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Frankreich und die Atomkraft:Geblendet von Truglichtern

Unsere Gedankenlosigkeit treibt die Deutschen zur Verzweiflung. Für sie sind die Franzosen furchtbare Dummköpfe, geblendet von den Truglichtern der modernen Technologie. Sie setzen verantwortungslos mit ihren 58 Reaktoren die Zukunft des Planeten aufs Spiel. Ein Volk von Nationalisten, ein Volk, das, anachronistisch, seine atomare Schlagkraft bewahren möchte, ein Haufen Komplexbeladener, der eines atomaren Phallus' bedarf, um sich der Illusion von Männlichkeit anheimgeben zu können.

Der arglose Konsens unserer Atomgläubigkeit

Leidet Frankreich etwa immer noch an der Kapitulation? Frankreich, das nicht ausreichend gewappnet war, sich gegen die deutsche Invasion zu wehren, will es nun mit der schieren Größe seiner Atomstreitmacht zurückschlagen? Schließlich hat ein General de Gaulle nach dem Krieg in perfektem Meinungseinklang mit den Kommunisten beschlossen, dass die Unabhängigkeit Frankreichs durch die nukleare Wahl gewährleistet werden müsse. Seither herrscht ein betonartiger Konsens in der politischen Klasse Frankreichs. Der rote Knopf, den nur der Präsident der Republik drücken kann, um die Bombe scharf zu machen, gehörte zu meinen Kindheitsphantasien.

Der arglose Konsens unserer Atomgläubigkeit lässt die Deutschen auch jetzt wieder verzweifeln. Im beinahe selben Moment, in dem Angela Merkel ihre Entscheidung für ein Moratorium ankündigte, wiederholte Nicolas Sarkozy, dass für Frankreich ein Atomausstieg nicht in Frage käme, für Frankreich, dessen Kraftwerke ihm zufolge die bestgesicherten der Welt sind.

Das Leben der französischen Politik ist von bitterer Kakophonie gekennzeichnet, von unaufhörlichen Kämpfen zwischen den Parteien unterminiert. Doch inmitten des großen Trubels à la française gibt es ein einsames Eiland der Harmonie: Die Kernkraft. Das Thema ist konsensfähig, von ganz links bis ganz rechts. Allein die Grünen sind dagegen. Die Linke hat schon immer allen Theorien misstrauisch gegenüber gestanden, die ein "zurück zur Natur" proklamierten - eine Parole, die sich stets der Zugehörigkeit zur Reaktion verdächtig machte und nach Pétainscher Ideologie roch.

Ein Volksentscheid für den Atomausstieg

Dass gerade erst in der Nationalversammlung alle Parteien - außer den Grünen - enger zusammengerückt sind in der Verteidigung der nationalen Energiepolitik; dass die Abgeordneten der UMP, Sarkozys konservativer Partei, zur pro-nuklearen Tirade ihres kommunistischen Genossen applaudiert haben; dass Marine Le Pen, Chefin der "Front National" Wort für Wort die gleiche Rede hält wie Pierre Laurent, Generalsekretär der kommunistischen Partei PCF - was wären dies alles für surrealistische Szenarien in Deutschland. Man stelle sich vor, Gregor Gysi würde Hans-Peter Friedrich applaudieren.

Natürlich geht der Protest gegen die Kernkraft in Deutschland längst nicht mehr nur von der alternativen Stammbelegschaft aus. Der Triumph der Grünen in Baden-Württemberg und in Rheinland-Pfalz entspricht einem Volksentscheid für den Atomausstieg. Seit Wochen demonstrieren zehntausende in ganz Deutschland. Alle politischen Ausrichtungen und Altersklassen kommen zusammen: bieder gekleidete Mütter, Gymnasiasten, brave Bürgerliche. Es ist die politische Mitte Deutschlands, die sich hier empört.

Obwohl die Franzosen im Vorjahr massenweise demonstriert haben, um für die Sicherheit ihrer Renten einzutreten - die Konsequenzen der japanischen Katastrophe für unsere atompolitische Ausrichtung bringt keinen auf die Straße. Anlässlich des letzten "kleinen Risses" im Reaktor von Tricastin, durch den Uran ausgetreten war, sprachen sich 67% der Franzosen für eine Fortführung der Nutzung von Kernenergie aus. Aber dieser kleine Riss ist noch nicht die Apokalypse von Fukushima. Beginnen die Dinge etwa, sich zu bewegen? In meinem Land war die Entscheidung für die Kernkraft ein Edikt von allerhöchster Stelle, ohne jegliche öffentliche Diskussion.

Aus diesen Gründen stellt der bescheidene Satz "Ich glaube, man muss aus der Kernkraftnutzung aussteigen!", vorletzte Woche von Martine Aubry, Vorsitzende der sozialistischen Partei, geäußert, eine Revolution dar. Sie beeilte sich, hinzuzufügen: "Innerhalb von 25 bis 30 Jahren." Dennoch: Alle großen Zeitungen haben der Katastrophe von Fukushima Sonderausgaben gewidmet, die Foren sind voll fiebriger Kommentare. Die Hersteller von Geigerzählern haben langsam Lieferschwierigkeiten. Die Beunruhigung ist offensichtlich. Sie hat zwar nicht das Ausmaß der großen Angst in Deutschland. Aber auch der französische Konsens beginnt zu bröckeln - und das ist ein großer Schritt.

Die Autorin ist Journalistin und Schriftstellerin, lebt seit über zwanzig Jahren in Berlin und erklärt den Franzosen in "Le Point" das Leben ihrer merkwürdigen deutschen Nachbarn. Deutsch von Hannah Lühmann.

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