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Französische Literatur:Wem die Stunde schlägt

Alice Zeniter schlägt ein neues Kapitel der französischen Literatur auf: Sie erzählt von den "Harkis", den Algeriern, die den Franzosen näherstanden als den Unabhängigkeitskämpfern.

Die Zwischenstufen von Selbstzweifeln und existenziellem Erinnerungsschwund sind eher selten in der jüngeren Entkolonialisierungsliteratur. Zu steil war der oft dramatische Weg in die Unabhängigkeit, als dass am Ende nicht immer wieder Opfer und Helden vor uns stünden. Sind Ali, sein Sohn Hamid, dessen Tochter Naïma, die Hauptfiguren dieses Romans, Opfer des algerischen Freiheitskriegs? Der Begriff wäre unzutreffend. Ali gehörte zu jener Kategorie Algerier, die den Franzosen nähergestanden haben als den algerischen Freiheitskämpfern. Zu jenen, die nach dem Unabhängigkeitsabkommen 1962 das Land verlassen und sich in Frankreich ansiedeln mussten, wo man sie in tristen Sozialwohnheimen ein geschichtsloses Schattendasein führen ließ. "Harkis" lautet die Verlegenheitsbezeichnung für diese Menschen, die auf der falschen Seite der Geschichte gelandet sind. Und dieses Buch ist der erste große Roman, der ihnen eine Stimme verleiht.

Lange hat es gedauert, bis diese totgeschwiegene Vergangenheit bei Naïma, einer aus der Normandie gebürtigen Kunststudentin, als eine Art Phantomschmerz an die Oberfläche gelangt und sie im Alter von 29 Jahren schließlich dazu veranlasst, zum ersten Mal in ihrem Leben nach Algerien zu fahren. In jenes "andere", reale Algerien, von dem sie so gut wie nichts weiß, immerhin aber so viel: "Wenn man gezwungen ist, sich die Informationen über das Land, aus dem man angeblich stammt, bei Wikipedia zusammenzusuchen, dann gibt es vermutlich ein Problem".

Was aus den Recherchen der jungen Frau, die der Autorin Alice Zeniter in manchem ähnlich sieht, zu Tage gefördert wird, ist mehr als eine Familiengeschichte über drei Generationen hinweg. Es ist ein historischer Abriss der französischen Präsenz in Algerien seit 1830, die Erforschung eines blinden Flecks der Zeitgeschichte und eine Reflexion über das heutige Frankreich, das nach der lang hinausgezögerten Auseinandersetzung mit dem Algerienkrieg sich nun auch der Geschichte der "Harkis" stellen muss.

Ali nutzt seine Kontakte zur französischen Armee, um seine Familie zu schützen

Die 1986 in der Normandie geborene Alice Zeniter hat mit diesem Roman - bereits ihr fünfter - mit Finesse und Erzähltalent ein literarisches Pionierwerk zu diesem Thema vorgelegt. Zerrbilder von Unterdrückung und Terror sind hier nicht zu finden. Ein Schleier von Ungewissheit, Halbbewusstsein, Zweifel, Zufall und Rätselhaftigkeit hängt über den historischen Ereignissen. Dass Ali, der in seinem Dorf an den kabylischen Hängen zu Ansehen und einem gewissen Wohlstand gekommene Landbesitzer, nach den ersten Angriffen der Nationalen Befreiungsfront FLN im Jahr 1954 zu dieser Bewegung auf Distanz geht, hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass die mit ihm rivalisierende Landbesitzerfamilie im Dorf die Bewegung unterstützt. Auch bezieht Ali als ehemaliger Soldat der französischen Armee eine kleine Kriegsrente.

ALGERIE-GUERRE-HARKI

Eine Kompagnie von „Harkis“ während der Feierlichkeiten zum Gedenken an das Ende des Zweiten Weltkriegs am 8. Mai 1957 in Algier. Die Hilfssoldaten der französischen Armee waren nach der Unabhängigkeit Algeriens starken Repressionen ausgesetzt.

(Foto: Jacques Grevin/AFP)

Wenn dieser kabylische Bergbauer als Vizepräsident der französischen Kriegsveteranen im kleinen Vereinslokal sein Anisette süffelt, interessiert ihn die Zukunft nur insoweit, als sie eine erweiterte Gegenwart ist. Für eine Zukunft in historischen Dimensionen reicht seine Fantasie nicht aus. Die Hauptsorge ist für ihn, seine Familie, seinen Betrieb, seine Welt möglichst ungestört vor sich her zu tragen, "damit nichts umfällt und nichts verrutscht".

