Frankreich Marine Le Pen, die Rechtsextremen und Rechtskonservativen bestimmen den politisch-kulturellen Diskurs

Auf Ihrer Homepage steht ein schöner Text, in dem ein Pariser Taxifahrer sagt, dass Bücher ohnehin nicht für Menschen wie ihn geschrieben werden. Sie stimmen ihm spontan zu. Warum?

Als ich das "Eddy"-Manuskript an einen berühmten Pariser Verleger schickte, antwortete der mir, er könne das nicht veröffentlichen, weil es die Welt, über die ich da schrieb, seit Émile Zolas "Germinal" nicht mehr gebe. Niemand würde mir glauben. Und niemand würde das kaufen. Die Ausgeschlossenen kommen in Büchern und Filmen so wenig vor, dass dieser hochgebildete Mann reinen Herzens glaubte, dass es diese Menschen schlichtweg nicht gibt. Und diese sehen, dass der Prix Goncourt jedes Jahr an einen bourgeoisen Autor geht, der über die Probleme der Bourgeoisie schreibt. Also wissen sie, dass Literatur sie einfach nicht angeht.

Aber es gibt doch beispielsweise Ihr Buch.

Es gibt die Bücher von Didier Eribon, sein "Rückkehr nach Reims". Die Texte von Geoffroy de Lagasnerie. Die Kunst von Sophie Calle. Die Filme von Xavier Dolan. Wir inspirieren uns und versuchen, eine neue linke Debatte mitzuentwerfen.

Mit Geoffroy de Lagasnerie haben Sie vor zwei Jahren ein "Manifest" veröffentlicht, in dem Sie fordern, man müsse die Stille ins Zentrum des politischen Widerstands stellen. Wie meinen Sie das?

Marine Le Pen, die Rechtsextremen und Rechtskonservativen bestimmen den politisch-kulturellen Diskurs. Wir meinten, dass es nichts nützt, nur ihr hanebüchenes Zeug zu kommentieren und sich die Inhalte vorgeben zu lassen.

Muss man nicht mit ihnen diskutieren?

Wir haben uns geweigert, an einem Podium teilzunehmen, weil die dort verhandelten Positionen in unseren Augen nicht legitim sind. Ich weigere mich, darüber zu diskutieren, ob und inwiefern Islamophobie oder Schwulenfeindlichkeit gerechtfertigt sind. Demokratie bedeutet in meinen Augen, genau diese Fragen als überholt auszumustern und sie schon als Frage zu delegitimieren.

Man warf Ihnen Zensur vor.

Wen zensiere ich, wenn dort nicht spreche? Niemanden. Sie können doch sagen, was sie wollen. Aber sie unterstellen mir Zensur, weil sie für ihre homophoben, antisemitischen, islamophoben Sprüche einen Echoraum brauchen, jemanden, der sich empört und so ihr Gerede legitimiert, denn dann steht ja Aussage gegen Aussage. Und so werden Begriffe wie Nation, Identität, Heimat, Volk zu den zentralen Formeln der Debatte, statt dass wir selbst Begriffe vorgeben wie die soziale Gerechtigkeit. Die Linke müsste Menschen wie meine Eltern ansprechen, ohne soziorassistisch zu sein.

Und das bedeutet?

Dass Menschen am unteren Rand, die Arbeitslosen und Mindestlohnempfänger, gegen Flüchtlinge, Migranten, sexuelle Minderheiten ausgespielt werden. Wenn man diesen Menschen klarmachen würde, dass nicht andere Randgruppen ihre Gegner sind, sondern die Finanzwelt, die soziale Ungerechtigkeit, dann könnte die Linke bei ihrer ehemaligen Stammwählerschaft wieder Fuß fassen.

Ist nicht, umgekehrt, vor lauter Rücksicht auf Randgruppen die soziale Frage aus dem Blick geraten?

Wer sagt, man spreche zu viel von den Schwulen, den Flüchtlingen und den Frauen und zu wenig von den Arbeitern, wer eine Opposition herstellt zwischen der sozialen Frage und den Rechten von Minderheiten, betreibt im Grunde das Geschäft des Front National. Der ist offen homophob, fremden- und frauenfeindlich und behauptet, dass er sich um das Schicksal der armen Leute aus dem Volk kümmert. Außerdem sind Armut, soziale Isolation und Geschlechterfragen doch untrennbar miteinander verbunden.

Wie das?

Mein Vater hat mit 14 Jahren die Schule abgebrochen. Er dachte, es sei ein Zeichen von Männlichkeit, Schule bescheuert zu finden, auf keinen Fall ein Buch zu lesen, sich blöd gegenüber den Lehrern zu benehmen. All das brachte ihm Respekt bei seinen Freunden ein. Geschlechterstereotype können also genauso destruktiv sein wie Armut.

Werden Sie am Sonntag wählen gehen?

Ich verstehe die Entmutigten. Aber ich finde es völlig dekadent, nicht zu wählen. Man muss wählen gehen für den Flüchtling, der abgeschoben wird, wenn Macron an die Macht kommt, für die Homosexuellen, die leiden werden, wenn ein Ultrakatholik wie Fillon gewählt wird. Und natürlich, um Marine Le Pen zu verhindern.

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