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Frankreichs Demonstrationen:Revolutionsgeflüster

War Robespierre der erste Populist des modernen Zeitalters? Die Aufstandsfantasien des streikenden Frankreich werden historisch sofort eingeordnet.

Frankreich: Landesweite Proteste gegen die Rentenreform der Regierung am sechsten Tag in Folge

Angesichts landesweiter Demonstrationen diskutieren die Franzosen nicht einfach über die Rente, sondern auch über Robespierre.

(Foto: action press)

Frankreich streikt, und neu daran ist, dass seit Längerem wieder Massendemonstrationen mit klarer Marschroute durch die Städte ziehen. Das Herumstehen der "Gilets jaunes" auf den Verkehrskreiseln seit einem Jahr hatte die Meinungsführer und Intellektuellen des Landes ratlos gemacht. Mit dem nun von den Gewerkschaften ausgerufenen Streik und den Protestmärschen finden sie in den vertrauten Begriffshorizont zurück. Wie aber, wenn der spontane und der gewerkschaftlich organisierte Protest, wenn gelbe und rote Westen sowie die gewaltbereiten "Black Blocs" sich zu einer unberechenbaren Dynamik verbinden?

Muss eine Revolution immer eine tiefgreifende Veränderung mit sich bringen?

Es komme jetzt darauf an, soziale Gerechtigkeit, berufliche Absicherung, politische Gleichstellung der Minderheiten und ein vom Volk mitgetragenes ökologisches Engagement in die Wirklichkeit umzusetzen, forderten zum ersten Streiktag 180 Schriftsteller, Intellektuelle und Künstler. Breiter gestreut könnten die Postulate dieses Solidaritätsaufrufs für die Streikenden kaum sein, den Persönlichkeiten wie Annie Ernaux, Didier Eribon, Alain Mabanckou, Ariane Mnouchkine, Thomas Picketty mitunterzeichnet haben. "Gelbe, rote, grüne, schwarze und regenbogenfarbene Bewegungen müssen sich nun zusammenschließen", schreiben sie. Diese "Konvergenz des Volkszorns", die die Regierung befürchtet, weckt bei manchen Beobachtern kühne Visionen, bis hin zum Spekulieren über eine neue revolutionäre Situation.

Die Inflation des Revolutionsbegriffs, der im Lauf der letzten zehn Jahre bei den arabischen, europäischen, südamerikanischen Protestbewegungen oft einfach auf ein "Fuck off" gegenüber den jeweiligen Regimen hinauslief, stieß bei einigen französischen Denkern auf Vorbehalte. Irgendwie ist er in diesem Land höher gehängt. Eine Revolution bringe nicht einfach einen Regimewechsel, sondern eine tief greifende Veränderung der Gesellschaft hervor wie im Fall der Französischen, der Russischen oder chinesischen Revolution, mahnt der Anthropologe Emmanuel Terray in seinem neuen Buch "Procès de la Révolution".

Ausgehend von Joseph Joubert, dem Vertrauten Diderots und Freund Chateaubriands, der in seinen feinsinnigen "Notizen" - eine Auswahl daraus ist auf Deutsch vor einem Jahr im Verlag Jung und Jung erschienen - seine Enttäuschung über die Französische Revolution zum Ausdruck brachte, greift Terray die Frage nach dem Grund für das Scheitern fast aller Revolutionen seit zweihundert Jahren auf. Warum ist die Revolution, "Tochter der Aufklärung", innerhalb kurzer Zeit durch Gewaltherrschaft immer wieder in Verfinsterung umgeschlagen? Der Autor fragt das vor dem Hintergrund seiner festen Überzeugung, dass auch in den gefestigten, wohlhabenden Demokratien Europas eine Revolution jederzeit wieder möglich sei, gerade heute, wo der Sozialstaat systematisch abgebaut und der Kapitalismus seiner "Hybris der Maßlosigkeit" überlassen werde. Doch nicht nur der Zorn von unten, sondern auch die Unfähigkeit von oben sei nötig für den Ausbruch einer Revolution, schreibt Terray in Anlehnung an Lenin. Und genau so eine Situation zeichnet sich in seinen Augen heute ab. Einer aufgebrachten Bevölkerung, die an keine Versprechen mehr glaubt, stünden Regierungen mit widersprüchlichen Programmen, konfusen Anweisungen, hilflosen Überreaktionen und überforderten Ordnungskräften gegenüber, die selbst am liebsten in den Ausstand treten würden.

