Frank Sinatra Der Geniestreich des berühmtesten amerikanischen Sängers aller Zeiten

Der fragile Zustand zwischen Einsamkeit und Alleinsein - davon singt Frank Sinatra auf "Sings For Only The Lonely"

(Foto: Getty)
  • Frank Sinatras "Sings For Only The Lonely" hat als Konzeptalbum über das Verlassensein Geschichte geschrieben.
  • Der Wiederveröffentlichung des Albums wurde nun eine spektakuläre, 17-minütige Outtake-Session des Songs "Angel Eyes" als Bonustrack hinzugefügt.
  • Wer ihn hört, begreift, dass es Sinatra damals darum ging, auf die einzig wahre Art ein Gefühl zum Ausdruck zu bringen, das er selbst womöglich gerade durchlebte.
Von Max Dax

Im großen Showdown des Films "Falsches Spiel mit Roger Rabbit" kämpfen der Privatdetektiv Eddie Valiant und der unheimliche Richter Doom in einem leer stehenden Filmstudiogebäude gegeneinander — mit Straßenwalzen, Industriemagnaten, Comic-Hämmern und anderen absurden Waffen, und als Doom einen Degen zieht, kämpfen sie auch mit Schwertern. Einzig: Das Schwert, das Valiant aus einem verstaubten Karton zieht, ist ein Zeichentrick-Schwert, es trägt die Gesichtszüge Frank Sinatras und setzt mit geschlossenen Augen und in sich versunken an, den Refrain von dessen Ballade "Witchcraft" zu singen. Valiant schleudert das für ihn nutzlose Schwert wieder weg, und der Auftritt Sinatras findet ein abruptes Ende.

Als Zuschauer fragt man sich: Wie lange hat Frank Sinatra als seine eigene Toon-Reinkarnation eigentlich in diesem Karton gelegen, einsam, im Dunklen, auf den großen Auftritt wartend? Und wie fühlt man sich, wenn die ganze verdammte Warterei zu nichts und wieder nichts führt? Von der Antwort darauf handelt eine neue Wiederveröffentlichung Frank Sinatras, das 1958 auf Capitol Records veröffentlichte und mit einigem soundtechnischem Aufwand perfektionierte Album "Sings For Only The Lonely". Auf zwölf Torch Songs - das ist die angloamerikanische Kunstform der Selbstmitleidsballade - singt Frank Sinatra von dem emotional fragilen Zustand zwischen Einsamkeit und Alleinsein.

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Die Platte gilt gemeinhin als das Meisterwerk des berühmtesten amerikanischen Sängers aller Zeiten, auch wenn auf ihm keine echten Hits zu finden sind. Das Album nimmt eine solche Alleinstellung im unüberschaubaren Werk des Sängers ein, da es als Konzeptalbum über das Verlassensein Formatgeschichte geschrieben hat. Gleichwohl enthält es trotzdem noch eine Reihe von Klassikern wie "Angel Eyes" , "One For My Baby" (mit der berühmten Ergänzungszeile ". . . and one more for the road") oder das titelstiftende "Only The Lonely" - vor allem aber beschwören die ebenso komplexe wie dynamische Instrumentierung der Songs und Sinatras betörender Gesang eine irre Intensität.

Dass Frank Sinatra mit "Sings For Only The Lonely" zur Identifikationsfigur, wenn nicht zum Schutzheiligen der Einsamen und der Nachtschwärmer wurde — und das Album als Tonspur zu Edward Hoppers berühmtem Gemälde "Nighthawks" gilt —, liegt nicht zuletzt an der Dualität zweier Energielinien, die sich während der Aufnahmen zu diesem Album schicksalhaft kreuzten. Zum einen hatten sich Frank Sinatra und seine Frau Ava Gardner 1957 scheiden lassen, nachdem sie sich einsam für einen Schwangerschaftsabbruch ihres gemeinsamen Kindes entschieden hatte - eine turbulente Amour fou ging tragisch im Blitzlichtgewitter der People-Presse zu Ende, und man meint in den Songs die Anwesenheit von Abwesenheit in jeder Phrasierung zu spüren.

