergessens zu durchstoßen", sagte der Autor in einem seiner wenigen Interviews vor etwas mehr als einem Jahr. Als er am Donnerstag von der Auszeichnung erfuhr, zeigte er sich verwundert. "Das erscheint mir ein bisschen unwirklich", so Modiano. "Ich würde gerne wissen, wie sie ihre Wahl begründet haben." Er könne es kaum erwarten zu erfahren, was die Gründe der Jury dafür gewesen seien, ihn auszuwählen.

Zuvor hatte seine schwedische Verlegerin gemutmaßt, die Nachricht werde für den menschenscheuen Patrick Modiano einen gehörigen Schrecken einjagen. "Ich glaube, das ist ein Schock für ihn", sagte Elisabeth Grate, die drei seiner Bücher auf Schwedisch herausgegeben hat, der Zeitung Svenska Dagbladet.

Modiano hat rund 30 Bücher verfasst, vor allem Romane, aber auch einige Kinderbücher. Er ist mehrfach preisgekrönt: Im Jahr 1978 erhielt er für "Die Gassen der dunklen Läden" den begehrten französischen Prix Goncourt.

Modiano zählte zu den Favoriten

Der Literaturnobelpreis für Patrick Modiano war für seinen deutschen Verleger keine allzu große Überraschung. In den vergangenen zwei Wochen sei Modiano ein heißer Kandidat gewesen, sagte Hanser-Verleger Jo Lendle am Donnerstag auf der Frankfurter Buchmesse. "Es ist für jeden Verlag eine besondere Auszeichnung", meinte Lendle zum Nobelpreis weiter. Er kündigte an, Modianos neuen Roman "Gräser der Nacht" vorzuziehen und bereits in den kommenden Tagen auf den deutschen Markt zu bringen.

Was Patrick Modiano auszeichne, sei "die Kompromisslosigkeit seiner Sprache und die Schönheit seines Französischen". Besonders politisch sei er nicht. "Man kann nicht mit dem Literaturnobelpreis immer nur aktuell auf Krisensituationen reagieren. Es ist auch wichtig, dass die Literatur der Autoren, die nicht aus einem Krisengebiet kommen, gewürdigt wird."

Nobelpreis Wie erstaunlich, wie schrecklich

Literaturnobelpreis 2013 für Alice Munro

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Im Vorfeld der Entscheidung 2014 waren außer dem Gewinner unter anderem Ngugi Wa Thiong'o, Haruki Murakami und Swetlana Alexijewitsch als Favoriten gehandelt worden. Im vergangenen Jahr hatte die Kanadierin Alice Munro den Preis erhalten. Letzte deutschsprachige Gewinner waren Herta Müller (2009), Elfriede Jelinek (2004) und Günter Grass (1999).

Männer aus dem Westen dominieren die Preisträgerliste

Der Nobelpreis für Literatur gilt als weltweit bedeutendste literarische Auszeichnung. Er ist mit acht Millionen Schwedischen Kronen (etwa 880.000 Euro) dotiert. Die Auszeichnung wird seit 1901 vergeben. Stifter war der schwedische Industrielle Alfred Nobel (1833-1896). Nach seinem Willen soll den Preis derjenige erhalten, "der in der Literatur das Ausgezeichnetste in idealistischer Richtung hervorgebracht hat". Das Werk soll von hohem literarischen Rang sein und dem Wohl der Menschheit dienen.

Kritiker werfen der Schwedischen Akademie allerdings eine gewisse Einseitigkeit vor, denn in der Geschichte der Auszeichnung dominieren bislang Preisträger aus dem westlichen Kulturraum. Unter den insgesamt 111 Auserwählten waren bislang nur sieben aus Afrika und Asien. Auch Frauen sind unterrepräsentiert: Vor der Ehrung für Munro im Jahr 2013 ging der Literaturnobelpreis nur zwölf Mal an eine Schriftstellerin, erstmals 1909 an Selma Lagerlöf, 2009 an Herta Müller.

Wahl in geheimer Sitzung

Die Auswahl der Kandidaten verläuft jedes Jahr streng nach traditionellen Regeln. Zuerst lädt das fünfköpfige Nobelkomitee 600 bis 700 Personen oder Organisationen per Brief dazu ein, geeignete Literaten für das kommende Jahr vorzuschlagen. Auch ehemalige Preisträger, Sprach- und Literaturwissenschaftler, wissenschaftliche Einrichtungen und Autorenverbände können Empfehlungen abgeben. Niemand darf sich aber selbst benennen.

Das Komitee erstellt dann Namenslisten, die in der Akademie auf fünf Kandidaten reduziert werden. Die Sitzungen des für drei Jahre gewählten Nobelkomitees sind streng geheim und müssen dies auch 50 Jahre lang bleiben. Spätestens am 31. Januar müssen die Vorschläge in Stockholm vorliegen. Jedes der 18 auf Lebenszeit gewählten Akademiemitglieder beschäftigt sich dann mit dem Werk der Nominierten und erstellt Berichte. Anfang Oktober wird der Preisträger durch Wahl bestimmt. Er muss mehr als die Hälfte der Stimmen aller Mitglieder erhalten.

Die Preisträger der vergangenen Jahre:

  • 2013: Alice Munro (Kanada)
  • 2012: Mo Yan (China)
  • 2011:Tomas Tranströmer (Schweden)
  • 2010: Mario Vargas Llosa (Peru/Spanien)
  • 2009: Herta Müller (Deutschland)
  • 2008: J.M.G. Le Clézio (Frankreich)
  • 2007: Doris Lessing (Großbritannien)
  • 2006: Orhan Pamuk (Türkei)
  • 2005: Harold Pinter (Großbritannien)
  • 2004: Elfriede Jelinek (Österreich)
  • 2003: John M. Coetzee (Südafrika)
  • 2002: Imre Kertész (Ungarn)
  • 2001: V.S. Naipaul (Trinidad und Tobago/Großbritannien)
  • 2000: Gao Xingjian (China/Frankreich)