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Graphic Novel:München Noir

Aus dem Leben eines Taxifahrers: Frank Schmolkes "Nachts im Paradies" ist eine der besten deutschsprachigen Graphic Novels seit langem.

An Frank Schmolkes Talent gibt es keinen Zweifel. Aber selbst Szenekundige wissen mit seinem Namen nicht immer etwas anzufangen. Dabei ist der 1967 geborene Schmolke alles andere als ein Newcomer. Schon seit über 20 Jahren veröffentlicht er Comics, meistens allerdings kleinere Arbeiten, zum Teil im Selbstverlag. Sein spätes Graphic-Novel-Debüt erschien erst 2013; in "Trabanten" geht es um eine schwierige Jugend im München der Achtzigerjahre. Seitdem ist einige Zeit vergangen; doch mit "Nachts im Paradies" ist Schmolke nun nicht nur einer der besten deutschsprachigen Comics dieses Jahres, sondern gleich dieses Jahrzehnts gelungen.

Der Titel ist hochironisch. Das zeigt schon die Anfangssequenz, in der Vincent, die Hauptfigur, eingeführt wird. Mit seinem Taxi rast er im Regen über eine Münchener Schnellstraße, im Fond zwei drängelnde Kunden, die ihr Flugzeug nicht verpassen wollen. Prompt schlägt eine Radarfalle zu; es muss sofort gezahlt werden. Am Flughafen angekommen, wird Vincent gefragt, was die Kontrolle denn kosten werde. "Einen Punkt und 125 Euro", erklärt er. "Scheiße, Mann", sagt der eine Fahrgast und gibt mitfühlend ein stolzes Trostgeld: zwei Euro.

Vincent ist nicht so ein kaputter Typ wie Travis Bickle, der zweifelhafte Held in Martin Scorseses Filmklassiker "Taxi Driver" (1976); ein Einzelgänger und Loser ist aber auch er. Von seiner Frau ist er geschieden. Handys sind ihm suspekt; die Altbauwohnung, in der Vincent zu Hause ist, wird er sich nach ihrer Luxussanierung bald nicht mehr leisten können. Eigentlich wäre er gerne Schriftsteller. Zum Schreiben fehlen ihm jedoch die Zeit oder die Inspiration; in seiner mechanischen Schreibmaschine - Computer lehnt er ebenfalls ab - verstaubt eingespannt ein weißes Blatt.

Die anfänglich eher gemächliche Handlung der Graphic Novel gewinnt durch zwei Ereignisse an Fahrt. Anna, der 16-jährigen Tochter Vincents, werden in einer Disco K.o.-Tropfen ins Bier geschüttet. Benebelt irrt sie durch die nächtliche Stadt, verfolgt von einer Gruppe halbstarker Widerlinge, die sich an ihr vergehen wollen. Parallel dazu wird Vincent von dem Zuhälter Igor ein Deal vorgeschlagen: Er soll Prostituierte zu ihren Jobs fahren und damit bequem gutes Geld verdienen. Vincent zögert, ist aber immerhin bereit, Valerie, eine Spezialistin für abseitige sexuelle Wünsche, auf eine Party zu begleiten, wo ein russischer Freier auf sie wartet.

"Nachts im Paradies" besteht aus drei sich überlagernden Handlungssträngen. Da ist zunächst die Beziehung von Vincent und Anna, die Schmolke zart und einfühlsam, aber auch mit Humor schildert. Die teenagerhafte Kratzbürstigkeit, die Anna manchmal zeigt, verbirgt nicht, wie sehr sie an ihrem Vater hängt; auf seinem Motorrad schmiegt sie sich mit geschlossenen Augen an ihn - halb Kind, halb Freundin. Zugleich ist klar, dass Anna für Vincent ein Halt im Leben ist, ohne den er sich verlieren würde.

Wunderbar eingefangen ist die Vertrautheit der beiden, wenn die aus ihrem Drogenrausch erwachte Anna tief in einer mit Schaum gefüllten Badewanne liegt, Vincent sich vorsichtig auf den Boden zu ihr setzt und sie gemeinsam eine Zigarette rauchen. Schmolke zeigt die Szene auf zwei Doppelseiten, in langen, querformatigen Panels, in denen Vater und Tochter stets vereint sind.

Mit den Geschehnissen um Igor und Anna begibt "Nachts im Paradies" sich dagegen in Film-noir-Gefilde - ohne dabei ganz zum Genre-Comic zu werden. Die Konflikte, in die Vincent gerät, sind ihm undurchschaubar und werden nicht gelöst; er bleibt Zaungast in einem Milieu, das ihm völlig fremd ist und aus dem er nur mit Glück heil wieder herauskommt. Humoristische Brechungen mit groteskem Einschlag gibt es auch hier: Igor ist ein bulliger, bauernschlauer Typ, der entfernt an den großen Gangster-Darsteller Lino Ventura erinnert; und Valerie besitzt eine liebenswerte Dobermann-Hündin, die gerne nackte Füße leckt.

Der Blick, den der Comic auf die Berufswelt der Münchener Taxifahrer wirft, speziell zur Zeit des Oktoberfests, ist fast dokumentarisch. "Wenn du im Dienstleistungsgewerbe bist und die nächsten zwei Wochen nicht arbeitest, bist zu entweder krank oder tot", erläutert Vincent zu Beginn. Ein Spaß sind die Touren mit den besoffenen, aggressiven und aufgegeilten Fahrgästen nicht. Und der Verdienst hält sich, wie eine erfahrene Taxlerin einem jungen, naiven Kollegen auseinandersetzt, übers Jahr letztlich sehr in Grenzen: "Wenns Geschäft schlecht läuft, gehst du schon mal mit 70 Euro nach Hause, bist aber zehn, zwölf Stunden gefahren. Das ist unterm Mindestlohn!"

Dass "Nachts im Paradies" sich trotz der unterschiedlichen Aspekte wie aus einem Guss liest, liegt einerseits am erzählerischen Geschick Schmolkes, der, was auseinanderstreben könnte, mühelos ineinander übergehen lässt. Andererseits liefert er mit diesem Band auch in visueller Hinsicht seine bislang beste Arbeit ab. Unter den einheimischen Comic-Künstlern versteht nur Reinhard Kleist es ähnlich virtuos, in seinen Schwarz-Weiß-Zeichnungen Rohheit und Eleganz, Expressivität und Präzision zu verbinden. Zudem finden sich beim Seitenlayout viele Glanzlichter, sei es, dass Schmolke bei den Panelfolgen mit Wiederholungen und nur kleinen Variationen arbeitet, sei es, dass er in Momenten großer Dramatik ungewöhnliche Panelanordnungen oder ganzseitige Bilder verwendet.

"Nachts im Paradies" hat eine autobiografische Komponente. Vom Comic-Zeichnen allein können in Deutschland die allerwenigsten leben; Frank Schmolke hat jahrelang mit Taxifahren Geld dazuverdient. Während der Wartezeiten hat er ein Skizzenbuch gefüllt, auf das er für die Graphic Novel zurückgreifen konnte. Seinen Taxlerschein besitzt er immer noch. Aber so sehr er die Erfahrungen seines Brotberufs hat künstlerisch fruchtbar machen können - nach der Lektüre von "Nachts im Paradies" wünscht man ihm doch sehr, dass er zukünftig mehr Zeit am Zeichentisch verbringen kann.

Frank Schmolke (Text und Zeichnungen): Nachts im Paradies. Edition Moderne, Zürich 2019. 360 Seiten, 24,80 Euro.