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Französische Literatur:Ein Vorrat an Gras und eiligem Wasser

Philippe Jaccottet

Fern von Paris, den Wolken nah: Philippe Jaccottet.

(Foto: Gérard Khoury)

Verse aus einer Welt fern von Paris: Die "Gedanken unter den Wolken" des großen französischen Dichters Philippe Jaccottet in einer zweisprachigen Ausgabe.

Von Helmut Böttiger

Im Alter von 27 Jahren hat sich Philippe Jaccottet 1953 an einen entlegenen Ort in Südfrankreich zurückgezogen, zusammen mit seiner Frau Anne-Marie, einer bildenden Künstlerin. Sie haben das kulturelle Milieu in Paris seinerzeit nicht mehr ertragen und leben jetzt immer noch in Grignan, im Schatten der großen Festungsanlage auf dem Berg. Im Lauf der Jahre ist dort ein großes poetisches Werk entstanden. Vor einigen Jahren wurde Jaccottet in die "Bibliothèque de la Pléiade" aufgenommen, was einem lebenden Autor in Frankreich nur sehr selten widerfährt. Ins Deutsche ist sein Werk durchaus repräsentativ übersetzt worden, "Gedanken unter den Wolken" allerdings, ein wichtiger Zyklus aus dem Jahr 1983, nur in kleinen Teilen. Diese Lücke wird jetzt mit einer vorbildlichen zweisprachigen Ausgabe geschlossen.

Jaccottet wurde von der französischen Kritik bereits früh eine "Ästhetik des Verschwindens" nachgesagt. Seine Texte leben von Aussparungen, von einem Verzicht auf Ausschmückung und großer rhetorischer Geste. Das höchste Ideal scheint eine unvoreingenommene Einfachheit zu sein, eine Wahrnehmung, die so genau ist, dass sie durch die Dinge und die Räume hindurchsieht und mit ihnen sogleich ein spezifisches Lebensgefühl evoziert - einen bleibenden Moment. Es geht hier nicht um theoretische Diskurse. Für Jaccottet ist nicht die Sprache selbst das Thema, sie ist auch kein Material, über das man spielerisch verfügen kann. Im Zentrum steht für diesen Dichter die Unfähigkeit auszudrücken, was man wirklich sieht. Umso stärker möchte er "einen Zauber hervorlocken aus den alltäglichsten Worten".

"Wir sehen" ("On voit"), der Beginn des Bandes, wirkt wie das poetische Manifest Jaccottets. Es sind kurze, wie festgefrorene Sätze, in denen Gedanken und Wahrnehmungen untrennbar miteinander verbunden sind. "So viele Jahre / und wahrhaft so dürftiges Wissen" - so beginnt einer dieser Texte, und daraus resultiert der Antrieb für ein Schreiben, das die Existenz bis zu ihrem absehbaren Ende auf fragile Weise trägt: "Ich hab meinen Vorrat an Gras und eiligem Wasser, / halte mich leicht, / damit das Boot nicht so tief einsinkt." Friedhelm Kemp hat diesen Abschnitt schon einmal übersetzt, bei ihm lautete der Schluss: "ich habe mich leicht erhalten, / auf dass der Nachen weniger einsinkt." Elisabeth Edl und Wolfgang Matz übersetzen jetzt also weniger getragen und bedeutungsschwer, tatsächlich etwas leichter, was dem Impetus der Texte entspricht. Man muss "La barque" nicht mit dem poetisierenden "Nachen" überhöhen.

