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Franuis neues Album:Die Kollegen vom Bierzelt schon wieder

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"Wir haben das Schöne besonders schön gespielt, das Grässliche grässlich, das Schöne grässlich und das Grässliche schön." Florian Boesch und das Franui-Ensemble bei der Einspielung von "Alles wird gut".

(Foto: anja koehler/©anja koehler | andereart.de)

"Alles wieder gut" heißt das neue Album des Ensembles Franui - eine angenehm intelligente und hochmusikalische Überraschung dieses sonnig-tristen Herbstes.

Von Helmut Mauró

So eine riesige Blechtuba klingt natürlich immer ein bisschen plump und deshalb schon komisch. Selbst in der bierernsten bayerischen Blasmusik. Kombiniert mit einem scheppernden High-Hat, dazu später noch Klarinette und Zither, das bringt den Landspaziergang aus Gustav Mahlers "Liedern eines fahrenden Gesellen" schon arg in Schieflage. Also dorthin, wo diese Lieder auch hingehören und wie man sie einst gehört hat, bevor die Mahler nachfolgenden Komponisten alle Hörgewohnheiten noch mal so richtig durchgeschüttelt haben. Das ursprünglich Disparate und Verstörende in Mahlers Musik hat sich unversehens in sentimentale Schönheit verwandelt. Deshalb ist der Versuch des Ensembles "Franui", Mahlers klanglichen Ansatz, ebenso wie die Liedkonzeption von Franz Schubert, Robert Schumann oder Johannes Brahms wieder etwas sperriger in Stellung zu bringen, die angenehm intelligente und hochmusikalische Überraschung dieses sonnig-tristen Spätherbstes.

Natürlich kann man nicht außer Acht lassen, dass die "Musicbanda Franui" sich vor allem damit einen guten Namen gemacht hat, dass sie sich das klassische Repertoire ebenso frech wie elegant aneignete und bei Bedarf etwas umarrangierte. Der Bedarf ist weiterhin groß. Weil die Blasmusiker aber allesamt Meister ihrer Instrumente sind und ihre Bearbeitungen weder platt sind noch von biederem Musikerhumor getrieben, sondern wunderbar hintersinnig, haben sie es bis in die allerheiligsten Klassik-Hallen geschafft: zur Ruhrtriennale, den Bregenzer Festspielen, ans Wiener Burgtheater und sogar zu den Salzburger Festspielen. Dass auch die jüngste Produktion "Alles wieder gut" so prächtig funktioniert, daran hat auch der Bassbariton Florian Boesch großen Anteil.

Nicht nur, weil er über eine wunderbar geführte, flexible, klangschöne Stimme verfügt, sondern weil er dem musikphilosophischen Konzept von Franui so leidenschaftlich willig folgt, als habe er nie etwas anderes gesungen als die wunderbar schrägen Neudeutungen von Schubert-Liedern. Stellenweise klingt Boesch wie original Gerhaher, obwohl er nicht einmal bei diesem studiert hat. Das ist erst einmal eine gute Nachricht, denn damit hat Gerhaher nun endgültig Fischer-Dieskau abgelöst als Vorlage zum globalen Bariton-Sound-alike-Test. Zweitens ist es natürlich eine schlechte Nachricht, denn gute Musik ist ja kein Ähnlichkeitswettbewerb.

Man sollte erwähnen, dass die Bezeichnung "Banda" keine sehr schmeichelnde ist und normalerweise für eher semiprofessionelle Blaskapellen reserviert ist. Im Falle von Franui, die nicht von der Straße, schon eher aus einem gepflegten Bierzelt zu kommen scheinen, gilt also: Vorsicht, Selbstironie. Zunächst haben die Musiker der Franui-Banda die deutsch-romantischen Lieder ohne Gesang für sich und vor sich her gespielt, zu Hause, im Wirtshaus. "Wir haben diese Lieder gerngehabt", sagt Franui-Gründungsleiter Andreas Schett. Das klingt wie am Grabe gesprochen. "Wir haben das Schöne besonders schön gespielt, das Grässliche grässlich, das Schöne grässlich und das Grässliche schön." Und dann noch Wiederholungen eingebaut, wo ursprünglich keine vorgesehen waren, Teile weggelassen, Tempi verändert und so lange musikalisch darauf herumgekaut, bis die Stücke wie neu geboren waren und man sie wieder auf die Menschheit loslassen konnte.

Das Ergebnis ist eine hinreißend unvertraute neue Klangwelt, in der alles besser ist. Außer im Falle von Henry Purcells frühbarocker Arie "Wenn ich in der Erde liege" aus dessen Oper "Dido und Aeneas". Die ist in der originalen Instrumentation so herzzerreißend, da ist alle Tuba-Ironie nur heiße Luft und jedes Harfenzirpen, Klarinettentröten und auch der nachtragende Mackie-Messer-Sound verlorene Liebesmüh.

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