Im Jahre 1949 gab Francis Bacon dem Time Magazine ein Interview, in dem er verriet, er wolle "malen wie Velázquez, aber mit der Textur von Hippopotamus-Haut". Steht man vor seinem ein Jahr zuvor entstandenen Gemälde "Head I" aus dem Metropolitan Museum of Art, dann wird klar, mit welcher Brillanz er diese Textur zu schaffen wusste.
Wurde hier mit Nilpferdhaut gearbeitet statt mit Leinwand?
Aus der Nähe meint man zunächst, Bacon habe tatsächlich Nilpferdhaut statt Leinwand verwendet, so organisch, ja zerklüftet heben sich die Farbflächen in ihre Weiß- und Grauschattierungen vom Untergrund ab. Man denkt an die Bemerkung des Picasso-Biografen Robert Melville, der fragte: "Wie ist es diesem Mann gelungen, eine Haut von solch beunruhigender Textur hervorzurufen?" Er könne "die Faktur nicht von dem unterscheiden, was sie formt", gestand Melville. Hier ufert der feiste Hals nach unten hin scheinbar grenzenlos aus, oben endet der Kopf im Nichts, bleibt nasen- und augenlos. Das scharfzahnige Gebiss ist um 90 Grad im aufgerissenen Mund gedreht. "Head I" ist ein Prototyp der ebenso bedrohlichen wie gequälten Kreaturen, die das Werk des im Jahr 1909 in Dublin geborenen Francis Bacon bestimmen sollten.
Das Gebiss übernahm Bacon aus der Fotografie eines zähnefletschenden Schimpansen. Dieses Tier wird im Verlauf der Ausstellung "Francis Bacon - Man and Beast" in der Londoner Royal Academy of Arts noch mehrmals auftauchen, unter anderem als eingesperrtes Monstrum, und in Form einer vergleichsweise munteren Studie, auf einer Kiste hockend, vor fuchsienrotem Hintergrund. Die Schau konzentriert sich auf einen eher vernachlässigten Aspekt der Arbeiten des Enfant terrible der Nachkriegskunst: Die Darstellung von Tieren und ihren Einfluss auf seine Darstellung von Menschen.
Bacon war der festen Überzeugung, er könne Menschen und ihre Natur besser verstehen, indem er das Verhalten von Tieren analysierte. Er war in einem Gestüt bei Dublin aufgewachsen, der Umgang mit Tieren und Jagd war für ihn von früher Kindheit an Alltag gewesen. Er sammelte sein Leben lang Fotos und Bewegungsstudien von Tieren und die Unbefangenheit animalischen Verhaltens prägte seine Sicht auf das Verhalten von Menschen.
In den letzten Jahren des Zweiten Weltkriegs begann Bacon, seine sogenannten "Biomorphs" zu malen. Ohne diese seltsamen Hybridwesen, bei denen oft Körperteile fehlen und andere grotesk vergrößert und verformt erscheinen, wären spätere Horrordesigns wie etwa H.R. Gigers "Xenomorph" aus den Alien-Filmen undenkbar. "Fury" (1944) mit seinem weit aufgesperrten Rachen, dem langen Hals und den Reißzähnen erscheint geradezu wie ein Prototyp solcher Monster. In London ist die frühe Version ebenso zu sehen wie die zweite, weitaus glatter gestaltete von 1988. Daran, wie weit die Entstehungszeit dieser beiden Versionen auseinanderliegt, lässt sich ablesen, wie obsessiv und Œuvre-bestimmend seine Beschäftigung mit solch spekulativen Ungeheuern war.
Die schiere Fleischlichkeit und Kreatürlichkeit der Gemälde, die in dieser superb kuratierten Schau zusammengestellt wurden, reflektiert Bacons Bemerkung, wir seien "alle Fleisch, alle potenzielle Kadaver". Eine Reihe der zahlreichen Arbeiten, die auf Velázquez' Porträt von Papst Innozenz X. basieren, gehören zu den berühmtesten solcher Kadavergestalten, die in der Royal Academy gezeigt werden. "Studie für einen Menschlichen Kopf" und "Studie für ein Porträt", beide von 1953, sind zähnefletschende Zombies.
