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Beobachtungen zur Buchmesse:Frankfurter Elegie

Frankfurter Buchmesse nun doch ohne Publikum

Die Buchmesse läuft virtuell, ansonsten sieht es in Frankfurt gerade aus wie in einem McCarthy-Roman: nahezu menschenleer, aber symbolisch überdeterminiert.

(Foto: dpa)

Die aktuelle Buchmesse ohne Menschen scheint wie ein Untergang, allerdings mit etwas Stil.

Von Felix Stephan, Frankfurt

Es ist ja nicht so, dass man Kommunalpolitikern in den Kopf gucken könnte. Und streng genommen ist es auch nicht so, dass man das unbedingt wollte. Aber wenn diese Berufsgruppe darüber nachdenkt, was die Karstadt-Pleite wohl "mit unseren Innenstädten macht", hat sie wahrscheinlich ein Szenario vor Augen, wie man es gerade in Frankfurt begehen kann: Auf dem Römer dreht sich verlassen ein Kettenkarussell im Kreis wie sonst in Frankfurt zu dieser Jahreszeit nur die Diskussionen auf dem Suhrkamp-Empfang. Bars schließen ohne ein Wort der Entschuldigung, und wenn man kurzfristig ein Zimmer im Frankfurter Hof möchte - dann bekommt man auch eins.

Die einzigen, die hier zurzeit einchecken, sind gewaltig gebaute Delta-Piloten mit texanischem Dialekt, die verwirrt an ihren Masken zupfen und denen man das deutsche Wort "Beherbergungsverbot" jetzt auch nicht mehr erklären möchte.

Ansonsten sieht es in Frankfurt gerade aus wie in einem Roman von Cormac McCarthy: nahezu menschenleer, aber symbolisch überdeterminiert. Dass die Stadtgesellschaft zwar zum Erliegen gekommen ist, die Geschäfte der Buchbranche jedoch völlig unabhängig davon eigentlich ganz gut laufen, ließe sich auch als kulturpessimistische Parabel lesen.

Der Lizenzhandel zwischen Deutschland und New York läuft ja wie gehabt weiter, und wenn das Weihnachtsgeschäft auch ungefähr so nach Plan läuft, dann wird der Umsatz der Buchbranche in diesem Jahr nahezu stabil bleiben können, ohne dass von den zehn wichtigsten Messen der Branche auch nur eine einzige stattgefunden hätte. Rein geschäftlich sieht es also gerade so aus, als käme die literarische Welt auch ohne die eigentliche Welt ganz gut zurecht.

Der "unwirklichen Stadt" aus T. S. Eliots "Wasteland" sieht Frankfurt in diesen ersten Tagen der Buchmesse jedenfalls relativ ähnlich. Es gibt am Main nur weniger Nebel. Wird man sich daran dauerhaft gewöhnen können, dass in den Bilanzen der Verlage und Agenturen auch ohne das jährliche Frankfurter Bacchanal alles seine Richtigkeit hat? Das wird wohl davon abhängen, was dereinst für den Zweck des Bücherschreibens gehalten wird. Wenn sich die Angelegenheit am Ende nur rechnen soll, dann geht es auch so - vielleicht sogar besser. Was Susan Sontag einst mit der "Erotik der Kunst" gemeint hat, wäre dann mehrheitlich dem Sars-Cov-2-Virus zum Opfer gefallen. Aber wenn die Zivilisation schon unbedingt enden muss, dann hoffentlich ein bisschen origineller.

© SZ vom 14.10.2020/cag
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