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Frankfurter Buchmesse:Das Land ohne Regierung

Ein Spektakel, das jedes Jahr neu aufgeführt wird. Mit den immergleichen Artisten in den Hauptrollen. Eine Typologie: Von der Kulturstaatsministerin bis zum Lektor, dem eigentlichen Hipster.

Opening Ceremony - Frankfurt Book Fair 2017

Der Leser ist eine transparente Veranstaltung: Multimedia-Installation "Livre in Room" mit dem Hologramm des Lektors Adolfo Bioy Casares.

(Foto: Thomas Lohnes/Getty Images)

Von Thomas Mann ist die Bemerkung überliefert, dass der Dichter "ein auf allen Gebieten ernsthafter Tätigkeit unbedingt unbrauchbarer, einzig auf Allotria bedachter Kumpan" sei, ein "innerlich kindischer, zur Ausschweifung geneigter und in jedem Betrachter anrüchiger Scharlatan". Und jetzt kommt das Beste: Um den famosen Fantasten herum gibt's in der Branche ein paar kolossale Kollegen.

Der erfolgreiche Autor

Der König der Messe. Hat, wie immer, alles. Oft den Deutschen Buchpreis, das Preisgeld, den Ruhm, ein unerschütterliches Selbstbewusstsein, sowie an jedem Interviewstand von ARDeutschlandfunk3satZDFAZeit das größte Publikum. Und natürlich die Lizenz zum Sich-selber-rhetorische-Fragen-stellen. Machte der diesjährige Buchpreisträger Robert Menasse schon am Mittwoch, dem ersten Ehrentag, ganz hervorragend. Während des Gesprächs beim ZDF über seinen in Brüssel spielenden EU-Roman "Die Haupstadt" blickte er bald konsequenterweise auch nicht mehr zum Interviewer, sondern in die Menge: "Was haben Sie für Bilder im Kopf, wenn Sie an Brüssel denken? Sehen Sie, keine." - "Wussten Sie, dass es keinen Stadtroman über Brüssel gibt, außer jetzt meinen, und dass mir bei einem Interview mit einer belgischen Zeitung gerade gesagt wurde, ich sei der Begründer der belgischen Nationalliteratur?" In Menasses österreichischem Akzent klang das aber irgendwie auch wieder fast amtlich niedlich. Und besser als später an anderer Stelle der Kommentar einer Moderatorin, dass die Gedichte Jürgen Beckers sich durch eine "spezifische Sinnlichkeit" auszeichneten.

Die Kulturstaatsministerin

Monika Grütters schüttelte gekonnt Verleger- und Cheflektoren-Hände, nahm routiniert ein Buch nach dem anderen entgegen (das bald in die Tasche ihres Assistenten fiel) und stutzte nur ganz kurz, als bei Matthes & Seitz plötzlich "Arab Porn" von Youssef Rakha dabei war. Huch!?

Der erfolglose Autor

Der erfolglose Autor hat auf der Buchmesse alles nicht, was der erfolgreiche Autor hat. Und dann noch ein bisschen weniger. So wie es für einen erfolgreichen Autor die große Bühne mit den bequemen Sofas und den Fernsehkameras gibt, gibt es auch für den erfolglosen Autor ein eigenes Reservat auf der Messe. Es heißt "Leseinsel", liegt irgendwo hinter einer Säule und besteht aus einem Tisch und einem Stuhl auf der einen und ein paar schlichten Holzbänken auf der anderen Seite. Zwei Leute sitzen darauf und tun so, als hörten sie zu, einer blättert lustlos in einem Stapel Prospekte, und vier Leute wenden dem erfolglosen Autor gleich den Rücken zu, weil sie nur kurz Pause machen wollen und dankbar sind, eine Sitzgelegenheit gefunden zu haben. Die Kunst des erfolglosen Autors ist nun diese schmerzvoll überdeutliche Installation seiner Erfolglosigkeit, in der er selbst die Hauptrolle spielt und die auch noch endlose 30 Minuten dauert, so ungerührt wie möglich zu ertragen - und dabei vergnügt aus seinem neuen Buch vorzulesen. Eine Prüfung ohne spezifische Sinnlichkeit.

Der Verleger

Malchow, Unseld, Landgrebe, Lendle - die stoisch nickenden, immer leicht gebückt lauschenden Türme in der Brandung ihrer Verlagsstände. Weiter vor allem Männer in ihren allerbesten Jahren mit schütterem Haar und etwas zu geräumigen Sakkos und Hemden. Der Stunt, den ihnen die Messe abverlangt, hat es in sich: den Dompteur geben, dabei gleichzeitig stundenlang volksnah ein offenes Ohr für Laufkundschaft aller Art haben, von der Staatsministerin bis zum, oje, erfolglosen Autor aus dem eigenen Programm, jaja, haha, mein Lieber, wirklich?, wir sehen uns... Eigentlich denken sie dabei natürlich die ganze Zeit nur daran, wie Hanser-Chef Jo Lendle via Twitter am Mittwoch wissen ließ, dass "die Deals der Buchmesse sich jedes Jahr weiter nach vorne" verlagern und, achje, Publisher's Weekly meldet: "Eine Handvoll Million-$-Deals direkt vor Frankfurt." Bling, bling.

Der Lektor

Lektoren sind die heimlichen Helden und Hipster der Messe. Finden die Lektoren. Einerseits immer aufgeregt ganz wichtig auf dem Sprung zur nächsten Lizenzverhandlung über künftige Superbestseller und andere publizistische Volltreffer, andererseits total abgeklärt. Mit allen Wassern mehrfach gewaschen. Und die Einzigen, die in dem Geschäft wirklich was wegarbeiten. Natürlich. Weise Veteranen und begnadete Klatschbasen zugleich. Kalifen anstelle des Kalifen. Wissen natürlich lange vor ihren unfähigen Verlegern, dass alle wesentlichen Deals längst im Vorfeld der Messe abgeschlossen wurden, eh klar, hallo, das ist doch schon seit Jahren so.

Der Besucher

Wie immer der eigentliche Souverän der Messe. Dürfen das Schauspiel des literaturbetrieblichen Ausnahmezustands anschauen, ohne sich selbst die Blöße geben zu müssen. Für den Preis für den lässigsten Messebesucher 2017 sei hier unbekannterweise der indisch aussehende Mann im dunklen Anzug vorgeschlagen, der zwischen den Ständen umherflanierte mit der aktuellen Ausgabe der New York Review of Books unter dem Arm und einem Schal von Eintracht Frankfurt um den Hals. Ein echter Moment spezifischer Sinnlichkeit.

© SZ vom 12.10.2017

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