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Frankreich spart an der Kultur:Und die Banlieue, Madame?

Frankreich gibt ambitionierte Kulturprojekte auf. Woran genau gespart wird, deutet einen Orientierungswechsel an. Ausgerechnet Projekte in der Pariser Banlieue werden gestoppt - und dies von einer linken Regierung. Doch in der Vorstadt weiß man sich mittlerweile manchmal selbst zu helfen.

Joseph Hanimann

Frankreich schmückt sich mit dem Louvre

Frankreich schmückt sich mit dem Louvre und unzähligen weiteren Kulturstätten - doch nun muss gespart werden.

(Foto: AFP)

Die jüngsten Launen der Weltkonjunktur haben dazu geführt, dass dreißig Jahre nach der massiven Aufstockung des staatlichen Kulturhaushalts durch den Sozialisten Jack Lang dessen Nachfolgerin Aurélie Filippetti nun eine Kürzung von mehr als vier Prozent hinnehmen muss. Bitter wird die Ironie, wenn man hinschaut, wo die Ministerin den Rotstift ansetzt. Die neue Pariser Philharmonie von Jean Nouvel und das Museum für Mittelmeerkultur in Marseille werden planmäßig zu Ende gebaut - sie sind schon zu weit fortgeschritten.

Das noch von Sarkozy lancierte Haus der Geschichte Frankreichs und ein neues Fotomuseum in Paris werden gekappt, andere Vorhaben auf Eis gelegt. Darunter das originelle Projekt einer Künstlerresidenz nach dem Vorbild der Villa Medici in Rom, dem französischen Pendant zur deutschen Villa Massimo, in den Pariser Vorstädten Clichy-sous-Bois und Montfermeil, wo vor sieben Jahren die Unruhen ausbrachen.

Die beiden schlecht an den öffentlichen Verkehr angebundenen Vorstädte mit 20 Prozent Jugendarbeitslosigkeit nordöstlich von Paris sind eine Mischung aus Wohnblöcken ohne historisches Zentrum (Clichy) und ausgedehnte Einfamilienhaussiedlungen (Montfermeil). Sie waren zusammen mit einigen Nachbargemeinden im Rahmen des 2008 initiierten Stadterneuerungsprojekts "Grand Paris" Gegenstand besonderer Aufmerksamkeit. Die neue vollautomatische Schnellbahn des Großraums Paris sollte auf dem Gebiet gleich mehrere Bahnhöfe bekommen.

Seit zwanzig Jahren leer stehender Büroturm

Nun kamen Gerüchte auf, der Bau dieses Linienteils könnte vertagt werden. Für die Kulturministerin Filippetti ist das ein Argument, nun auch die Villa Medici in Clichy-Montfermeil vorerst beiseitezulegen. Das Vorhaben wird zwar auch von der Region und von der Stadt Paris mitgetragen, doch ist das Mittun des Staates notwendig. Der Ministerentscheid deutet einen Orientierungswechsel an. Die Kultur als Zugpferd für Stadtentwicklung wird abgehalftert und auf die Polsterbank der etablierten Institutionen zurückgesetzt - und dies ausgerechnet von einer linken Regierung.

Das Villa-Medici-Projekt in Clichy-Montfermeil war ein etwas schneller Entscheid des früheren Kulturministers Frédéric Mitterrand, der vor seiner Ernennung die Villa Medici in Rom geleitet hatte. Ein seit zwanzig Jahren leer stehender Büroturm aus den frühen Siebzigerjahren im heruntergekommenen Zentrum von Clichy stand Ende 2011 zum Abriss bereit. Der Staat kaufte das Gebäude für knapp zwei Millionen Euro, um darin eine Residenz für zwanzig Künstler von internationalem Rang mit Ateliers, Ausstellungsräumen und angegliederter Kunstschule einzurichten, als Probe aufs Exempel der Wechselwirkungen zwischen zeitgenössischer Kunst, sozialer Integration, Stadterneuerung und neuer Wirtschaftsdynamik.

Anders als das Theater, das sich seit den Siebzigerjahren im damals "roten Gürtel" aus kommunistisch regierten Gemeinden mit großen Häusern wie Nanterre, Saint-Denis, Gennevilliers, Bobigny rund um Paris fest etabliert hat, ist die bildende Kunst in den Vorstädten nie angekommen. Das 2005 eingeweihte zeitgenössische Kunstmuseum Mac/Val in Vitry-sur-Seine südöstlich von Paris ist bis heute die einzige größere Ausnahme. Deshalb wollen die Bürgermeister im Nordosten ihr Projekt einer Villa Medici nicht so schnell aufgeben. Angesichts der angekündigten Schließung der Autofabrik Peugeot in der Nachbargemeinde Aulnay-sous-Bois - 3000 verlorene Arbeitsplätze - pochen sie umso energischer auf die dynamisierende Wirkung von Kulturprojekten.

Am knausrig gewordenen Staat vorbei realisiert

Ein Beispiel dafür haben sie unmittelbar nebenan. In der Vorstadt Saint-Denis hat der Filmregisseur Luc Besson gerade in einem ehemaligen Kraftwerk nach zehn Jahren Vorbereitung seine Cité du cinéma mit neun Drehstudios, Montage- und Nachbereitungsräumen sowie einer Filmschule eröffnet. Mit der neuen Cinecittà, die 170 Millionen Euro gekostet hat, will der Starregisseur internationale Großproduktionen vermehrt wieder nach Paris locken und ringt mit dem Finanzministerium um Steuervergünstigungen für investitionsfreudige Produzenten.

Wirtschaftskrise und Staatsverschuldung spielen ihm dafür die schlechten Karten in die Hand. Dass das Projekt aber vorbei am knausrig gewordenen Staat mit privaten Investitionen realisiert werden konnte, zeigt, wie gut man sich mittlerweile in der Vorstadt manchmal selber zu helfen weiß. Die Abwesenheit der Kulturministerin bei der Eröffnung der Cité du cinéma wurde von manchen als Zeichen gewertet, dass der Wind sich gedreht hat und die Antworten nicht mehr unbedingt vom Staat kommen.

Projekte wie die Villa Medici der Banlieue sind aber zu symbolträchtig, als dass der Staat sie im Namen des Sparzwangs einfach wieder abservieren könnte. Die Ministerin habe diese Tür zuschlagen wollen, doch sei sie gleich wieder aufgesprungen, sagt Sophie Mougin von der Consulting-Agentur, die mit den Vorstudien für die Villa Medici befasst war. Bei vielen anderen Projekten aber sei die Tür im Schloss hängen geblieben. Es ist zu hoffen, dass das Kulturministerium nach Erledigung von Projekt-Altlasten wie der Pariser Philharmonie eine etwas glücklichere Hand haben wird in der Prioritätensetzung.

© SZ vom 01.10.2012/ihe
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