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Frankreich:Rappertränen

Die "Me Too"-Debatte ist nach Film und Literatur nun im französischen Hip-Hop angekommen - und wird wesentlich heftiger geführt als hierzulande.

Von Moritz Fehrle

#balancetonporc - verpfeif das Schwein, das dir das angetan hat, ist seit einigen Jahren der Hashtag zum zentralen Slogan der französischen "MeToo"-Bewegung. Dieser erreicht nach Film und Literatur nun eine weitere künstlerische Sparte, die sich zumindest im öffentlichen Auftreten noch weit patriarchaler gebärdet. Drei Frauen haben den erfolgreichen Rapper Moha La Squale, der mit seinem Debütalbum an der Spitze der französischen Charts war, beschuldigt, sie körperlich angegriffen, eingesperrt und sexuell misshandelt zu haben. Gegen den Rapper wird durch die Pariser Staatsanwaltschaft ermittelt, wie die Tageszeitung Le Monde berichtet.

In den sozialen Netzwerken wurden unter dem Hashtag balancetonrappeur bald Anschuldigungen gegen einen zweiten Rapper, den Belgier Roméo Elvis, erhoben. Er sei sexuell übergriffig gewesen, berichtet eine junge Frau auf Instagram. Nun ist Roméo Elvis nicht nur ein erfolgreicher Musiker, sondern vor allem der ältere Bruder der Popsängerin Angèle, welche derzeit die vielleicht beeindruckendste feministische Stimme der französischsprachigen Musikwelt darstellt. In ihrer Hitsingle "Balance ton quoi" singt Angèle über den Sexismus, der ihr in Musikbranche und Gesellschaft entgegenschlägt und ruft Frauen zu, sich solches Verhalten nicht bieten zu lassen. Der Titel lässt sich sinngemäß mit dem Aufruf übersetzen, all jene öffentlich zu nennen, die Frauen belästigen und angreifen, weshalb Fans die Sängerin nach Bekanntwerden der Anschuldigungen aufforderten, dass eine solche Aussage auch ihren Bruder einbeziehen müsse. Angèle veröffentlichte also auf ihrem Instagram-Account (knapp 3 Millionen Follower) ein Statement, in dem sie dessen Verhalten verurteilt und sich mit den Frauen solidarisiert, die derzeit aussagen.

Vielleicht hat sich Angèle ihren Bruder zur Brust genommen, denn während wochenlang beharrlich zu den Vorwürfen schwieg, sah sich Roméo Elvis zu einer längeren Entschuldigung und einem zumindest partiellen Schuldgeständnis gezwungen. Er habe sich ungebührlich verhalten und geglaubt auf eine Aufforderung zu reagieren, die es nicht gegeben habe. Er sei nicht stolz auf sein Verhalten und hoffe als abschreckendes Beispiel zu dienen.

Auch darin zeigt sich die Brisanz der Debatte. Denn dass Frauen von Teilen der Rapszene als sexuell frei verfügbar angesehen werden, ist natürlich kein rein französisches Phänomen. Auch der amerikanische Rap-Star Rick Ross lässt schon mal verlauten, er könne nie eine weibliche Künstlerin unter Vertrag nehmen, denn das würde darauf hinauslaufen, dass er sie "ficken und damit das Geschäft ruinieren" werde. Der mediale Gegenwind, der Moha La Squale und Roméo Elvis nun entgegenschlägt, ist allerdings bemerkenswert, gerade wenn man betrachtet wie wenig konsequent in Deutschland Rapper für ähnliche Anschuldigungen von Kollegen und Öffentlichkeit belangt werden. Moha La Squale hat sich nach einer langen Auszeit aus den sozialen Medien Anfang der Woche erstmals wieder zu Wort gemeldet. In einem Instagrampost sitzt er im Auto und reibt sich über die Augen, als müsse er weinen. Untertitelt ist der Post mit dem Titel eines Popsongs aus den Achtzigerjahren. Ach die Lügnerin, sie ist verliebt, heißt der übersetzt, und diesen blanken Hohn fanden dann nicht einmal mehr die Fans des Rappers witzig.

Ob aus dem derzeitigen MeToo-Momentum eine langfristige Bewegung wird, die es schafft, die verkrusteten patriarchalen Strukturen einer Szene aufzubrechen, die sich in weiten Teilen noch toxischer als ihr deutsches Äquivalent präsentiert? Sein ursprünglich für den 18. September angekündigtes zweites Album hat Moha La Squale auf unbestimmte Zeit verschoben. Er wird warten wollen, dass sich die Brisanz ein bisschen legt. Kommt es zur Veröffentlichung wird sich zeigen, ob Publikum und Musikgeschäft tatsächlich bereit sind, ihre Rapper zu verpfeifen oder ob der kommerzielle Siegeszug des Rappers anhält und sich die Öffentlichkeit eher an einem anderen Hit von Angèle orientiert. Auf diesem wirkt auch ihr Bruder mit und der heißt schlicht "tout oublier" - alles vergessen, also.

© SZ vom 20.10.2020

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