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Napoleon-Jahr:Kein Herz für eine Krone

Kann man Napoleon heute noch verehren, oder muss das alles weg? 2017 war Jacques-Louis Davids berühmtes Bild "Napoleon beim Überschreiten der Alpen" an den Louvre Abu Dhabi ausgeliehen, der hier gereinigt wird.

(Foto: Giuseppe Cacace/AFP)

Zu seinem 200. Todestag wird Napoleon Bonaparte verklärt und verdammt. François Garde zeigt in dem Roman "Der gefangene König" am Beispiel einer historischen Nebenfigur, wie schon seine treuesten Kämpfer zwischen Ergebenheit und Verrat schwankten.

Von Joseph Hanimann

Das Jahr 2021 wird furchtbar werden, prophezeite im letzten Herbst der Historiker Thierry Lentz. Furchtbar für Napoleon. Lentz leitet seit zwanzig Jahren die Fondation Napoléon. Und er befürchtet, dass zum Jubiläumsjahr des 200. Todestags weitere Denkmäler beschmiert werden. Napoleon sei für unsere Zeit aus drei Gründen eine unbequeme Figur, meint der Historiker, der zum Gedenkjahr ein fast tausendseitiges "Dictionnaire historique" über Napoleon veröffentlicht hat. Erstens werfe man ihm Verachtung der Frauen vor, im Privatleben wie im "Code Napoléon". Zweitens störe seine Neigung zu Eroberungskriegen. Und drittens habe er die 1794 vom Konvent abgeschaffte Sklaverei in der Karibik wiedereingeführt.

Napoleon-Verdammung wie Napoleon-Verklärung halten sich in der gegenwärtigen kulturellen Eiszeit des Covid in Frankreich jedoch einstweilen in Grenzen. Viele geplante Veranstaltungen hängen am dünnen Faden der sanitären Entwicklung. Ungewiss ist auch, ob und wie die große Napoleon-Ausstellung, die die französischen Nationalmuseen (RMN) vereint unter ihrem Leiter Chris Dercon für April in der Pariser Villette ausrichtet, eröffnet werden kann. Sollte sie zustande kommen, wird wohl auch sie sich mit Kinderwiegen, Kutschen, Säbeln, Dreispitzhüten, Stiefeln, Briefen und Gemälden auf jenes Terrain begeben, das der englische Historiker Adam Zamoyski 2018 mit seiner großen Napoleon-Biografie "The Man behind the Myth" (auf Deutsch: "Napoleon. Ein Leben") schon breitgetreten hat.

Der Mythos ist stummgeschaltet, die Figur schaukelt zwischen Geschichtsbuchwissen und Anekdote. Die Auseinandersetzung darüber, ob Napoleon ein Vollender oder Verräter der Revolution, ein politischer Visionär oder bloß ein größenwahnsinniger Machtmensch, ein Schicksalsvollstrecker der Nation oder letztlich ein kläglicher Loser gewesen sei, interessiert nur noch Experten.

Dieser Mann habe auf den Leichenfeldern seiner Schlachten keine Tränen geweint

Selbst die Vergleiche zwischen Napoleon und Hitler, die seit den Achtzigerjahren, ausgehend von der britischen Geschichtsschreibung, das Debattenklima aufheizten, sind laut Lentz' "Dictionnaire historique" erledigt. Über das Zivilrecht und zahlreiche institutionelle Einrichtungen, vom Conseil d'Etat bis zur Banque de France oder dem Präfektensystem, sei das napoleonische Erbe weit über Frankreich hinaus in den modernen Alltag eingeflossen, bestätigt der Veteran der Napoleon-Forschung Jean Tulard. Schade nur, so Thierry Lentz, dass sich heute so gut wie kein Politiker mehr öffentlich auf den großen Erben der Französischen Revolution zu berufen wagt. Es sei aber wohl wahr: Dieser Mann habe auf den Leichenfeldern seiner Schlachten keine Tränen geweint, habe tatsächlich - aus taktischen Überlegungen - vorübergehend die Sklaverei wieder erlaubt, sei als Mensch nicht besonders nett gewesen und habe keine Freunde gehabt.