Die Kontakte zur französischen Armee nutzt er während der Eskalation zwischen Terroranschlägen und Vergeltungsschlägen, um das Schlimmste von seiner Familie und von seinem Dorf abzuwenden. Schließlich muss er aber einsehen: Vom Berg kommt nichts Gutes mehr, denn ein Befreiungskommando hat sich dort oben versteckt und gegen die Brutalität der französischen Strafaktionen kann auch Ali nichts ausrichten.

Nach den Unabhängigkeitsverträgen 1962 hat für ihn und seine Familie die Stunde geschlagen. Aus den spöttischen Bemerkungen, wenn er durchs Dorf geht, werden Beleidigungen und Drohungen. Eines Morgens wird ein Kollege aus dem Kriegsveteranenverein mit durchgeschnittener Kehle aufgefunden. Mag Ali auch darauf beharren, er sei kein Verräter gewesen, muss er doch mit seiner Familie unter französischem Geleit sein Land verlassen. Was dann in den Auffanglagern und schließlich in einer trostlosen Sozialwohnsiedlung der Normandie folgt, ist ein geknicktes Selbstwertgefühl über Generationen hinweg. Der einst selbstgewisse Dorfpatriarch erscheint in den Augen der eigenen Kinder als unbeholfener analphabetischer Sozialfall, der sich von seinem Erstgeborenen Hamid die amtlichen Formulare vorlesen lassen muss und in der Fabrik seinen französischen Vorgesetzten nicht anders als unterwürfig begegnen kann.

Hamid kommt etwas weiter im Leben. Er liest als Gymnasiast unter dem fernen Echo der Pariser Studentenrevolte Karl Marx, findet später eine Stelle im Sozialdienst, heiratet eine Französin und die vier Töchter wachsen als waschechte Französinnen heran. Eine davon ist Naïma, die Zentralfigur des Romans. Nach ihrem Studium arbeitet sie in einer Pariser Kunstgalerie, findet irgendwann, es sei genug mit dem Schweigen über ihre Herkunft und bricht zur Recherche nach Algerien auf.

Alice Zeniter: Die Kunst zu verlieren. Roman. Aus dem Französischen von Hainer Kober. Berlin Verlag, Berlin 2019. 560 Seiten, 25 Euro

Das gesamte Spektrum zwischen Verlegenheit, Schweigen, Opportunismus, Selbsttäuschung, Verrat und Vergessen leuchtet der Roman in seinem Figurenpanorama subtil aus. Die Existenz dieser Namenlosen - "Algerien nennt sie Ratten, Hunde, Unreine, Banditen, Frankreich nennt sie gar nicht oder behelfsmäßig eben Harkis" - wird in Szenen unmittelbarer Lebensrealität anschaulich. "Wir sehen uns in Frankreich wieder", sagt Alis Freund Claude bei der Abreise zurück ins Mutterland nach dem algerischen Unabhängigkeitsabkommen, und gibt vor, es zu glauben. Die algerischen Heimatvertriebenen vegetieren hingegen Monate lang im Schlamm der französischen Auffanglager, wo die Kinder bei der Kleiderverteilung ihre Größe am Stacheldraht der Einzäunung messen. Und in ihren Sozialwohnsiedlungen kaufen die Leute dann aus lauter Angst vor Stilfehlern in der neuen Behausung den Hausierern die scheußlichsten Wohnzimmergarnituren ab.

Mithilfe eines klugen Versteckspiels zwischen der Figur Naïma und einem im Text ab und zu auftauchenden "Ich" hat die Autorin ihr autobiografisches Material zu einem reichhaltigen Roman verdichtet. Diese Verdoppelung erlaubt ihr auch, zur Hauptfigur auf Distanz zu gehen. Wenn Naïma nach den Pariser Attentaten von 2015 den Terroristen innerlich vorwirft, solche Akte schürten nur den französischen Araberhass, schaltet sich die Ich-Erzählerin mit dem Einwand ein, genau diese Fehlüberlegung habe sechzig Jahre früher auch ihr Großvater Ali gegenüber dem Befreiungsterrorismus schon gemacht. Gesellschaftsspaltung durch Hass sei kein unbedachter Nebeneffekt, sondern das Ziel der Terroristen. Der Vergleich ist so fragwürdig wie diskussionswürdig.

Und diskutiert wird in diesem Roman tatsächlich viel, etwas zu viel. Auch geht die anfänglich geschickt komponierte Erzählung in eine konventionelle Chronologie über, inklusive überflüssiger Episoden aus Naïmas Liebesleben und der Pariser Tagesaktualität. Doch schmälert das die Qualitäten des Romans nur am Rand. Und ein besonderes Lob gilt dem Übersetzer Hainer Kober, der den Nuancenreichtum der Analyse, die erzählerische Spannung und die scharfe Bildpräzision des Originals in vollem Maß zu vermitteln versteht.

© SZ vom 02.05.2019

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