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Frankfurt:Fragen zum Ende

Die Stadt Frankfurt feuert die Chefin des Weltkulturen- Museums am Main. Die hatte allerdings nach Meinung auch derer, die sie nun feuerten, viel Gutes bewirkt. Was steckt dahinter? In Frankfurt brodelt die Gerüchteküche.

Von Volker Breidecker

Der Magistrat der Stadt Frankfurt hat Clémentine Deliss fristlos entlassen, die seit 2010 amtierende Direktorin des Weltkulturen Museums. Die Kündigung erfolgte, wie jetzt bekannt wurde, bereits zum 22. Mai. Kulturdezernent Felix Semmelroth (CDU) sagt, weder müsse noch dürfe noch brauche er Gründe für den Rauswurf nennen, denn es handle sich "um eine Personalie". Und auch Deliss schweigt, zumindest vorerst. Ihr Vertrag hätte eigentlich vorgesehen, dass bis ins Jahr 2018 bleibt.

Die Stille der Beteiligten trägt indessen nicht dazu bei, die Suche nach den Hintergründen zu beenden. In Frankfurt jedenfalls wabern Gerüchte durch die Stadt, die für Deliss an Rufmord grenzen müssen. "Außerordentlich misslich" nennt Semmelroth die Situation. Und so wenig Klarheit auch herrscht, eines ist offensichtlich: Für den Kulturdezernenten und die Stadt wird es noch weit misslicher kommen.

Wie konnte es so weit kommen? Um das zu beurteilen, muss man womöglich die Geschichte von Clémentine Deliss und der Stadt Frankfurt berücksichtigen.

Bald nach ihrem Amtsantritt wurde ein seit Jahrzehnten geplanter Neubau auf Eis gelegt. Deliss machte, in Abwendung von fragwürdig gewordenen ethnografischen Schausammlungen, aus der Not eine Tugend. Angesichts mangelnder Ausstellungsfläche nutzte sie die drei Villen des Museums am Mainufer und erschuf es in einer davon neu als eine Art Labor: Außereuropäische Künstler-Kuratoren wie den gegenwärtig ausgestellten senegalesischen Maler El Hadji Sy lud sie als "Artists in Residence" ein. Sie sollten im Museum als an einem Ort der Feldforschung arbeiten, sich an der Seite der Kustoden in die Depots begeben und dort Objekte auswählen, die einem lebendigen Dialog mit eigenen Werken, einer kreativen Neuinterpretation, Rekontextualisierung und Wiederaneignung zugeführt werden sollten.

Nicht überall in Frankfurt wurde diese Art, Museum zu machen, gerne gesehen: "Wir haben doch hier schon ein Museum für Moderne Kunst!", war ein Argument, das des Öfteren in der Kunstszene zu hören war.

Clémentine Deliss brachte jedoch frischen Wind in die deutsche Museumsethnographie. Mit kaum etwas konnte man sie mehr in Rage bringen als mit der Legende von den "Naturvölkern". Noch im Jahr 2010 freute sich Felix Semmelroth, mit der Berufung der polyglotten Britin, die für die Verbindung von Anthropologie und Gegenwartskunst steht, habe Frankfurt eine "Ausstellungsmacherin von herausragender interkultureller Kompetenz" angeworben. Und: "Mit ihrer Arbeit an der Schnittstelle von Kunst und Ethnologie hat sie sich nicht nur international einen Namen gemacht, sondern sich auch weltweit prominent vernetzt."

War das vielleicht mehr, als Frankfurt vertragen kann?Könnte all das, was Deliss' Ruf begründet, der Hintergrund dafür gewesen sein, dass diese quirlige, unbequeme Museumschefin in Ungnade gefallen ist? Und was können die Gründe sein, die eine fristlose Entlassung rechtfertigen?

Kurz nach der Entlassung der Museumschefin ließ Kulturdezernent Semmelroth verlautbaren, dass die Sammlungen des Museums (bekäme man sie doch nur einmal zu sehen!) erhalten bleiben werden. Wieder einmal war nämlich zu hören gewesen, man könne diese europaweit einzigartige völkerkundliche Sammlung von 70 000 Objekten auch mit der naturkundlichen Sammlung des für seine ausgestopften Saurier berühmten Senckenberg Museum zusammenlegen. Menschen, Kulturen, Saurier. Egal. In Frankfurt ist offenbar keine Idee zu absurd.

© SZ vom 15.06.2015
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