Süddeutsche Zeitung

Französische Literatur:Irrwege des Ablebens

Drei Jahre hat Hélène Cixous Verfall und Tod ihrer Mutter begleitet. Ihr Buch darüber ist ein kleines Wunder.

Wenn eine Sterbende statt in Leintücher in Worte gebettet wird, entsteht im Idealfall ein Buch wie dieses. Berührungen erträgt die 103-jährige Ève mit ihrem von Blutnarben, Hautblasen und Aussatz übersäten Körper sowieso nicht mehr. Es muss etwas Feineres her, um das nackte Elend zu bedecken und das nur noch lallende Leid zu stillen. Dieses Feingewobene ist die Sprache der H., Tochter der Dahinscheidenden, die der Wimmernden Tag und Nacht mit ihren Worten beisteht, um den Schmerz zu lindern, die Angst zu besänftigen, den Überdruss in Versuche skurrilen Scherzens zu wenden, bis zu dem Moment, wo sie mit ihrem Kuss die noch lauen Lippen der gerade Verstorbenen versiegelt. Oder vielmehr: Es sind die gemeinsamen Worte der beiden Frauen, der Wachenden und der Dahindämmernden. Dieses Buch sei bis zur letzten Zeile von ihrer Mutter selber geschrieben worden, betont die Autorin im Prolog. Beim Abschreiben sei es nur noch einmal, etwas anders geschrieben worden.

Drei Jahre lang dauerte die Zweisamkeit von Ève und H. im Angesicht des nahenden Todes. Im Januar 2013 begann dann die letzte Phase der gemeinsamen Odyssee und am 1. Juli desselben Jahres war das Ende erreicht. So eng verschlangen sich dabei die Worte ineinander, dass die Subjekte sich vertauschten. "In diesen Szenen ist die Tochter die Mutter, wir sind verkehrt herum, die Mutter war, ist Kind, die Tochter ist Mutter, die noch Tochter ist."

Der im Original 2014 erschienene Text von Hélène Cixous liest sich wie ein zeitlich vor- und zurückspringendes Tagebuch, verfasst im zeitlosen Raum der Wochen unmittelbar nach Èves Tod. Was in jenem Zeitraum zwischen Trauer, Erinnerung, Träumerei und Nachdenken bei dieser Autorin der "dekonstruktiven" französischen Gegenwartsliteratur an thematischen Anspielungen, wortphonetischen Nebenklängen, lexikalischen Obertönen und philosophisch Mitgedachtem zusammenkam, ist von einer Dichte, die eigentlich unübersetzbar ist. Nur die auf das leiseste Binnenecho der Worte achtende, die verborgenste Anspielung aus dem Text heraushörende und mit dem Werk der Autorin bestens vertraute Claudia Simma konnte so ein Unterfangen retten.

Statt der weiblichen Endung im Französischen steht im Deutschen eine Träne

Die Schwierigkeit beginnt schon beim Buchtitel. Wie bringt man die auf Französisch im Dichter Homer verborgene Mutter ("mère") aus dem Originaltitel "Homère est morte" ins Deutsche herüber? Die von der Übersetzerin offenbar in Absprache mit der Autorin gewählte Lösung verliert durch das einschränkende Possessivpronomen zwar die apodiktische Gewalt der französischen Ursprungsversion, ist als Verdeutlichung des weiblichen Nebenklangs im Titel - Homer als Frau und Mutter - aber vertretbar. Noch erstaunlicher ist das laut Übersetzerin ebenfalls von Cixous angeregte Verfahren, die im Deutschen nicht vorhandene Differenzierung der weiblichen Adjektivform ("mort-e", "fort-e") zu kompensieren. An jeder Stelle, wo auf Deutsch die weibliche Adjektivendung des Französischen fehlt, fließt - wie im Manuskript der Memoiren des Herzogs von Saint-Simon an den Stellen, wo er seine verstorbene Frau betrauert - im Text visuell eine Träne.

Die 1937 geborene Hélène Cixous legt in ihren Büchern Wert auf den weiblichen Grundgestus beim Schreiben. Die Nähe zwischen Mutter und Tochter auf den langen Irrwegen des Ablebens wird hier als ein zu zweit verfasstes Wegprotokoll präsentiert mit eingestreuten Dialogen. Unbeschönigte Darstellungen des körperlichen Zerfalls, banale Sorgen des Krankenalltags, Reflexionen über das Vergehen der Zeit, aber auch Anfälle von Überdruss, Ungeduld, Schlussmachenwollen wechseln einander ab, durchsetzt von Momenten schräger Komik, wenn etwa von Èves "Quiek-Quiek-Periode" die Rede ist, wo die Kranke schon nicht mehr verständlich sprach, aber noch nicht ganz verstummte.

Die Intimität zwischen den beiden Frauen zieht generationsübegreifende Kreise

Aus dieser Intimität am Pflegebett entsteht aber kein exhibitionistischer Leidensbericht, sondern die Erzählung eines Abschieds, dessen Worte wie die Körperabdrücke nach einer engen Umarmung eine Zeitlang noch die Spuren des anderen bewahren. Aus der Nähe sieht H. die fortschreitende Arbeit des Todes auf dem Gesicht von E. erst, wenn sie die von ihrem Sohn geknipsten Fotos der Kranken betrachtet. Zuvor hatte sie ihre Mutter immer nur als eine "Sie-gerade-zum-gegenwärtigen-Zeitpunkt" wahrgenommen. Und die rollenvertauschende Intimität zwischen den beiden Frauen zieht im Text generationsübergreifende Kreise.

Die von H. versorgte E. hatte ihrerseits Jahrzehnte zuvor ihre fünfundneunzigjährige Mutter, die einst aus Osnabrück nach Frankreich gekommene Omi Rosi Klein, versorgt. Zusammen mit ihrem Gatten Georges Cixous war Ève in den Dreißigerjahren dann nach Algerien gezogen. Doch nichts ist beständig in diesem Leben. Algerien sei ein schönes Land gewesen, sagt Ève, doch dem habe sie nie nachgetrauert. "Und Deutschland?", fragt H. in Anspielung auf das Herkunftsland ihrer Großmutter. Das sei schwerer gewesen, nur - "Algerien, Deutschland, da gehörten wir nicht hin".

Wie die räumliche Dimension flimmert in diesem Text auch die Zeit. Aus dem mahnenden "Halt' dich grade!" der Großmutter auf Deutsch und dem nachgedoppelten "Tiens-toi droite" der Mutter an die Sechsjährige 1943 im algerischen Oran steigt in der Erinnerung wie bei Marcel Proust zwar eine ganze Kinderwelt auf. Ganz anders als bei Proust entfaltet sich aber aus dem Stück Croissant oder Brioche, an dem die sterbende Ève täglich kaut, oder aus dem kurzen Glücksmoment eines gemeinsam getrunkenen Café liégeois keine wiedergefundene Zeit, sondern nur das Verglühen einer Komplizenschaft zwischen zwei Wesen, das ein zwielichtiges Trauern zurücklässt. Immerhin ist dessen Leuchtspur so stark, dass man sie auch beim wiederholten Lesen dieses für den Internationalen Literaturpreis nominierten Buchs noch erkennen kann.

Hélène Cixous: Meine Homère ist tot... Aus dem Französischen von Claudia Simma. Passagen Verlag, Wien 2019. 208 Seiten, 25,60 Euro

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SZ vom 07.06.2019
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