Doch zu den faszinierendsten Motiven gehören jene, die tatsächlich Tiere repräsentieren. In dem im selben Jahr wie die Zombiestudien entstandenen "Mann mit Hund" etwa ist das Herrchen nur schemenhaft im Hintergrund zu erkennen. Der Hund, den er an der Leine führt, ist ein sehnig-muskulöses Etwas, kraftvoll und wie zum Sprung bereit, ein Staffordshire-Terrier vielleicht, die verwischte Essenz potenzieller Bissigkeit. Vorlage war die fotografische Bewegungsstudie eines vor sich hin trabenden Hundes aus Eadweard Muybridges "Human and Animal Locomotion", einer der Hauptinspirationsquellen Bacons.
Der nackte Mann wirkt so verletzlich wie ein Steppentier
Von Muybridge übernahm er auch die Gestalt eines sich auf allen vieren fortbewegenden "gelähmten Kindes". Das Unbehagen, das den Betrachter angesichts dieser Animalisierung eines als beschädigt und offenkundig minderwertig angesehenen Körpers überkommt, war womöglich ausnahmsweise keine der typischen Bacon-Provokationen. Es geht vielmehr einher mit dem Wandel der Sicht auf die Hierarchisierung und Stigmatisierung von Körpern, die bis in das 20. Jahrhundert hinein Standard war.
Anders verhält es sich mit "Mann, der im Gras kniet" (1952), einer Leihgabe der Münchner Pinakothek der Moderne. Bacon hatte gerade eine Reise nach Südafrika unternommen. Er war fasziniert von den trockenen, kargen Grasflächen und begeistert von den Tieren, die sich auf ihnen bewegten. Der nackte Mann im Gras, bar allen zivilisatorischen Schutzes, wird auf die Verletzlichkeit und Offenheit eines Tieres reduziert. Die Behauptung eines überlegenen menschlichen Raffinements gegenüber anderen Kreaturen erscheint nur noch wenig überzeugend.
Die Kuratoren der Londoner Ausstellung haben Werke aus allen Schaffensphasen Bacons zusammengetragen. Die spätesten Arbeiten, Bacon starb im Jahr 1992, beziehen sich auf eine besondere und besonders brutale Form menschlicher Interaktion mit Tieren, den Stierkampf. In typisch aphoristisch-erotomaner Weise erklärte Bacon, eine Corrida sei "wie Boxen - ein wunderbarer Aperitif zum Sex". Tatsächlich kam er erst vergleichsweise spät zu diesem Sujet, das sein großes Idol Pablo Picasso immer und immer wieder gemalt hatte. Die drei Stierkampfbilder von 1969, die in der Royal Academy erstmals zusammen zu sehen sind, stellen eine der unmittelbarsten Begegnungen zwischen Mensch und Tier in Bacons Werk. Der kinetische Wirbel dieser Darstellungen, ihre farbliche Helle machen diese Gemälde zu einigen der erstaunlichsten, die Bacon je schuf. Neben den offensichtlichen Grundfragen, welche die Corrida immer wieder aufgeworfen hat, jenen nach Gewalt und Erotik, Leben und Tod, interessierte Bacon auch die Heuchelei jener, die den Stierkampf als brutal verurteilten, aber kein Problem damit hatten, Pelze zu tragen und Fleisch zu essen.
Das letzte vollendete Werk Bacons beschließt auch die Schau: "Studie eines Stiers" (1991). Drei Viertel der Leinwand sind bedeckt mit Staub, den Bacon in seinem berüchtigt schmuddeligen Londoner Atelier gesammelt hatte. Die Morbidität der Staubsymbolik war wichtig für den Künstler, der gern sagte, nur der Staub sei unvergänglich, schließlich zerfielen wir alle irgendwann wieder zu Staub. Er selbst starb ein Jahr darauf, bei einer Reise nach Madrid. Das Bild zeigt das Rind völlig anders als in den Stierkampfszenen gut 20 Jahre zuvor. Es ist ganz und gar statisch, geradezu minimalistisch reduziert auf Hörner und Schwärze. Die Stierstudie zeigt die reduzierte Meisterschaft des späten Bacon. Hier findet das Tier gleichsam zu sich: Kein Körperhorror mehr, nur noch reine, in sich abgeschlossene Existenz.
Francis Bacon: Man and Beast in der Royal Academy of Arts, London, bis 17. April. royalacademy.org.uk, Katalog 19,99 Pfund.
