Frankreichs Linke in der Krise:"Prätentiöses Arschtörtchen"

Sarkozy stiehlt allen die Show, auch Kommunisten und Sozialisten: Der Philosoph Bernard-Henri Lévy möchte die französische Linke retten, aber die Linke will nicht.

Johannes Willms

Die französische Linke befindet sich in einem erbarmungswürdigen Zustand. Das war lange vor den Präsidentschafts- und Parlamentswahlen im Mai und Juni zu erkennen. Jetzt lässt sich der Befund nicht mehr beschönigen: Die Kommunisten sind endgültig zu einer sektiererischen Splitterpartei abgesunken, die nicht nur um das politische, sondern um ihr finanzielles Überleben kämpfen.

Bernard-Henri Lévy

Bernard-Henri Levy im Januar 2006 in Washington, DC.

(Foto: Foto: AFP)

Die Sozialisten sind kopf-, führungs-, konzept- und hoffnungslos. Allenfalls lassen sie wie galvanisierte Frösche Zuckungen erkennen, die als oppositionelle Regung zu deuten sind. Kurz, die französische Linke ist nichts anderes als ein "großer Kadaver, der auf dem Rücken liegt".

So ließe sich der Titel von Bernard-Henri Lévys neuestem Buch "Ce grand cadavre à la renverse" (Verlag Grasset) übersetzen, der ein Zitat des großen Vorbilds Jean-Paul Sartre ist. Lévys Werk ist, wie bei ihm üblich, nicht nur eine Zustandsanalyse des Gegenstands, also der Linken, sondern vor allem eine wortreiche Eloge seiner selbst, indem er seinen Positionen Weitblick und Richtigkeit zuschreibt.

Das ist so eitel wie abstoßend, dass selbst diejenige, die er als Retterin der Linken ausgemacht hat, die unterlegene Präsidentschaftsbewerberin der Sozialisten, Ségolène Royal, sich dem Vernehmen nach weigerte, gegenüber dem Magazin Paris Match zu dem Buch Stellung zu nehmen.

Diese Weigerung muss man ihr hoch anrechnen, denn sie hätte gute Gründe gehabt, die ihr von Lévy gereichte Hand zu ergreifen, wurde sie doch just vom "toten Pferd" gebissen: In einem Buch mit dem Titel "L'impasse" (Verlag Flammarion), "Die Sackgasse", wird sie vor allem für den Absturz der Sozialisten verantwortlich gemacht.

Sein Autor ist der im politischen Ruhestand schmollende Sozialist Lionel Jospin, der noch immer nicht die von ihm zu erheblichen Teilen verschuldete Schmach verwunden hat, bereits im ersten Wahlgang der Präsidentschaftswahlen von 2002 dem rechtsradikalen Parteiführer Jean-Marie Le Pen unterlegen zu sein und so Jacques Chirac zu einem turmhohen Sieg im zweiten Wahlgang verholfen zu haben.

Jospins damalige K.o.-Niederlage gegen einen in jeder Hinsicht unwürdigen politischen Gegner, war, scholastisch gesprochen, die prima causa für den Untergang der Sozialisten. Dass Jospin dafür jetzt allein Ségolène Royal verantwortlich zu machen sucht, nach der die Sozialisten in ihrer schieren Existenznot fünf Jahre später wie nach einen Strohhalm griffen, ist schäbig und feige.

Die Sozialisten hätten sie nur durch das von ihr verkörperte Siegesversprechen betört nominiert, obwohl sie "am wenigsten dazu geeignet war, die Wahlen auch zu gewinnen". Nun versteht Jospin davon eine Menge, aber dieses ungalante Verdikt zu Beginn des Buches resümiert bereits dessen Inhalt, sodass man sich den Aufwand seiner Lektüre ersparen kann.

Stimmliche Verführungskunst

Bernard-Henri Lévy ist klüger und lockt den Leser mit einem richtig fetten Köder: Auf zehn Seiten zu Beginn seines Essays, die sinnigerweise mit "Avertissement" überschrieben sind, "Achtung! Aufgepasst"!, referiert er ausführlich und mit zahlreichen Zitaten den Inhalt eines Telefongesprächs, das Nicolas Sarkozy, damals noch Innenminister und Präsidentschaftskandidat, am 23. Januar mit ihm geführt habe.

Dabei erfährt man, dass sich die beiden seit langem kennen, sozusagen in einer Männerfreundschaft verbunden sind, sich jedenfalls duzen. Auch lässt Lévy durchblicken, dass man gemeinsam bereits die Mühen mancher Ebenen durchschritten habe.

Die eigentliche Botschaft ist jedoch, dass Sarkozy mit ausführlich beschriebener stimmlicher Verführungskunst und mancher Schmeichelei versucht habe, ihn, Bernard-Henri Lévy, dazu zu bewegen, dem Beispiel des Kollegen André Glucksman zu folgen und sich öffentlich zu seiner Kandidatur für die Präsidentschaft zu bekennen. Dem Ansinnen verweigert sich Lévy standhaft, obwohl oder vielleicht gerade weil Sarkozy ihm schon damals versicherte, dass zahlreiche Linke bereit seien, sich auf seine Seite zu schlagen.

