Berlin, 1989 Wird schön gewesen sein

Spachteln, pofen, abhängen: Frank Goosen feiert noch einmal die Achtzigerjahre mit seinem Roman "Kein Wunder"

Von Burkhard Müller

Drei Jahre ist es her, dass Frank Goosen in "Förster, mein Förster" die Geschichte (oder eher eine Art Zustandsbericht) der Freundschaft dreier Kumpels präsentiert hat, die sich schwer damit taten, dass sie ihre Altersangabe demnächst mit einer Fünf vorn dran schreiben müssten. Sie reagierten darauf mit einer Lässigkeit, in die sich der Vorschein eines goldenen Oktobers mischte, und reichlichem Verzehr alkoholischer Getränke. Sonst geschah nicht viel.

Jetzt liefert Goosen sozusagen das Prequel: dieselben Freunde, fast dreißig Jahre früher. Da ist Fränge, der unternehmungslustigste von ihnen, der sich aus Bochum ins schlappe, aber coole Berlin der späten Achtziger absetzt, angeblich um dem Wehrdienst zu entgehen (dabei ist er wegen seiner Plattfüße untauglich gemustert). Da ist zweitens Brocki, zur Romantik neigend, CDU-nah und mit leicht popperhaften Zügen. Und drittens Förster, das kaum verkleidete Alter Ego des Autors, der sich schon damals denkt: Das musst du dir alles merken und aufschreiben! Aufzuschreiben gab es hier tatsächlich mehr als beim Vorläufer- beziehungsweise Nachfolgeroman, in dem Maß, wie 22-Jährige beweglicher als 50-Jährige sind und pro Zeiteinheit mehr erleben. "Kein Wunder" hat eine richtige, teilweise richtig spannende Handlung.

Die zwei daheim Gebliebenen studieren an der Ruhr-Universität, was man halt in den Achtzigern so studiert, Deutsch und Englisch auf Lehramt oder so. Nach beruflichen Zielen befragt, antwortet man in hellen Momenten: Etwas, bei dem man eine Lederjacke tragen kann. Nur zu gern folgen sie der Aufforderung Fränges, ihn mal in Berlin zu besuchen. Auf dem Weg dorthin gibt es Komplikationen, weil Brocki bei der Transit-Kontrolle einen Lachanfall bekommt und den grün gekleideten DDR-Grenzer als "Herr Oberförster" tituliert, das verzögert ihre Ankunft um einige Stunden. In Berlin empfängt sie ein gut eingelebter Fränge, der sich den geteilten Status der Stadt zunutze macht, um zwei Frauengeschichten gleichzeitig am Laufen zu halten, eine im Westen und eine im Osten. Die Westfrau Marta will nicht in die andere Hälfte, die Ostfrau Rosa kann es nicht; Fränge aber kann und will, was ein für ihn bequemes Arrangement ermöglicht. Seinen neidischen Freunden verkauft Fränge das Ganze als kühnes soziales Experiment.

Die Mauer war nicht nur schlecht, nicht für alle jedenfalls

Da die Geschichte in den Sommermonaten 1989 beginnt, kann sich der Leser frühzeitig ausrechnen, worauf sie hinausläuft. Die Mauer war nicht nur schlecht, nicht für alle jedenfalls. Vor dem Schicksal der Slapstick-Komödie aber bewahrt den Roman, dass er diesen letzten Abschnitt einer langen Ära, die nichts von ihrem baldigen Ende ahnt, mit großem Gespür für Details und Atmosphäre an drei Schauplätzen zugleich beschreibt: dem Ruhrgebiet, wo damals die letzten Stahlwerke und Kohlenpütts wegbrechen, wofür die erstarkende Kulturszene nur partiellen Ausgleich bietet; der Inselstadt Berlin, die an der vordersten Front des Westens dessen unzuverlässigste Vertreter beherbergt; und der schon untergehenden DDR, wo junge Dissidenten in besetzten Altbauten unrealistische Zukunftspläne schmieden, während sich die ältere Generation, die den Plan-Schwindel durchschaut, hilflos dem Trunk ergibt, denn reparieren lässt sich hier nichts mehr.

Seine Stärke hat das Buch in den Dialogen, in denen sich der Zeitgeist fängt. Der sich anwanzende Frauenversteher fragt sein schönes Gegenüber: "Fränge? ... War das nicht dieser Typ, der dich ständig betrogen hat? So ein ganz mieser Macho und Chauvi?" Sie darauf schnippisch: "Ja, aber er hatte auch schlechte Eigenschaften." Da hat einer die gängige Masche überzogen.

Oder, angesichts des Porträts auf einem T-Shirt: ",Grace Jones, Fränge?' - 'Wie gesagt, ich bin ein Sklave des Rhythmus.' - 'Der Rhythmus, bei dem jeder mitmuss?' - 'Der Rhythmus der Sinfonie der Großstadt.' - 'Zwei Genitive hintereinander, das ist nicht elegant.' - 'Was will der Dichter uns damit sagen?' - 'Dichter sagen nichts, die fragen nur.' - 'Schluss jetzt', bestimmte Brocki, 'wir gehen spachteln.'"

Es gibt kein wehmütigeres Tempus als das Futur Zwei

Da stecken die kompletten Achtziger drin: Grace Jones mit ihrer Brikettfrisur; die auf Autopilot laufende Ironie der Postmoderne; die halb unwillkürliche Hommage an den Deutschlehrer; und das Achselzucken einer Generation, die nicht links sein will (die Achtundsechziger haben ihren Kredit verspielt, Försters Vater zum Beispiel), so richtig rechts aber auch nicht, und die darum lieber spachtelt oder poft oder abhängt. Höchstens gibt Goosen solchen Gesprächen etwas zu viel Raum und lässt erkennen, wie sehr diese graue Zeit für ihn doch die goldene war, die seiner Jugend eben. Der Erzähler, aber ganz dicht hinter ihm wohl der Autor selbst, konstatiert: "Irgendwann wird sich herausgestellt haben, dass es einfach nur schön war, so lange wie es andauerte." Es gibt kein wehmütigeres Tempus als das Futur zwei.

In dieser Ambivalenz, in dieser Art des spöttischen Seufzens oder seufzenden Spotts, hat das Buch seinen Reiz. Seine zahlreichen Liebeleien köcheln bei vergleichsweise niedriger Temperatur vor sich hin. Die eigentliche emotionale Kraft steckt in der Unverbrüchlichkeit des Bundes unter Männern: Eine Kraft, die weiß, dass sie sich, wenn sie nicht der Peinlichkeit verfallen will, nur in Tarnchiffren äußern darf. Das kann einem als organisierendes Prinzip eines Romans von 350 Seiten auf den Wecker fallen. Aber diese Kraft ist jedenfalls da.