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Frankfurter Buchmesse 2020:"Wir haben die komplette Messe viermal neu geplant"

Buchmesse Frankfurt - Eröffnungspressekonferenz

Eine Mitarbeiterin der Buchmesse Frankfurt vor der Eröffnungspressekonferenz in der Festhalle. Wegen Corona findet eine Sonderausgabe der Messe statt.

(Foto: dpa)

Jürgen Boos, Direktor der Frankfurter Buchmesse, spricht darüber, wie die Geschäfte digital laufen, was Kreativität mit Begegnungen zu tun hat - und erklärt, was dieses Jahr trotz allen Improvisationstalents zu kurz kommt.

Interview von Felix Stephan

Die Frankfurter Buchmesse ist aufgrund von Corona in die Datenwolke verlegt, Lesungen finden virtuell statt, genauso der Austausch von Ausstellern und Besuchern. Buchmessendirektor Jürgen Boos spricht über die enorme Aufgabe, immer zum Umplanen bereit zu sein, ein Gefühl von Traurigkeit, das nicht ganz verschwinden will und darüber, dass vor allem politische Diskussionen - für die die Frankfurter Buchmesse immer auch ein Ort war - leiden.

SZ: Herr Boos, wie sieht dieses Jahr Ihre Buchmessen-Woche aus?

Jürgen Boos: Normalerweise bin ich damit beschäftigt, ausländische Delegationen, Politiker und Ehrengäste willkommen zu heißen und Gespräche mit internationalen Ausstellern zu führen. Das ist in diesem Jahr ganz anders. Stattdessen habe ich viele Pressetermine. Ich rede in diesen Tagen vor allem mit Journalisten. Alle wollen wissen, wie so eine virtuelle Messe aussieht und ob sie funktionieren kann.

Und wie läuft es?

Wir haben uns das ganze Jahr damit beschäftigt. Ich glaube, wir haben die komplette Messe viermal neu geplant. In den letzten Jahren haben wir immer wieder mit virtuellen Formaten experimentiert: Veranstaltungen wie die Eröffnungspressekonferenz und die Eröffnungsfeier haben wir live gestreamt, und auch verschiedene andere Diskussionen wurden parallel ins Netz übertragen. Jetzt ist auf einmal nahezu alles digital. In der Stadt haben wir noch etwa 70 Präsenzveranstaltungen, aber seit Berlin zum Risikogebiet erklärt wurde, wo die meisten Autorinnen und Autoren wohnen, ist das auch nicht eben einfacher geworden. Wenn man von Berlin nach Frankfurt will, hat man es gleich mit zwei Risikogebieten zu tun.

Sowohl Ihr Unternehmen als auch die ganze Branche musste in den vergangenen Monaten viel improvisieren. Wie haben Sie das erlebt?

Jürgen Boos, Direktor der Frankfurter Buchmesse, bei der Eröffnungs-Pressekonferenz am 13. Oktober 2020.

(Foto: AFP)

Das ist wahr, wir mussten permanent umdenken, sehr flexibel planen, kreative Lösungen finden. Dabei haben wir viel gelernt, aber es war natürlich auch eine riesige Aufgabe. Das ist dem Rest der Branche nicht anders gegangen. Während des Lockdowns am Anfang der Pandemie war mein Buchhändler mit dem Fahrrad unterwegs. Ich habe ihn angerufen, und er hat mir die Bücher vor die Haustür gelegt.

Wie lief das in anderen Ländern?

Die internationalen Verleger, mit denen ich gesprochen habe, haben anfangs stark gelitten, weil der Buchhandel über zwei, drei Monate ausgefallen ist. Mittlerweile haben sich aber fast alle erholt. Im Vergleich zum Vorjahr bleibt der Umsatz bei den meisten wohl stabil. Die Spanier haben unmittelbar nach dem Lockdown eine Untersuchung durchgeführt. Dabei stellte sich heraus, dass während der Pandemie vor allem jüngere Menschen Bücher gekauft haben. Das Segment der Kinder- und Jugendbücher ist glänzend gelaufen und es läuft auch immer noch deutlich besser als im vergangenen Jahr.

Wie groß ist dann die Sorge, dass die Verlage auch nächstes Jahr nicht mehr kommen, wenn das Jahr ohne Messe geschäftlich so ein Erfolg war?