Tamtam ohne Widerhall

Das trotzige "Ich nicht", zu dem sich Lévy allen Lockungen widerstehend bekannt haben will, nimmt sich angesichts der immer noch wachsenden Zahlen an "Mai-Gefallenen", die von der Linken desertieren und mit wehender Fahne zu Sarkozy überlaufen, heute umso heroischer aus. Ein einsamer Wolf jagt nicht mit dem Rudel. Hätte Sarkozy ihn so gut gekannt, wie dies Lévy andeutet, dann hätte er sich diesen Anruf besser erspart.

So sieht er sich jetzt mit einer Indiskretion konfrontiert, die den Wahlsieger in der Rolle eines Bittstellers zeigt, ein Bild, das dem heutigen Präsidenten kaum gefallen dürfte. Derlei überlebt, so darf man vermuten, keine Männerfreundschaft, auch wenn sie sich an der Mühsal noch so vieler Ebenen bewährte.

Bernard-Henri Lévy scheint dieses Opfer aber den Preis wert gewesen zu sein, sich den Sozialisten, die mit Ausnahme von Ségolène Royal bislang immer Distanz zu ihm hielten, als vertrauenswürdiger Retter in höchster Not zu empfehlen. Diese Erwartung erfüllte sich bislang nicht, denn von den führenden Häuptern der Sozialisten, einschließlich Royals, hat bislang noch keines auf dieses Angebot reagiert. Selbst die Debatte, die das Magazin Le Nouvel Observateur in der vergangenen Woche über Lévys Buch mit großem Tamtam anzuzetteln suchte, blieb ohne jeden Widerhall.

Heillos diskreditiert

Durchaus möglich, dass sich in Frankreich augenblicklich niemand, der einen Ruf zu verlieren hat, für Zustand und Zukunft der Sozialisten öffentlich zu interessieren wagt. Vielleicht ist es aber auch einfach so, dass Nicolas Sarkozy einem Bernard-Henri Lévy die Show gestohlen hat, zumal viele, wenn nicht die meisten der von ihm geäußerten Vorschläge - das gilt zumal für die politische Annäherung an die USA - durchaus ihre Entsprechung im politischen Meinen und Wollen des Präsidenten haben.

Dass Sarkozy ihm die Show gestohlen hat, scheint auch Lévy zu vermuten, denn wie anders wäre es sonst zu erklären, dass er sich erst am vergangenen Dienstag in einem Interview mit dem Radiosender France Inter lauthals über eine Rede empörte, die der Präsident bereits im Juli bei einem Staatsbesuch im Senegal gehalten hat.

Lévy beschimpfte den Autor dieser Rede, den Präsidentenberater und engen Vertrauten Sarkozys Henri Guaino, als "Rassisten", der in der ideologischen Tradition des rechtsradikalen Charles Maurras stünde. Auch das ist eine böse Beleidigung, denn Maurras ist als Gründer der Action française, glühender Nationalist, Antisemit und monarchistischer Verächter der Französischen Revolution heillos diskreditiert.

Ein Stern im Verglühen

Die Rede, in der Sarkozy gesagt hatte, dass die Unterentwicklung Afrikas auch damit zusammenhänge, dass die Afrikaner bislang noch keine eigenständige Rolle in der Geschichte gespielt hätten, war schon von anderen, allerdings noch nie in dieser Schärfe kritisiert worden. Dass diese längst eingeschlafene Kritik jetzt durch Bernard-Henri Lévy aus sehr eigennützigen Motiven erneut angestimmt wurde, hat den namentlich angegriffenen Henri Guaino zu einer scharfen Replik provoziert.

Auf der Internet-Seite "Rue 89" sagte er jetzt: "Dieses kleine prätentiöse Arschtörtchen (gemeint ist Lévy) interessiert mich überhaupt nicht. Wer ist er überhaupt? Was hat er denn in seinem Leben so Außergewöhnliches vollbracht, dass er es sich herausnehmen kann, solche Urteile zu fällen? Er kann mich nicht ausstehen, ich ihn auch nicht. Er liebt Frankreich nicht, ich schon".

Dass ein enger Vertrauter des Präsidenten dessen Männerfreund Bernard-Henri Lévy öffentlich so abwatscht und dass ausgerechnet die sehr regierungsnahe Zeitung Le Figaro diesen Schlagabtausch ausführlich dokumentierte, während Le Monde und Libération ihn jeweils nur mit einer kurzen Notiz würdigten, ist schon bemerkenswert. Die Versuchung jedenfalls, dies als Hinweis zu verstehen, dass Sarkozy Levy nicht nur die Show gestohlen hat, sondern dass dessen Stern im Verglühen begriffen ist, erscheint als verführerisch.

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