Frankfurter Buchmesse Die platonischen Dialoge als "scripted reality"

Die platonischen Dialoge müsse man als scripted reality begreifen, sagt Richard David Precht in Frankfurt.

(Foto: imago/Hoffmann)

Also hat er eine Geschichte der Philosophie verfasst. Und Precht ist ausweislich der Buchvorstellung im Reinen mit sich, findet mitunter sogar Fragen, die nicht er selbst, sondern der Moderator ihm stellt, "berechtigt", und findet, ihm sei da zum Beispiel mit Heraklit eine Auseinandersetzung "auf Augenhöhe gelungen". Prechts Philosophiegeschichte behandelt die Antike und das Mittelalter. Die platonischen Dialoge, erklärt er uns, müsse man als "scripted reality" begreifen, also als eine "inszenierte Talkshow". Platons wichtigstes Verdienst als Staatsphilosoph sei zweifellos die Forderung nach voller Gleichberechtigung für Frauen. Aber Platon sei beileibe kein Frauenversteher gewesen. Durch ihre Rechtlosigkeit seien die Frauen auf die häusliche Sphäre beschränkt gewesen. Den dadurch bedingten Materialismus wollte Platon brechen, indem er ihnen politische Rechte zugesteht, kurzum damit "Frauen aufhören sich wie Frauen zu benehmen".

Es ging dann noch um Aristoteles als Vordenker aller Graswurzel-Bewegungen, der heute wohl die Piratenpartei wählen würde. Für das Mittelalter blieb schließlich nur noch wenig Zeit. Precht beschränkte sich darauf, zu bemerken, dass auf Plotin, bei dem eigentlich die liberalste Religion überhaupt erreicht war, nämlich eine ohne Gott, ein 700 Jahre dauernder Systemabsturz folgte, weil plötzlich keiner mehr Griechisch konnte. Ein anderer Name für Systemabsturz? "IS-Totalitarismus des Christentums". All das und mehr nachzulesen auf knapp 580 Seiten, und das ist nur die erste Lieferung, Band zwei und drei sollen bald folgen.

Christopher Schmidt

Ruheinsel im Gedränge

Überall diese Gedränge. Zweiter Tag der Buchmesse, die Fachbesucher drängen in Hunderten aus der S-Bahn hinaus und in die Hallen hinein, lange Schlangen vor den Garderoben. Die Gänge in den Hallen sind schon am frühen Vormittag stark besucht, da muss man dringend mal an die frische Luft. Draußen auf dem Vorplatz herbstliche Kälte, leichter Regen - und in der Mitte des Platzes steht das Lesezelt. Und im Lesezelt: große Leere, Stille, nur ganz wenige Stühle sind besetzt. Man kann sie also finden, die Ruhe.

Aber eine Veranstaltung findet natürlich trotzdem statt, überall sind hier Veranstaltungen, beinahe rund um die Uhr. Die Jugendbuchautorion Sigrun Casper liest aus ihrem neuen Buch, eine berührende Geschichte über ein nichteheliches Kind. Dazu kann man eine Tasse Tee kaufen - und prompt wird das Teepersonal gerügt, es möge nicht so laut reden. Man stelle sich vor: auf der Buchmesse reden alle immer laut, Diskussionsrunde hin oder her. Hier aber schweigt das Personal dann doch. Nach Casper kommt Marina Lioubaskina, und mit ihr ein großer Bruch: nach Jugendbuch kommt Sexbuch. Die russische Autorin liest erlebte und erfundene Erotikgeschichten, das Werk ist nach den Namen der teilnehmenden Männer strukturiert, von A bis Z. Es geht um das Verhältnis zwischen Sex und Plastiktüten in der Sowjetunion, um verstaubte Wohnungen von Intellektuellen, wo sich die Ich-Erzählerin zum "Vögeln" verabredet, und um Männer, die mit Panzern ihrer "Eroberung" hinterherjagen. Nach vier Geschichten ist die Lesung aus, der Tee ist alle, und das Zelt ist so leer als wie zuvor.

Robert Probst

Ästhetische Bücherchirurgie

Buchmesse ist Hallen-Nahkampf, bis der Arzt kommt. Öfter fällt hier, in der drangvollen Enge ein Mensch um als ein Buch. Aber auch für Bücher gibt es in diesem Jahr eine Art Notfallambulanz. Sie heißt "The Book Cover Clinic", also in etwa "Krankenhaus für Umschläge", und damit gemeint sind nicht kalte Umschläge, sondern Buchumschläge, und zwar solche, die ärztliche Hilfe nötig haben. Dahinter steckt ein Grafik-Büro aus Holland. An seinem Stand hängen nicht nur Beispielbilder für gelungene Cover-Gestaltung, es gibt auch einen Behandlungsstuhl und ein offenes Labor, in dem die passende Arznei angerührt wird. Die meisten Bücher sehen nicht besonders gut aus, so lautete die Ferndiagnose der Holländer. Und dagegen könne man durchaus etwas tun.