Französische Kulturpolitik Ohne Glanz keine Macht

Die französische Kulturministerin Francoise Nyssen.

(Foto: Ludovic Marin/AFP)

Bei ihrem Amtsantritt wurde Françoise Nyssen allseits gefeiert. Jetzt schwächt Macron die Kulturministerin .

Von Joseph Hanimann

Ihre Ernennung zur französischen Kulturministerin wurde vor einem Jahr allseits begrüßt. Françoise Nyssen, Leiterin des angesehenen Verlags Actes Sud mit Nobel- und Goncourtpreisträgern im Programm, erschien als Inbegriff des neuen Typus politischer Verantwortungsträger, der dem jungen Präsidenten Macron vorschwebte: berufserfahren, erfinderisch, erfolgreich, fern des ständigen politischen Schlagabtauschs. Inzwischen aber ist die Ministerin zu einer Symbolfigur für die Ernüchterung jenes Traums geworden.

Auf Beschwerden der unterschiedlichen Berufsgruppen, gegenwärtig etwa der Buchautoren wegen Einkommensverlust durch Steuerreformen - 40 Prozent der französischen Autoren leben von weniger als zwölfhundert Euro monatlich - reagiert die Ministerin unaufgeregt, sachlich, zurückhaltend. Auf große Erklärungen und Initiativen verzichtet sie und konzentriert sich stattdessen auf die Umsetzung von Macrons Programm eines breiteren Zugangs zur Kultur: durch Einführung eines Kulturpasses für Jugendliche, attraktivere Bibliotheksöffnungszeiten, Kunsterziehung, publikumsnahe Museumspolitik. Brav. Zu brav?

Wiederholt ist der kulturell ambitionierte Präsident über seine Ministerin hinweg selber aktiv geworden und hat etwa die Schriftstellerin Leïla Slimani für den Bereich der "Frankophonie", den Schriftsteller Erik Orsenna für das Bibliothekswesen, den Fernsehmoderator Stéphane Bern für den Denkmalbereich ins Spiel gebracht. Und gerade musste Françoise Nyssen eine neue Demütigung hinnehmen. Auf Verlangen der "Haute Autorité" Frankreichs für Transparenz des öffentlichen Lebens wurden ihr die Zuständigkeit für die wirtschaftliche Organisation des Verlagssektors sowie die Verfügungsgewalt über das Centre National du Livre entzogen, wegen potenzieller Interessenskonflikte. Und die Ministerin darf keine Entscheidung mehr treffen, die auch nur entfernt ihren ehemaligen Verlag Actes Sud berührt. Alle diese Kompetenzen liegen fortan beim Premierminister.

Was soll aber eine Kulturministerin ausrichten, die in zentralen Bereichen ihres Ressorts nichts mehr zu sagen hat? Zu wenig Reaktionsfähigkeit, zu wenig Biss wirft man ihr vor. Was denn nun? War etwas weniger politisches Gezeter nicht ausdrücklich gewünscht beim Traum vom politischen Außenseiter? Von nicht wenigen Ministern unter Macron kennt auch nach einem Jahr das breitere Publikum nicht einmal den Namen. Und Außenseiter gab es gerade in der Kulturpolitik auch in Deutschland, mit dem Verleger und Journalisten Michael Naumann oder dem Philosophen Julian Nida-Rümelin. Für die französische Kulturpolitik aber gelten besondere Regeln. Hier muss der Amtsinhaber glänzen oder zumindest ab und zu mit Blitzen um sich werfen. Zu groß sind die prägenden Vorgänger André Malraux und Jack Lang, zu symbolbeladen ist die Verbindung zwischen Elysée und Rue de Valois, dem Sitz des Ministeriums.

Macrons Vorschieben prominenter Figuren kann als Versuch gedeutet werden, neben der soliden Berufserfahrung der Ministerin etwas Glanz in die Kulturpolitik zu bringen. Oder aber als Vorzeichen eines baldigen Wechsels. Das wäre schade. Es wäre das Eingeständnis eines Scheiterns: dass Politik eben doch ein Beruf für Leute mit kantigen Worten und gezückten Messern ist und nichts für unaufgeregten Sachverstand.