Francois Bondy (XL):Der Vermittler

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SZ-Serie "Aufmacher" (XL): Francois Bondy - Ein früher Europäer und Liebhaber moderater Töne

KLAUS HARPPRECHT

Hat Francois Bondy, die Rubrik dieser Serie wörtlich genommen, jemals in seinem langen Leben einen Aufmacher geschrieben?

Es gibt nichts, fast nichts, das seine Feder nicht meisterte: die Glosse, den Leitartikel, die Reportage, die Buch-Kritik, den Essay, die Impression der raschen Striche, die der Skizze eines Toulouse-Lautrec, eines Matisse, eines Liebermann entspräche. In jedem seiner Stücke schloss er seinen Lesern eine kleine, eine große Welt auf: in diesem Sinne in der Tat einer der "Aufmacher" des vergangenen Jahrhunderts. Aber eine schmetternde Nachricht für die Seite eins, eine Enthüllung, die manchen der Mächtigen zittern ließe, einen Scoop für die dicke Schlagzeile hat er wohl Zeit seiner Tage nicht geliefert.

Laut war Bondy nie.

Es ist kaum vorstellbar, dass er jemals in seinem Leben gebrüllt hat, gewiss nicht auf dem Papier. Er sprach und schrieb in moderaten Tönen - doch, es mag paradox sein, je leiser seine (immer etwas heisere) Stimme wurde, umso weiter schien sie zu tragen.

Die puristischen Wächter unseres Gewerbes mögen fragen, ob er überhaupt zu den Journalisten gehörte? Danach gefragt, hätte er sein scheinbar so argloses und in Wirklichkeit so gewitztes Lächeln aufgesetzt und zurückgefragt: Warum nicht? Aber verstand er sich nicht eher als einen Literaten? Er hätte sacht den Kopf geschüttelt und sein durchtrieben-gütiges Lächeln weitergelächelt. Wo ist der Unterschied? hätte er ein anderes Mal zurückgefragt.

Er hielt die Abgrenzung von Journalismus und Literatur für eine akademisch-deutsche Marotte. Obschon von Eitelkeit nicht völlig frei hätte er sich kaum auf die Eloge seines Landsmannes Iso Camartin berufen, der ihn als "eine Art Balzac des Journalismus" pries. Ein kühner Vergleich, den der confrère mit einem Wort von Bondy über den Autor der comédie humaine einleuchtend genug begründete. Im Februar 1947 sagte Francois Bondy in der Weltwoche, Balzac habe "als erster in einer mächtigen dualistischen Schau die Gesellschaft zugleich als Inkarnation der Menschheit und als den Verrat an ihr erkannt". Überdies seien die abertausend Nächte am Schreibtisch Balzacs wie Bondys wahre Existenz gewesen.

Francois Bondy lebte lange genug in Frankreich und, was wichtiger ist, mit Frankreich, um die Trennung der Sphären für einen absurden Krampf zu halten. Hat nicht Francois Mauriac, der konservative Romancier, Woche für Woche seine "bloc notes" für den Figaro, dann für den Express verfasst? Albert Camus seine Erfahrungen und Einsichten für den Combat notiert? Schreibt nicht Henri Bernard-Levi regelmäßig Berichte aus Algerien, aus Afghanistan, aus Pakistan, manchmal sogar aus Deutschland für Le Monde: Erkundungen des Philosophen einer Realität, die sich seltsam mit seinen schlechten Träumen und manchmal mit kruden Phantasmen vermengt?

Frankreich hat Francois Bondy tiefer geprägt als seine Schweizer Heimat, tiefer als die Herkunft der Familie aus dem deutsch-jüdischen Milieu von Prag. Zur Welt gekommen ist er aber 1915 in Berlin, wo der Vater als Assistent an Max Reinhardts Deutschem Theater gedient hat. Für den Sohn der Anfang einer wahrhaft bewegten Jugend: Er ging in wechselnden Orten Deutschlands, Österreichs, der Schweiz zur Schule, im mecklenburgischen Müritz und im Tessin, in Davos und in Nizza, studierte an der Sorbonne, trat 1936 in die kommunistische Partei ein, weil sie die einzige politische Formation zu sein schien, die entschlossen Front gegen die Nazis machte, trat dann 1939 - nach dem Signal des Stalin-Hitler-Paktes - wieder aus, wurde wegen seines verdächtigen Geburtsortes verhaftet, im Lager Le Vernet im abgelegenen Arriége für drei Monate interniert, schließlich in die Schweiz abgeschoben.

