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Frankreich:Das Schweigen der Organe

Der französische Philosoph Bernard-Henri Lévy, kurz: BHL.

(Foto: Patrick Kovarik/AFP)

Intellektuelle rechnen mit der Corona-Krise ab - und damit, was sie aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwinden lässt.

Von Joseph Hanimann

Es könnte in Frankreich die Zahl des Jahres werden. 135 Euro mussten die Franzosen im Frühjahr bezahlen, wenn sie ohne Rechtfertigungsschein ihre Wohnung verließen, und so viel kostet es nun im Sommer, wenn man ohne Mundschutz beim Bäcker sein Baguette kauft. Und die Leute machen mit in vorauseilendem Gehorsam. Was ist passiert mit der streitlustigen Nation?

Das Leben als schieres Überleben sei zum höchsten aller Güter erklärt worden

Nach fünf Monaten rhetorischer Alleinherrschaft der Gesundheitsexperten melden sich die Allround-Intellektuellen wieder zu Wort. Der 99-Jährige Soziologe Edgar Morin zieht in 15 Lektionen seine Konsequenzen aus der Corona-Krise und plädiert im Buch "Changeons de voie" für ein nachhaltiges Gesellschaftsmodell. Der Schriftsteller und Anwalt François Sureau macht sich Sorgen über die Reglementierung unseres Privatlebens durch einen nur noch auf sanitäre Sicherheit fixierten Staat. Der hurtigste unter diesen Denkern ist aber wiederum Bernard-Henri Lévy, kurz: BHL. Nur knapp seien wir einer inzestuösen Verbindung zwischen politischer und medizinischer Macht entgangen, schreibt er im Buch "Ce virus qui rend fou" (Dieses Virus, das uns alle verrückt macht) und ruft zu einer neuen Analyse der "Biomacht" auf. "Kehr wieder, Michel Foucault" heißt das Anfangskapitel seines Buchs.

Das Leben als schieres Überleben sei zum höchsten aller Güter erklärt worden, empört er sich. Mit gewichtiger Mine habe man den "Contrat social", die Hingabe eines Stücks Eigeninteresse für ein Stück Allgemeinwohl, durch einen "Contrat vital", die Hingabe der individuellen Freiheit für eine Garantie für alle gegen das Virus, ersetzen wollen. Erst in letzter Minute habe sich die Einsicht durchgesetzt, dass das "Schweigen der Organe", in welches die Medizin sich vertieft, nicht die Stille von Ausgangssperre und Rundumüberwachung nach sich ziehen dürfe. Auch das Dilemma zwischen Rettung von Menschenleben und Rettung des Wirtschaftslebens hält der französische Intellektuelle für falsch. Vielmehr gehe es darum, zwischen potenziell verlorenen Leben durch die Epidemie und solchen durch den gesellschaftlichen Stillstand abzuwägen.

Seltsam ist daran, dass der sonst gegenüber dem Populismus von Trump, Bolsonaro oder Boris Johnson unerbittliche Intellektuelle durch seinen Antikonformismus in diesem Punkt implizit deren humanistisch unterkühltem Pragmatismus das Wort spricht. BHL war zwar nie prinzipiell gegen die sanitären Sicherheitsmaßnahmen, liefert aber Argumente für die Anhänger von individuellem Eigensinn, Obrigkeitsaversion und diversen Verschwörungstheorien. Dabei teilt Bernard-Henri Lévy in alle Richtungen aus. Seine Kritik gilt auch den Weltverbesserern von ganz links und ganz rechts, die in der Pandemie die rettende Krise für unsere zwischen Neoliberalismus und allgemeiner Grenzschließung zaudernden Gesellschaft sähen und, "sich auf die Schultern der Corona-Toten schwingend", verkünden, sie hätten ja schon immer gewusst, wo das Problem liege. Sie alle seien nur darauf aus, empört sich der Philosoph, dieses Virus zum Sprechen zu bringen und ihm die ihnen gefällige Botschaft über die Verlorenheit der Welt abzuringen.

Mit dem Coronavirus ist den Universalintellektuellen die Welt ausgeblendet worden

Intellektuelles Dandytum in sanitären Krisenzeiten, so wurde dem Autor von manchen Kritikern dieses Buchs vorgeworfen. Immerhin demonstriert es, was diese Art des universalphilosophisch gesellschaftskritischen Denkens zu Zeiten des Expertenwissens noch zu leisten vermag. Neigte dieses in den politisch-humanitären Konfliktsituationen auf dem Balkan, in Algerien, Afghanistan oder im Irak mit seiner schematischen Frontziehung zwischen Tätern und Opfern zur sterilen Vereinfachung, die über Rhetorik kaum herauskam, so wirft es in der gegenwärtig weltweit ziemlich konvergent angegangenen Problemlage der Pandemie grundlegende Fragen auf. Dass sich Lévy zu Beginn der Corona-Pandemie auf der griechischen Insel Lesbos in einem Lager mit 20 000 syrischen Flüchtlingen aufhielt und dann unmittelbar vor dem Shutdown gerade aus Bangladesch zurückkehrte, ist an sich nicht weiter von Belang. Im Zusammenhang seiner Feststellung aber, dass das Flüchtlingsdrama im Mittelmeer, der Jemenkrieg oder die Abholzung des Lebensraums der Ureinwohner im Amazonas hierzulande schlagartig aus der öffentlichen Aufmerksamkeit verschwanden, wird es aber relevant. Mit Covid ist den Universalintellektuellen die Welt ausgeblendet worden. Und die daraus resultierende Frage, wie Leben sich mit Leben verrechnet, ist durchaus brisant. Die 135 Euro potenziellen Bußgelds, mit denen die Franzosen sich gerade herumschlagen, fallen dabei nicht ins Gewicht.

© SZ vom 30.07.2020

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