Hatte er überhaupt ein Herz? Darüber rätseln eher die Schriftsteller als die Historiker. Und auch sie tun das lieber auf Umwegen, zum Beispiel indem sie aus dem Kreis von Napoleons Vertrauten erzählen. François Garde hat den napoleonischen Kriegsgeneral Joachim Murat zur Hauptfigur seines Romans gemacht. Als Soldat war dieser Sohn eines einfachen Gastwirts nach der Revolution mit der Nationalgarde nach Paris gekommen und zog mit seiner Unverfrorenheit, seinem Ungestüm und seiner Hünengestalt die Aufmerksamkeit des jungen Offiziers Bonaparte auf sich. Er wurde Marschall, heiratete Napoleons Schwester Caroline und war von Italien und Ägypten bis Deutschland und Russland bei fast allen Feldzügen mit dabei. 1808 machte der Kaiser ihn zum König von Neapel. Als beim Wiener Kongress die Krone von Neapel an die Bourbonen zurückging, versuchte Murat in Italien einen Volksaufstand anzuzetteln, wurde dabei aber verhaftet und hingerichtet. Der Roman schildert seine letzten Lebenstage in der Gefängniszelle des kalabrischen Forts von Pizzo, von wo die Erinnerung zurückschweift zu den verschiedenen Episoden seines ungewöhnlichen Lebens.

François Garde: Der gefangene König. Roman. Aus dem Französischen von Thomas Schultz. C.H. Beck Verlag, München, 2021. 335 Seiten. 23 Euro.

Eine Figur überschattet dabei die Erfolge wie die Niederlagen: Napoleon. Ihm verdankt Murat alles, was er ist. Zwar hat er Mut für drei, hat Ideen, Überzeugungen, Durchsetzungskraft. Doch verfolgt ihn nur ein Gedanke, dass all das nichts wäre ohne den Kaiser. Seine verwegenen Manöver auf dem Schlachtfeld, die Reformprojekte in seinem Königreich, selbst seine notorisch extravagante Aufmachung: Alles zielte auf die Gunst Napoleons ab. Der zeigte ihm aber immer nur die kalte Schulter.

So vergräbt Murat sich in Unterwürfigkeitsfantasien und weiß genau, würde er an seinem Kaiser zu zweifeln beginnen wie etwa bei den sinnlosen Strapazen des Ägypten-Feldzugs, dann würde seine ganze Welt in sich zusammenstürzen: "Die Grenze zwischen absoluter Ergebenheit und Verrat, eine schmale Grenze, schlecht bewacht, gefährlich, undurchschaubar, bedroht ihn". Dieser blinde Fleck bedingungsloser Abhängigkeit - das Gegenteil von blindem Gehorsam - ist der Fluchtpunkt von Gardes Roman. Die präzis recherchierten historischen Begebenheiten und die hinzuerfundenen Situationen oder Gespräche werden mehr gestreift als ausgemalt und weichen hinter das berauschende Grübeln des Gefangenen zwischen seinen vier Wänden zurück. Gefangen ist er nicht nur als König in Erwartung seiner Hinrichtung, sondern er war es sein Leben lang, als Handlanger seiner um ein fremdes Gestirn kreisenden Existenz.

Der Rückblick auf sein exzentrisches Dasein eröffnet ihm aber zugleich eine ganz eigene Freiheit. Murat zweifelt nicht an der großen Zukunft Europas, "er bedauert nur, nicht mehr an ihr teilhaben zu können". Mehr als durch fesselnde Szenen oder subtil komponiertes Hin und Her zwischen Gefängniszelle, Schlachtfeld und Königspalast überzeugt Garde in seinem Roman durch die Vertiefung in einen Trittbrettfahrer der großen Geschichte. Mit der Idee des abhängigen, gefallenen Königs wird da eine neue Variante aus dem klassischen Herr-Knecht-Verhältnis gesprengt und nebenbei ein scharfer Blick auf den Kaiser geworfen. Ein gelungener Einstieg, gut übersetzt, ins Napoleon-Jahr.

© SZ/masc
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