Die beiden entscheidenden Begegnungen jener Tage: Er lernte Fritz René Allemann kennen, den Londoner Korrespondenten der Züricher Tat, damals ein ehrgeiziges Blatt von hohem Niveau, finanziert von Gottlieb Duttweiler, dem sozial engagierten Gründer des genossenschaftlichen Migros-Konzerns, und von Herbert Lüthy, dem genialen Historiker und Essayisten, der für das Sankt Galler Tagblatt Woche für Woche seine scharfsinnigen militärpolitischen Kommentare schrieb, die in allen Generalstäben -- den alliierten wie im deutschen - mit staunender Aufmerksamkeit analysiert wurden. Keine Seele wäre auf die Idee geraten, dass der Verfasser ein intellektueller Grünschnabel Mitte zwanzig sein könnte. Zusammen mit Denis de Rougement und Mitgliedern der Widerstandsbewegungen, die in der Schweiz Zuflucht gefunden hatten, debattierten die drei lange vor der Kapitulation des Reiches erste Pläne für eine europäische Zeitschrift: allesamt überzeugt, dass sich Europa eine würdige Existenz zwischen den Giganten Amerika und Sowjetrussland nur zu sichern vermöge, wenn sich seine Staaten und Völker vereinten, die Deutschen nicht ausgenommen.

Es war die Glanzzeit des Schweizer Journalismus, dessen Talente umso heller erstrahlten, je tiefer Deutschland, Frankreich, Italien in der Finsternis des Krieges und der totalitären Gewalt versanken. Der Monat in Berlin, von dem jungen, dynamischen amerikanischen Kulturoffizier Melvin Lasky 1948 in die Welt gesetzt, war die erste Publikation, die den demokratisch-antitotalitären Ideen Bondys, Allemanns und Lüthys entsprach. Durch den Erfolg ermutigt, lancierte Francois Bondy 1951 im Auftrag des Kongresses für die Freiheit der Kultur die Zeitschrift Preuves, die sich im Untertitel programmatisch "Une Revue Européenne à Paris" nannte.

Keines der intellektuellen Blättchen, wie sie damals in allen Ecken und Winkeln ins Kraut schossen, sondern von Beginn an eine Insel im Meer der kommunistisch eingefärbten Publikationen, die in jenen Jahren die Hauptstadt Frankreichs beherrschten. Man hat es fast vergessen: die KPF sammelte damals ein Viertel der Wählerstimmen hinter ihrem straff stalinistisch organisierten Funktionärscorps. Die geistige Elite des Landes - ob in der Résistance bewährt oder durch die Collaboration des Vichy-Regimes kompromittiert - verzieh es den Amerikanern nicht, dass sie Frankreich zum zweiten Mal gerettet hatten. Die Nationalisten klagten Washington des Verrats an, weil es den absurden Versuch einer Wiederherstellung des Kolonialreiches jede Unterstützung verweigerte.

Bondys Autoren verstanden sich, couragiert genug, als Sprecher einer Minderheit: der große Raymond Aron, neben Albert Camus Jean-Paul Sartres bedeutendster Gegenspieler, der Dichter Pierre Emmanuel, der junge Historiker Francois Furet, die Philosophin Jeanne Hersch, André Malraux, Manes Sperber und von draußen Hannah Arendt, Karl Jaspers, Salvador de Maderiaga (einer der liberalen Widersacher Francos) und, das versteht sich, Ignazio Silone, der große Romancier (dessen Verdächtigung, er habe als Zuträger des faschistischen Geheimdienstes eine Doppelexistenz geführt, sich nach neueren Studien als eine infame Fälschung erweisen könnte). Durch den polnischen Dichter Cheslaw Milosz öffnete Bondy seine Zeitschrift den Dissidenten Osteuropas. Die Offenbarung der New York Times, dass sich die CIA auf heimlichen Wegen an der Finanzierung von Preuves (wie des Monat) beteiligt hatte, mindert die Leistung der europäischen Mittlerdienste der Zeitschrift und ihres spiritus rector nicht im geringsten.

Bondy war es - seit 1970 Redakteur der damals unabhängig-linksliberalen Weltwoche -, der Withold Gombrowicz und Bruno Schulz entdeckte. Wie er zum andern die Franzosen, lange ehe sie der Ruhm überglänzte, auf Günter Grass und Ingeborg Bachmann aufmerksam machte. In Deutschland war er der frühe Künder Eugen Jonescos. Der poetische polnische Spottvogel Zbigniew Herbert nannte ihn einen "unermüdlichen Commis voyageur der guten Literatur". Keine klassische Definition des Journalisten, aber vielleicht das herzlichste Wort, das Francois Bondy vor seinem Tod im Alter von achtundachtzig Jahren erreichte.

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