Süddeutsche Zeitung

Französische Literatur:Vintage-Machismo

Zum 100. Geburtstag von Boris Vian: Die Literatengruppe Oulipo vollendet sein Krimi-Fragment "Kein Entrinnen". Aber was bedeutet das "F" auf dem Bauch? Fahrenheit? Frank? Franzose?

Von Joseph Hanimann

Wie das Alterswerk von Boris Vian ausgesehen hätte, der vor hundert Jahren, am 10. März 1920 geboren wurde, ist schwer zu sagen. Er hatte es zu eilig mit dem Leben, um altern zu können. So hat der im Alter von neununddreißig Jahren verstorbene Schriftsteller, Jazzmusiker, Schauspieler, Sänger, Maler, Übersetzer eine Menge Ideen und angefangene Dinge hinterlassen. Die Werkausgabe umfasst fünfzehn Bände. Auch da ist aber nicht alles drin.

Seit Jahren hielt die Nachlassverwalterin Nicole Bertolt das Manuskript eines Kriminalromans unter Verschluss, das ihr Vians Witwe Ursula Vian-Kübler einst übergeben hatte. Der Autor, der unter dem Pseudonym Vernon Sullivan mehrere Krimi-Parodien verfasst hatte, schrieb im Dezember 1950 über jenes Projekt enthusiastisch an seine damalige Frau Michèle, das Thema sei so gut, dass er sich selber "ein bisschen bewundern" müsse. Und sollte die Sache schiefgehen, würde er sich "mit Rahatlos-Lokum (rateloucoum) und gegrillter Banane umbringen". Über eine Synopsis und die ersten vier Kapitel kam das Projekt dann aber nicht hinaus.

Im Einvernehmen mit Vians Sohn entschied die Nachlassverwalterin nun, dem Krimifragment eine würdige Zukunft zu bescheren. Sie beauftragte die Literatengruppe Oulipo, den Roman zu Ende zu schreiben. Das 1960, ein Jahr nach Vians Tod, gegründete "Ouvroir de littérature potentielle" ist ein Kollektiv, das mit Formkombinatorik, kühnen Regelvorgaben und komplexen Anspielungskaskaden der Literatur die letzten Reste romantischer Einfühlung auszutreiben sucht. Die Verbindung zwischen Vian und Oulipo leuchtet ein. Der Oulipo-Mitbegründer Raymond Queneau war ein entschiedener Verteidiger von Boris Vian als Schriftsteller.

Hilflos muss er zusehen, wie seine Ex-Geliebten umgebracht werden

So machte sich die Literatengruppe, zu der heute Jacques Roubaud oder Hervé Le Tellier gehören, munter ans Werk. Unter dem Titel "On n'y échappe pas" (sinngemäß: Kein Entrinnen) - dem Satz, mit dem Vian seine Synopsis zum Romanprojekt schloss - ist der Krimi nun erschienen (Boris Vian et Oulipo: On n'y échappe pas, Fayard, Paris. 2020. 216 S., 18 Euro). Die Ich-Form von Vians Erzähler Frank Bolton, einem aus Korea nach Amerika zurückkehrenden Kriegsveteranen mit einer in Leder gehüllten Metallspange anstelle der linken Hand, haben die Oulipo-Autoren beibehalten. In seiner Heimatstadt muss dieser Mann hilflos erleben, wie alle seine ehemaligen Geliebten eine nach der anderen auf grausame Weise ermordet werden.

Immer kommt er mit seiner Rettung zu spät. Die entstellten Leichen erinnern ihn an die fünf Chinesen, die er selber in Korea niedergemacht hatte. Mit einem zwielichtigen Freund begibt er sich auf die Suche nach dem perversen Mörder und kommt schließlich auf die eigene Mutter, die er mit zwei Schüssen erledigt. Darüber verliert er die Lust am Leben und zwingt, so Vians Ankündigung in der Synopsis, den Familienseelsorger mit vorgehaltener Pistole, zu schwören, dass es kein Jenseits gibt, dass er also kein Wiedersehen mit der Mutter riskiert. Dann erschießt er sich, wie einst die Chinesen. Kein Entrinnen also. Das schnelle Erzähltempo mit den kruden Einfällen von Boris Vians vier Eingangskapiteln geht in der Folge in ein dichtes Kalauer- und Anspielungsdickicht über.

Die Oulipo-Leute treten in der Rolle von Übersetzern eines angeblich englischsprachigen Originaltexts auf und spielen genüsslich mit allerlei Übertragungsfehlern. Ausgesuchte Jazz-Stücke klingen durchs Buch, Präsident Truman ruft den Notstand gegen die "kommunistische Aggression" aus und einige denkwürdige Baseballresultate machen klar, dass die Romanhandlung in den frühen Fünfzigerjahren spielt.

Große Bedeutung kommt in der Geschichte dem Sexualleben des unermüdlichen Frauenjägers Frank Bolton zu. Selbst die Cheffahnderin bei der Polizei zeigt sich als einstige Geliebte des Helden aus der Bettperspektive. In ihrer Nachbemerkung sprechen die Oulipo-Autoren von einem "Vintage-Machismo", mit dem sie die damaligen Männerfantasien zur Darstellung bringen wollten. Auch amüsierten sie sich offensichtlich mit der Notwendigkeit, die Sexszenen rückwirkend an der Zensur jener frühen Nachkriegsjahre vorbei schreiben zu müssen.

Was bedeutet das "F" auf dem Bauch? Fahrenheit? Frank? Franzose?

Alice Stein, alias Gertrude Toklas, heißt bei ihnen eine Geliebte des Romanhelden, deren Brüste auf Streichelberührung unterschiedlich reagieren. Der Name verschränkt den der amerikanischen Dichterin mit dem ihrer Lebensgefährtin. Einer anderen Frau wird nach dem Mord im Roman mit dem Brenneisen ein "F" auf den Bauch gebrannt. Bolton und sein Genosse rätseln über die mögliche Botschaft dieses Buchstabens. Fahrenheit? Frank? Oder doch Franzose? Ein Rivale Frank Boltons um diese Frau war Franzose und hatte ihr nach dem Vorbild des Oulipo-Schriftstellers Georges Perec Widmungsgedichte geschickt, die nur aus den Buchstaben ihres Namens bestanden.

Manches wirkt gekünstelt an dieser anspielungs- und zitatgespickten Krimi-Parodie. Manche Hinzufügungen wie das Zeitungsfoto von der Verurteilung Ilse Kochs, der Lagerhexe von Buchenwald, das den Romanhelden an seine Mutter erinnert, sind offensichtlich fehl am Platz. Das Experiment der Romanvollendung zeigt aber, wie lebendig die wilde Fantasie Boris Vians geblieben ist und wie vielfältig sie selbst aus ein paar abgebrochenen Skizzen weiter sprießt.

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Quelle:
SZ vom 10.03.2020
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