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Frankreich und Deutschland:Streiten und Lieben

Europa leidet an Unschlüssigkeit, die manche auch Gleichgültigkeit nennen. Vielleicht sollte man gerade jetzt wieder klein anfangen. Warum der Kulturdialog zwischen Frankreich und Deutschland dringend eine Auffrischung braucht.

Joseph Hanimann

Vielleicht sollte man jetzt, wo die große Syntax der deutsch-französischen Partnerschaft nicht mehr stimmt, wieder klein anfangen, beim Lexikalischen. Wenn am kommenden Sonntag, fünfzig Jahre nach dem Auftritt von de Gaulle und Adenauer vor der Kathedrale in Reims, die Gedenkperiode beginnt, die im nächsten Januar mit dem Jubiläum des Élysée-Vertrags 1963 gipfeln wird, wird es auf richtige Stichworte ankommen.

"Kultureller Selbstbehauptungswille" und "Bekennermut", sagte Außenminister Guido Westerwelle in dieser Woche bei der Fünfzigjahrfeier des Pariser Goethe-Instituts. Er verstand die Worte europäisch: Selbstbehauptung gegen das Schlechtreden Europas von der Euro-Schwäche her, Bekennermut zu einem Modell, das im Unterschied etwa zu Brasilien und China Wohlstand mit Solidarität, individueller Freiheit und Kulturenvielfalt verbinde. Doch kann man stattdessen auch einfach von den Archiven ausgehen und probieren, was noch passt.

Auftrag des gegenseitigen Näherbringens reaktivieren

So ruhen im Pariser Goethe-Institut reizvolle, kaum gehobene Tondokumente. In einem Vortrag über die Ironie ließ Martin Walser sich 1977 zu einer Gegenüberstellung verleiten. Hier französische Üppigkeit, dort deutsche Gediegenheit, sagte er, hier Zivilisationsliteratur, dort Theodor Storm, hier Demokratismus, dort Heimatgefühl, hier Westen, dort Mitte. Die Ironie besteht laut Walser im Bekenntnis zum "Weder-noch", das zugleich ein "Sowohl-als-auch" wäre, im Sinne von Tonio Krögers existenzieller Unschlüssigkeit. Als Modell ist das heute nicht mehr brauchbar, denn Europa leidet gerade an dieser Unschlüssigkeit, die manche auch Gleichgültigkeit nennen.

In einem dieser Tage in Le Monde veröffentlichten "Aufruf zur Erneuerung der deutsch-französischen Beziehungen" erinnern fünf deutsche Romanistikprofessoren und der Direktor des Pariser Goethe-Instituts daran, dass das Französischlernen in Deutschland just während der Nazi-Zeit hinter das Englischlernen zurückgefallen sei. Sie plädieren dafür, den im Élysée-Vertrag angelegten, aber vernachlässigten Auftrag des gegenseitigen Näherbringens zu reaktivieren. Ob das, wie die Professoren meinen, durch die Gründung eines neuen Forschungszentrums in Bonn zum deutsch-französischen Verhältnis zu bewerkstelligen sei, bleibe dahingestellt.

Möglichst unpathetisch mit Kriegserinnerung nachhelfen

Das Zusammenwachsen Europas hat kulturpolitisch jedenfalls zwei gegensätzliche Konsequenzen. Einerseits wächst heute eine Generation ins Berufsleben hinein, der das Außerordentliche am Verschwinden der Grenzen in Europa unverständlich geworden ist. "Na und?", habe eine Gruppe Jugendlicher zurückgefragt, als er ihnen stolz von seiner ersten Rheinüberquerung bei Straßburg ohne Polizei- und Zollkontrolle erzählt habe, schreibt Alfred Grosser in einer Publikation des Deutsch-französischen Jugendwerks. Dieser Generation muss möglichst unpathetisch mit Kriegserinnerung nachgeholfen werden. Andererseits sind die nach wie vor existierenden Erwartungsunterschiede in Sachen Musikhören, Lesen, Fernsehen zu schärfen und damit fruchtbar zu machen.

Eine unlängst von den Goethe-Instituten in 18 europäischen Ländern vorgenommene Umfrage über die deutsche Kultur nannte von Portugal bis Estland als bestes deutsches Buch wahlweise Goethes "Faust" und "Die Blechtrommel" von Grass. Das ist hochverdient, legt aber den Verdacht nahe, das Urteil beruhe auf keiner eigenen Leseerfahrung. Ein selbst gelesener Michael Ende oder Frank Schätzing wäre nicht schlechter als ein brav nachgebeteter Goethe. Wenn es den Kulturinstituten gelänge, die Lust am Streit um Lieblingsbücher neu zu schüren, wäre viel gewonnen. Den Wettbewerb "Mein Lieblingswort" zum Jubiläum des Pariser Goethe-Instituts gewann gerade ein französischer Deutschschüler mit dem Wort "Entschleunigung". Und er dachte dabei nicht nur ans Wachsen der deutschen Wirtschaftskraft.

© SZ vom 05.07.2012/ihe
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