Solche Überlegungen sind vor dem Hintergrund der explosiv gewordenen Situation in Frankreich mehr als Revolutionsträumerei oder intellektuelle Schauerromantik. Es sind Versuche, hinter der Fassade der scheinbar stabilen französischen Gesellschaft weiterschwelende Krisenherde auszumachen und ihrer strukturellen Unschlüssigkeit zwischen Reform- und Revolutionswünschen auf den Grund zu gehen. Einer dieser Krisenherde hat in Frankreich einen Namen: Robespierre. Diese finstere Lichtgestalt der Revolution lässt die zeitgenössischen Denker nicht los und erlebt gerade wieder ein Comeback. Wenn man die Französische Revolution und die Proklamation der Menschenrechte als Einzug des Legitimitätsprinzips ins Reich der Politik verstehe, habe keiner sie besser verkörpert als Robespierre, meint der Philosoph Marcel Gauchet. In einem erhellenden Buch über diese Figur hat er unlängst gezeigt, wie die intellektuelle Radikalität des "Unkorrumpierbaren" über die Radikalität seines Handelns gestrauchelt ist. Die Stärke des Gedankens kann, so Gauchets Fazit, bei der Umsetzung zum Verhängnis werden. Gewiss, antwortet der sich zur "kommunistischen Hypothese" bekennende Alain Badiou, doch habe Robespierre als einer der Ersten begriffen, dass auch die moderne Gesellschaft nicht ohne Anspruch auf Vollkommenheit und Makellosigkeit auskomme. Unter dem Einfluss Rousseaus habe Robespierre diese Instanz in der Hypothese eines "Höchsten Wesens" gesucht.

Blindes Ressentiment und klare Aktionsprogramme stimulieren einander

Damit rückt allerdings ein Thema in die aktuelle französische Debatte, das da nicht vorgesehen war. War Robespierre der erste Populist des modernen Zeitalters? Eine Figur, in die man dank ihrer Kompromisslosigkeit wie bei den heutigen populistischen Idolen die Lösung aller Probleme hineinfantasieren konnte? In seiner großen Studie "Revolutionary Ideas - An Intellectual History of the French Revolution from the Rights of Man to Robespierre" unterschied der britische Historiker Jonathan Israel 2014 zwischen einer "radikalen", das heißt fortschrittlichen, einer "moderaten", konservativen, und einer "populistisch autoritären" Aufklärung. Diese letztere führte er auf Rousseau und Robespierre zurück, den Künder und den Vollstrecker eines absoluten Tugendprinzips, das kein Zugeständnis und keine Diskussion duldet.

Das wirft ein schräges Licht auf den Widerstand gegen die aktuelle Rentenreform. Was im Protest der "Gelbwesten" seit einem Jahr als populistischer Schatten mitlief, tritt da plötzlich offen zutage. Demonstranten, die sich in keiner Organisation mehr wiedererkannten, marschieren Seite an Seite mit Gewerkschaftsvertretern. Konzeptlos frustrierte und politisch organisierte Auflehnung verschränken sich ineinander, blindes Ressentiment und klare Aktionsprogramme stimulieren einander.

Diese Perspektivenverschiebung bestätigt sich auch im mittlerweile üppigen Angebot theoretischer Werke zum Thema des Populismus. Ein 1216 Seiten umfassender "Dictionnaire des populismes" stellt sich in die Perspektive der Französischen Revolution und präsentiert diese als Vorbild einer direkten, "populistischen" Volksherrschaft, die dann in wechselnden Formen der parlamentarischen Repräsentation aus dem Ruder gelaufen sei. Nie seien das Volk als "Prinzip der Legitimität" und das Volk als soziale Realität, so die Unterscheidung Condorcets, seither wieder zusammengekommen.

So etwas ist auch bei den gegenwärtigen Massendemonstrationen nicht zu erwarten. Die allgemeine Unzufriedenheit wird sich in ihre widersprüchlichen Revolutionsfantasien wieder verlaufen. Die Illusion eines zur Handlungsfähigkeit erwachten Volkszorns könnte sich aber im Frust- und Freudentaumel angesichts der Hilflosigkeit der Regierung auf einige Zeit halten.

© SZ vom 13.12.2019

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