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Französische Literatur:Liebe ohne Gender

Im Umfeld der "Werkstatt für potenzielle Literatur" erschien 1986 Anne Garrétas Roman "Sphinx", der seine Figuren nicht auf ein eindeutiges Geschlecht festlegen möchte. Jetzt ist der Text endlich ins Deutsche übersetzt worden.

Von Cornelia Fiedler

Was für ein Irrlicht von einem Text! Mit jedem Umblättern blitzen neue verführerische Hinweise auf, verleiten zu eindeutigen Mann- oder Frau-Assoziationen - und locken einen doch in die Irre. Die französische Schriftstellerin Anne Garréta lässt die Lesenden Seite um Seite genüsslich scheitern. Denn ihr Roman "Sphinx", diese Geschichte einer schmerzlich schönen Liebe, verschweigt das Naheliegende, das Geschlecht der Liebenden. "Sphinx", in Frankreich bereits 1986 erschienen und jetzt erst ins Deutsche übersetzt, ist ein packendes literarisches Experiment.

Garréta orientierte sich in ihrem Romandebüt an der Arbeitsweise der 1960 gegründeten Künstlergruppe "Ouvroir de litteŕature potentielle" kurz OuLiPo, der "Werkstatt für potenzielle Literatur", - bis zur Aufnahme Garrétas im Jahr 2000 ein reiner Männerklub. Das erklärte Ziel der OuLiPo ist es, Sprache und Erzählen durch selbstauferlegte Einschränkungen auf ein neues Level zu heben. Legendär ist Georges Perecs Roman "La Disparition", der auf mehr als 300 Seiten kein einziges "E" enthält.

Garrétas Ansatz geht darüber hinaus und sorgt beim Lesen bis heute für massive Irritationen. Egal ob sie ein wehmütiges Lächeln, einen herausfordernden Blick oder einen Lichtschimmer auf nackter Haut schildert - jedes Bild, das vor dem geistigen Auge entsteht, entlarvt die eigene Wahrnehmung als erschreckend stereotyp und zwanghaft binär. Viel mehr als Frau, Mann, und mit einiger Mühe einen Touch von Transgender hat das Kopfkino schlicht nicht zu bieten.

Ganz anders das schillernde Milieu der Pariser Club- und Cabaret-Szene, das Garréta entwirft. Hier erlebt das junge erzählende "Ich" auf ausgedehnten nächtlichen Streifzügen eine wohltuende Gegenwelt zum zähen Alltag seines Theologiestudiums. Der plötzliche Drogentod eines DJs in der angesagten Disco "Apocryphe" verschafft der zurückhaltenden, ewig beobachtenden Hauptfigur dann unverhofft einen Job mitten im Zentrum des pulsierenden Nachtlebens. Eines Abends trifft sie im Cabaret "Eden" auf "A***", zehn Jahre älter, Star einer Tanzrevue, ein autochthones Nachtwesen. Zwischen beiden entwickelt sich eine Nähe, die Liebe wird, ohne benannt zu werden. Sie treffen sich häufig, verreisen gemeinsam, provozieren aufgrund ihrer gegensätzlichen Wesensart jede Menge Kopfschütteln.

Sie scheren sich nicht um Konventionen, erst recht nicht um Herkunft oder Hautfarbe

Die Lovestory entwickelt sich relativ klassisch: In der langen Phase der Freundschaft wirbt "Ich" hartnäckig und süß altmodisch um seinen Schwarm. A*** dagegen befürchtet, Sex könnte die Liebe ruinieren. Irgendwann wagen sie es doch und durchleben gemeinsam einsam die Höhen und Tiefen einer offenen Beziehung. Dabei spart Garréta die Themen erotische Anziehung und Sex nicht aus, sie erzählt sie losgelöst von eindeutig hetero- oder homoerotischen Bildern.

Beim Lesen flaut der Wunsch nach Eindeutigkeit ab, je mehr einem die Charaktere ans Herz wachsen. Irgendwann dürfen sie sein, was sie sind, zwei Menschen, die sich lieben. Einer spröde, suchend und von jener Sorte Traurigkeit, die ein allzu scharfer Blick auf die Welt mit sich bringt. Einer mit großem Willen zur Leichtigkeit, dem es scheinbar mühelos gelingt, eins zu sein mit sich, seinem Körper und dem selbstgewählten Leben. Beide scheren sich weder um Konventionen noch um ihre unterschiedliche Herkunft und Hautfarbe.

So ist es angenehm selbstverständlich, dass auch Gender und sexuelle Orientierung für sie kein Thema sind. Zugleich reflektiert das grübelnde, oft eifersüchtige Ich allerdings seine unrühmliche Rolle als erzählende Person: Von Anfang an hat es in dem geliebten Menschen vor allem das gesehen, was es sehen wollte, statt zu versuchen, dessen Wesen zu begreifen.

"Sphinx" wurde 2015 ins Englische und nun ins Deutsche übersetzt. Da läge die klassische Rezensions-Formulierung nahe, Garréta sei 1986 "ihrer Zeit voraus" gewesen. Das stimmt so nicht. Es ist noch viel schlimmer. "Sphinx" ist auch unserer Zeit weit voraus, in der Menschen, die sich keinem Gender zuordnen, massiv angefeindet werden und traditionelle Rollenmuster ein grausiges Comeback feiern.

Anne Garréta: Sphinx. Aus dem Französischen von Alexandra Baisch. Edition fünf, München 2016. 184 Seiten, 19 Euro, E-Book 11,99 Euro.

© SZ vom 10.05.2017
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