Erzählen und philosophisches Abwägen sind bei diesem Autor dasselbe

In Jaccottets Gedichten wird das Innere, die Selbstwahrnehmung des Ich immer mit der äußeren Natur und Landschaft konfrontiert. Diese ist ein Maßstab abseits des Menschlichen, eine Wahrheit, der der Dichter sich stellen muss und angesichts derer er seine eigene Unzulänglichkeit immer wieder neu justiert. Mit Naturlyrik im klassischen Sinn hat das eher wenig zu tun. Die Natur wird hier nicht beschworen oder romantisiert, sondern als selbstverständliches Gegenüber festgehalten. Einmal wird in einem klaren, aber mehrdeutigen Fünfzeiler die "Seele" auf einen "Gletscher" bezogen und in der Tradition japanischer Haikus der Mensch in einen unendlichen Raum gestellt. Ein anderes Mal bleibt nur "eine Fußspur im feuchten Sand", als sich ein verführerisch zusammengesetztes Bild mit Wasser und Bäumen und einer "Weberin" eröffnet und das "Ich" versucht, hinter sein Geheimnis zu kommen.

"Gedanken unter den Wolken", das titelgebende Stück, hat jene charakteristische Zwischenform, die Jaccottet im Lauf der Zeit entwickelt hat und die Lyrik und Prosa nicht mehr voneinander unterscheidet. Die Reflexion und die poetische Imagination gehen unmittelbar ineinander über, Erzählen und philosophisches Abwägen sind dasselbe, und das Ich, das all diese Fäden in seinen Händen zu halten scheint, möchte dazwischen am liebsten verschwinden. "Unter den Wolken", dieses Bild wird flugs zur Beschreibung einer existenziellen Situation, "unter so vielen Wolken ist Hoffen gar nicht so leicht". Das "Licht", eines der wesentlichen Motive bei Jaccottet, das provenzalische Licht, das im Zusammenspiel mit dem immerwährenden Wind manchmal die ersehnten Momente des Schwebens, des Flüchtigen und des Bei-Sich-Seins erlaubt - es ist durch die Wolkenschicht hindurch nur schwer zu erhaschen. Das Gedicht endet im Selbstbild der "Vorübergehenden": darin ist die eigene Endlichkeit enthalten, aber auch die bewusste Wahrnehmung der Passanten, der Beobachtenden, der Wanderer. Die "Vorübergehenden" stehen im Plural, das einzelne Ich verschwindet in ihnen, aber sie hören unter den Wolken Vogellaute, "diese vereinzelten Schreie, nah zugleich und wie ganz fern." Diese Erfahrung bleibt, das Wissen darum bildet sich langsam heraus. Und zum Schluss formt sich aus dem Wir der Passanten wieder ganz konsequent ein Ich: "ich gehe vorüber, staune, und mehr sagen kann ich nicht."

Etliche Zeilen von Jaccottet sind poetische Standortbestimmungen. "Sprechen kann ich nur noch durch Fragmente", heißt es einmal, und das klingt zunächst wie die Reprise einer Ästhetik der Moderne. Dann aber folgt ein Bild, das einer von geschichtlichen Abläufen und zugänglicher Zeiterfahrung nicht erfassten Landschaft entstammt: jene "Fragmente" sind "Steinen / gleich, die man hochheben muss mit ihrer Schattenseite / und über denen man stolpert, / verstreuter noch als diese selbst." Das Licht, das sich in diesen Fragmenten für einzelne ekstatische Momente entzündet, kann von einem "frischen Lindengezweig" ausgehen, einer "verängstigten Meise" oder von "Heckenrosen". Nebel, Tränen, Wasser können ein ganz eigenes Gespinst ergeben, und unmerklich wird dieses Gespinst zu einem Gebilde der Kunst, die sich immer wieder selbst thematisiert. Das letzte Wort hat "Der späte Dichter", "sein Flüstern eilt voran so wie der Bach im Januar". Und das ist es, woran man sich halten kann, daran lässt diese zögernde, nachhorchende, dem "Unerhörten" sich als "Echo" zuordnende Poesie keinen Zweifel: "Er spricht noch immer, trotz allem."

Philippe Jaccottet: Gedanken unter den Wolken. Gedichte. Französisch/Deutsch. Aus dem Französischen von Elisabeth Edl und Wolfgang Matz. Wallstein-Verlag, Göttingen 2018. 122 Seiten, 20 Euro.

© SZ vom 18.05.2018

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