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Epos:Abstraktion und Ideologie

Kollege Aischylos als Troll: "Xerxes" von Frank Miller ist ein martialisches Meisterwerk, über den Krieg als Serie von Implosionen.

Den Kollegen Aischylos, uns als Urvater der griechischen antiken Tragödie bekannt, hat der amerikanische Comic-Erzähler Frank Miller sichtlich ins Herz geschlossen. In seinem neuen Breitbuch-Epos "Xerxes" ist Aischylos ein durchtriebener, verschlagener Troll, ein effektiver Waffen- und Taktikexperte, der für den athenischen Anführer Themistokles wertvolle Tipps und Dienste parat hat. Uns ist er vor allem in Erinnerung durch seine Tragödie "Die Perser", in der es um die dramatischen Ereignisse der persischen Invasion in Griechenland geht.

Frank Miller erzählt in seinen Graphic Novels Weltgeschichte andersrum, er komprimiert hinterrücks historische Abläufe und Zeiträume, praktiziert historiografische Kurzschlüssigkeit. Er lässt Leerstellen und führt Phantome ein in die Weltgeschichte. In seinem neuen Werk ist Xerxes nicht der Name des zentralen Helden, sondern ein Markenzeichen, es steht für einen vehementen Invasionsversuch, aber auch für den Kampf dagegen - und wie daraus eine moderne Identität sich bildet. Der Band, ursprünglich in fünf einzelnen Folgen erschienen, erzählt vom jahrzehntelangen Clash zwischen dem persischen Königshaus, Dareios ff., und den Griechen, bis zum Gegenzug durch Alexander, Jahrzehnte später. Den Herrscher Dareios schaltet Aischylos - der vier Wurfspeere gleichzeitig von einer Sehne entlässt -persönlich aus. Dessen letzter Wunsch an den Sohn: "Lass mich nicht hier sterben, Xerxes. Bring mich heim."

Über dem kriegerischen Geschehen: die Eule Athens.

(Foto: aus dem besprochenen Band)

"Xerxes" ist ein martialisches Meisterwerk, aber sicher keins, das den Krieg verherrlicht. Er wird nicht explosiv und exzessiv gezeichnet, sondern in einer Serie von Implosionen. Schlachtordnungen sind in erster Linie eine Frage der Abstraktion, und Frank Miller interessiert, wie Abstraktion zusammenhängt mit Ideologie.

Im Kriegsraum plant Alexander gelassen das Unmögliche. Wie ein Kind beim Spielen

Sein Comic-Buch "Holy Terror" hat 2011 für Unbehagen und Aufruhr gesorgt bei den Fans, es war eine brutale, groteske Abrechnung mit dem neuen islamistischen Terror. Auch in "Xerxes" - und dem Buch zuvor, "300" über die Schlacht bei den Thermopylen, mit Leonidas und den Spartanern, überaus erfolgreich auch in der Verfilmung durch Zack Snyder - kommt der Feind aus dem wilden Osten.

Über hundert Jahre Geschichte, diverse Herrscher, die aufeinander reagieren in ihren Großmachtplänen, handelt "Xerxes" ab. Im ersten Teil gibt es detaillierte Erklärungen und listige Strategien, die Beratungen der Athener und ihre politischen Implikationen für die junge Demokratie, die Beteiligung der Götter, von Athene und ihrer die Stadt dominierenden Eule. Der zweite Teil erstarrt in einer Galerie monströser Kriegermaschinen. Schuppig und fratzenhaft, in wuchtige Rüstungen oder Schichten von Gewändern verpackt. Ein Kaleidoskop von Figuren und Episoden, in dem immer wieder (aus anderem Kontext) bekannte Gestalten auftauchen - Esther zum Beispiel, der zuliebe Xerxes das Volk von Judäa aus der Knechtschaft entlässt.

Frank Miller: Xerxes – Der Niedergang des Hauses Dareios und der Aufstieg Alexanders. Aus dem Englischen von Michael Schuster. Cross Cult, Ludwigsburg 2019. 112 Seiten, 30 Euro.

Frank Miller nimmt nicht Partei für eine Seite des großen Kampfes. Die Spartaner kommen nicht sehr gut weg im "Xerxes"-Buch, sie müssen mal wieder feiern, können deshalb den Athenern nicht beistehen im Abwehrkampf gegen die Perser. Aber Frank Miller weiß wohl, was wir an ihnen haben: "Das sind extreme Faschisten", meint er, "sie hatten das beste Land in Griechenland, und es wurde bestellt von Sklaven, die Bürger waren alle Soldaten, um das Gebiet zu verteidigen. Die Athener waren es, die die Geburt der Demokratie besorgten, aber die Spartaner machten das möglich. Seltsame Katalysatoren der Demokratie."

Ein Buch wie "Holy Terror" - wo Wut aus den Seiten quillt - würde er heute nicht mehr machen, sagt er. "Xerxes" versammelt lauter gebrochene Existenzen, Alexander, vor einem seiner aufgebahrten Feinde, reflektiert über die griechische Seele: "Wer auf der Welt könnte uns je verstehen, mein geliebter Rivale? Wer von ihnen könnte je ermessen, was wir sind ... oder warum wir tun, was wir tun?"

Alexanders strategischer Kriegsraum hat bei Frank Miller denn auch nichts Bombastisches (wie in Kubricks "Dr. Seltsam"), selbst wenn es um eine feindliche Übermacht geht. "Im Kriegsraum plant Alexander gelassen das Unmögliche. Er ist wie ein Ingenieur. Wie ein Chirurg. Wie ein Kind beim Spielen."