Zum anderen ging zeitgleich sein Orchesterleiter und Streicherarrangeur Nelson Riddle durch die Hölle. Drei Monate vor Beginn der Aufnahmen hatte er den Tod seiner Tochter zu verkraften, während der Sessions starb dann noch seine Mutter an Krebs. Zum "Ausgleich", schreibt Riddle, habe er sich selbst Renovierungsarbeiten an seinem Haus in Los Angeles aufgehalst. Die komplexen Partituren, die "Sings for Only The lonely" zum Meisterwerk werden ließen, waren freilich trotzdem abzuarbeiten: "Tagsüber strich ich die Wände unseres Hauses mit großen, ausholenden Armbewegungen, und das war eine gute Therapie, denn als Arrangeur bestand mein Tagesgeschäft darin, winzige Noten und kleinste musikalische Bewegungen auf Papier niederzuschreiben."

Dass "Sings For Only The Lonely" bei der Zusammenführung dieser Schicksalslinien entstand, mag erklären, weshalb beide, Frank Sinatra und Nelson Riddle, die Leistung ihres Lebens ablieferten. Denn Frank Sinatra war ja nicht als Jahrhundertsänger geboren worden. Er hatte bloß diese unglaubliche Stimme. Und er war in der Lage, sich akribisch in die für ihn geschriebenen Songs hineinzufühlen.

Sinatra steht für das alte, große Amerika der I-Did-It-My-Way-Typen

James Kaplan schreibt in seiner großartigen, zweibändigen Sinatra-Biografie, dass Sinatra die Texte zu den Songs, die er singen wollte - und die er ja nie selbst geschrieben hat -, stets bis ins letzte Detail studierte, wie ein Method Actor, und dass er versucht habe, sich in jedes Wort hineinzufühlen, den jeweiligen anstehenden Song vollkommen zu durchdringen, bevor er ihn gesungen habe.

Es ist im Vortrag in jedem Atemzug und jeder Phrasierung auf "Sings For Only The Lonely" zu spüren. Dem Album, das jetzt sowohl in einer Mono- als auch einer Stereoversion erhältlich ist, wurde dankenswerterweise eine spektakuläre, 17-minütige Outtake-Session des Songs "Angel Eyes" als Bonustrack hinzugefügt.

Der Hörer wird dabei Zeuge, wie Sinatra im Dialog mit seinem Aufnahmeleiter um jede gesungene Silbe, um jede Kadenz und jeden Halbton ringt. Take um Take bricht er ab, weil diese oder jene Nuance nicht zu stimmen scheint. Man gerät in eine Endlosschleife, eine Echokammer, in der Sinatra, stets begleitet vom großen, von Riddle mit ruhiger Hand dirigierten Orchester, die bestmögliche Version des Songs zu finden versucht.

Ein ums andere Mal hört man den majestätischen Streichereinsatz und die Zeilen "Hey drink up all you people / Order any-thing you see / And have fun you happy people / The drink and the laughs on me", und man begreift: Hier sucht ein Sänger nicht nach einer von vielen möglichen Interpretationen, sondern es geht um die eine, die einzig wahre Art, ein Gefühl zum Ausdruck zu bringen, das dieser schöne, blauäugige Mann womöglich selbst gerade durchlebt. Der Song endet mit der Zeile: "And why my angel eyes ain't here / Excuse me while I disappear."

Neun Jahre später, im Jahr 1967, greift Jimi Hendrix diese Schlusszeile in seiner ersten Single "Purple Haze" auf, als er mit den Worten "Excuse me while I kiss the sky" den Epochenwandel einläutet. Das neue Amerika der Gemeinsamkeit und der freien Liebe ersetzt das alte Amerika der streunenden Nachtwölfe in Anzug und Hut.

Die Wiederveröffentlichung von "Sings For Only The Lonely" zeigt nicht zuletzt, dass die Welt Frank Sinatras, der für das alte, große Amerika der Einzelkämpfer, Self-Made-Men und I-Did-It-My-Way-Typen stand, und die anschließende Welt der Revolte und es Umbruchs im Kern sich vielleicht doch auf eine gemeinsame Sache einigen konnten. Darauf nämlich, dass wir am Ende vor Gott (oder wem sonst auch immer) ganz alleine stehen.

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