Ich habe eher den Eindruck, dass alle die Messe vermissen und aufrichtig traurig sind, nicht kommen zu können. Ein Teil unseres Geschäfts ist die Kreativität, und Kreativität hat mit Begegnungen zu tun. Vielleicht sogar mit dem Chaos hier in den Messehallen, am Würstchenstand zu stehen und mit jemandem zu sprechen, mit dem man sonst nie gesprochen hätte. Auf diese Weise kommen die erstaunlichsten Geschäfte zustande. Lizenzen, die man längst aufgegeben hatte, wird man plötzlich doch noch los, oder es ergeben sich Möglichkeiten, die man selbst nie erwogen hätte. Nach allem, was ich höre, ist die Stimmung eindeutig so, dass sich alle wünschen, nächstes Jahr wieder kommen zu können.

Wird die Messe wieder ganz die alte sein?

Was die Dynamik der persönlichen Begegnungen angeht, wird sie ganz die alte sein, auch wenn wir natürlich nicht wissen, wie es mit dem Reisen im nächsten Jahr aussehen wird. Aber ich verspreche mir durch unsere neuen digitalen Reichweiten, dass noch ganz neue Leute Interesse an Frankfurt bekommen, die jetzt erst feststellen, was hier alles möglich ist.

Interview am Morgen

Diese Interview-Reihe widmet sich aktuellen Themen und erscheint von Montag bis Freitag spätestens um 7.30 Uhr auf SZ.de. Alle Interviews hier.

Das heißt, die Buchmesse profitiert am Ende von dem Digitalisierungsschub?

Das glaube ich schon. Am Montag haben wir eine internationale Verlegerkonferenz ausgerichtet, die sonst physisch stattgefunden hätte. Normalerweise wird sie von vielleicht 200 Leute besucht, dieses Jahr waren es rund 800 Zugeschaltete. Da konnten jetzt auch Leute teilnehmen, die sonst gar nicht nach Frankfurt kommen könnten. Ein Verleger aus Brunei war dabei, Teilnehmer aus der ganzen Welt, trotz Zeitverschiebung. Da müssen Leute mitten in der Nacht aufgestanden sein, um an dieser Konferenz teilzunehmen.

Wieso hat man das nicht früher gemacht?

In der Regel war alles, was hier in den fünf Tagen der Messe passiert, nach diesen fünf Tagen auch vorbei. Jetzt bauen wir eine Mediathek auf, die Konferenzprogramme für das Fachpublikum existieren weiter, die Rechteplattform werden wir weiter offen halten, kostenfrei bis Mitte nächsten Jahres. Bis dahin haben wir auch ein Preismodell entwickelt, dann wird sich da auch geschäftlich was verändern. Das ist aber alles nur begleitend. Die Buchmesse ist eine Begegnungsmesse, und daran wird sich auch nichts ändern.

Was macht Sie da so sicher?

Was bei all den berechtigten Diskussionen ums Geschäft und die Bilanzen ein bisschen in den Hintergrund gerät: Wir sind ja immer auch eine Plattform für politische Diskussionen. Vor einigen Jahren gab es heftigste Diskussionen über China, vor Kurzem über den Umgang mit rechten Ideologien, zuletzt die Kontroverse um Peter Handke. Diese Art der Auseinandersetzung findet im Virtuellen so gut wie gar nicht statt. Wir haben zwar Plattformen für politische Diskussionen eingerichtet, etwa den "Weltempfang", unser Zentrum für Politik, Literatur und Übersetzung. Aber die Gespräche am Bildschirm sind meiner Erfahrung nach sehr fokussiert, da ist wenig Raum für Spontaneität. Die großen gesellschaftspolitischen Themen, die auf der Frankfurter Buchmesse diskutiert wurden, sind aber oft auch spontan entstanden. Niemand hat je vorausgesehen, worüber alle sprechen würden. Natürlich setzen auch wir Schwerpunkte, aber wir konzentrieren uns auf Branchenthemen. Im Moment sehe ich nicht, dass man politische Themen auf dieselbe Weise setzen könnte. Das Bedürfnis danach ist aber gerade heute sehr groß.

© SZ vom 16.10.2020/tmh
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