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"Identität" von Francis Fukuyama:Phantome von spukhaftester Gestalt

Offenbar wird es doch immer wieder enttäuscht, was ja Grund genug sein könnte, den Gedanken fallen zu lassen. Oder anders gefragt: Könnte es nicht sein, dass jenes Verlangen nichts anderes ist als eine psychologische Technik, mit dem Zweck, sich, wie Hegel gesagt hätte, als "abstrakt freies Subjekt" zu behaupten, obwohl und weil eben diese Freiheit praktisch immer wieder dementiert wird? Dass also das Verlangen nach Anerkennung und dessen notwendige Enttäuschung keine Gegensätze bilden, sondern zwei Seiten ein und desselben affirmativen Gedankens bilden - affirmativ, weil er die Ideologie des Wettbewerbs und die daraus resultierenden gesellschaftlichen Hierarchien unangetastet lässt?

Nun ist Fukuyama, aller Hegel-Verweise zum Trotz, kein Dialektiker. Das "Verlangen nach Anerkennung" wird nicht nach Gründen, Verlaufsformen und Widersprüchen befragt. Stattdessen erscheint es als etwas so Evidentes und Unwidersprechliches, als wäre es in Stein geschlagen - und nicht in die warme Butter der schwankenden Urteile, die ein solches "abstrakt freies Subjekt" im Laufe der Tage und Jahre über die eigene Vortrefflichkeit fällt. "Identität", behauptet Francis Fukuyama, "erwächst vor allem aus einer Unterscheidung zwischen dem wahren inneren Selbst und einer Außenwelt mit gesellschaftlichen Regeln und Normen, die den Wert oder die Würde des inneren Selbst nicht adäquat anerkennt." Das kann nicht anders sein, wenn es keine anderen Maßstäbe für das "wahre innere Selbst" gibt als diejenigen, die dieses Selbst sich gesetzt hat. Eine Gesellschaft, in der jedem "wahren inneren Selbst" Genüge getan worden wäre, hat es deswegen nie gegeben. Es kann sie nicht geben.

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Fukuyama meint indessen in den entsprechenden Enttäuschungen die Gründe einer "Politik des Unmuts" zu erkennen, wie sie sich in den vergangenen Jahren in den meisten demokratischen Staaten durchsetzte, ausgehend von neuen, rechtspopulistischen Bewegungen und getragen von der Überzeugung, die Bürger würden vom Staat und seiner "Elite" betrogen. Und nicht nur das: Auch die Islamisten sollen von einem unerfüllten Bedürfnis nach Anerkennung getrieben sein. Wäre es da nicht am einfachsten, der Staat, gleich welcher, würde seinen Fundamentalisten nachdrücklich mitteilen, bei ihnen handele es sich, in jedem Fall, um ganz wunderbare und einzigartige Menschen?

Und überhaupt: Wann hätte es so etwas tatsächlich einmal gegeben: einen Staat, der seinen höchsten Zweck nicht etwa in der möglichst erfolgreichen Behauptung seiner selbst erkannt hätte, sondern im Wohlergehen seiner Bürger? Und da es einen solchen Staat nicht gab, zu keinem Zeitpunkt der Geschichte: Warum fragt Francis Fukuyama nicht, welche Realität dem Bewusstsein, betrogen zu werden, überhaupt zugrunde liegt? Nein, dieser Versuch des amerikanischen Gelehrten, Geistesgeschichte und politische Geschichte zu verschmelzen, mündet in eine Schlacht der Phantome von spukhaftester Gestalt.

Von Alexandre Kojève hat Francis Fukuyama gelernt, wie man ein Element der philosophischen Tradition in ein Fundstück verwandelt, das man einer staunenden Öffentlichkeit als den einen, bislang in den dunklen Tiefen des Weltgeistes verborgenen, nun aber endlich gehobenen Schlüssel zum Verständnis der Welt präsentiert. In seinem jüngsten Werk aber demontiert er das Verfahren. Das "Ende der Geschichte" mag (vorübergehend) als ein solcher Schlüssel erscheinen, Reflexionskategorien wie "Anerkennung" oder "Identität" aber taugen nicht dazu. Nicht einmal Fukuyama selbst braucht sie, wenn er am Ende des Buches ein paar Maßnahmen vorschlägt, mit denen Staat und Demokratie der neuen fundamentalistischen Bewegungen Herr werden könnten.

So landet Francis Fukuyama bei den üblichen Einfällen: bei einer Stärkung der Außengrenzen, bei verbesserten Strategien zur "Assimilation" von Ausländern, bei der Schaffung einer "nationalen Bekenntnisidentität" auf der Grundlage von "Konstitutionalismus, Rechtsstaatlichkeit und Gleichheit". Wieso man einen bösartigen Nationalismus überwinden können soll, indem man ihn bestätigt, und wieso man für eine Operation von solcher Einfalt auf einen Hegel zurückgreifen muss, den es nie gab - das alles verbleibt im Reich der Geister.

Francis Fukuyama: Identität. Wie der Verlust der Würde unsere Demokratie gefährdet. Aus dem Englischen von Bernd Rullkötter. Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2019. 240 Seiten, 22 Euro.

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