Simeon Wade: "Foucault in Kalifornien":Der Platon des Poststrukturalismus

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Simeon Wade: "Foucault in Kalifornien": "LSD, vorzügliche Musik und etwas Chartreuse": Michel Foucault 1976.

"LSD, vorzügliche Musik und etwas Chartreuse": Michel Foucault 1976.

(Foto: imago stock&people/imago/Leemage)

Während seiner Gastprofessur in Berkeley unternahm Michel Foucault 1975 einen LSD-Trip im Death Valley. Simeon Wades Bericht darüber ist abstrus - aber unterhaltsam.

Von Andreas Bernard

Michel Foucaults Rezeption stand seit seinem Tod 1984 immer wieder in jähem Widerspruch zu den Leitüberlegungen seiner Schriften. Der Philosoph, der kühl auf die historischen Voraussetzungen von Autorschaft hingewiesen hat, wurde selbst zum ikonischen Popstar der Theorie. Seine in "Der Wille zum Wissen" entworfene Hypothese, dass das permanente Sprechen über Sexualität keine Befreiung des Selbst bedeute, sondern eher einen Akt der Etikettierung und Regierbarmachung, führte in James Millers skandalöser Biografie von 1993 dazu, dass eine ganze Denkerexistenz aus der Erfahrung des Sadomasochismus heraus erklärt wurde.

Einen besonders abenteuerlichen, in seiner ganzen Abstrusität aber auch unterhaltsamen und sympathischen Nachklang hat das Werk Foucaults in dem Bericht Simeon Wades von 1990 gefunden, einem schmalen Manuskript, das zwar in den Biografien Millers und David Maceys bereits zitiert, aber niemals eigenständig veröffentlicht wurde. Nun ist "Foucault in Kalifornien", drei Jahre nach dem Original, auf Deutsch erschienen, jener Bericht über einen LSD-Trip im Death Valley, den der französische Philosoph 1975 während seiner Gastprofessur in Berkeley unternommen hat.

Tatsächlich kommt es in Foucaults Werk nach seiner Rückkehr nach Paris zu einem schroffen Bruch

Simeon Wade, Lehrbeauftragter an einem College bei Los Angeles und Verehrer der Bücher Michel Foucaults, lädt den berühmten Theoretiker dazu sein, für ein paar Tage hinunter nach Südkalifornien zu kommen und mit ihm und seinem Lebenspartner durch die Wüste zu fahren, in Richtung der Aussichtplattform "Zabriskie Point", die seit Antonionis gleichnamigem Film von 1970 zu einem psychedelischen Pilgerort geworden ist. Foucault willigt erstaunlicherweise ein, und zu dritt verbringen sie zwei Tage im Death Valley, "mit LSD, vorzüglicher Musik und etwas Chartreuse", wie der Philosoph Ende 1975 dem französischen Journalisten Claude Mauriac erzählte - das einzige verbürgte Zeugnis über das Erlebnis von seiner Seite.

Nach Foucaults frühem Tod ist dieser Wüstentrip vor allem in der amerikanischen Forschung mehr und mehr als Wendepunkt seines Denkens mystifiziert worden. Tatsächlich kommt es im Werk nach seiner Rückkehr nach Paris zu einem schroffen Bruch; die bereits konzipierten Folgebände von "Sexualität und Wahrheit", die wie "Der Wille zum Wissen" vor allem das 19. Jahrhundert behandeln sollen, werden aufgegeben, und nach einer Veröffentlichungspause von acht Jahren, erst kurz vor Foucaults Tod, erscheinen der zweite und dritte Band, die sich nun mit der Zeit der griechischen und römischen Antike beschäftigen. Simeon Wade führt diese Neuausrichtung in seinem Reisebericht auf das lebensverändernde Ereignis des LSD-Trips zurück; die Epiphanie im Death Valley habe, so schreibt er, Foucaults Beschäftigung mit der antiken "Ästhetik der Existenz" in seinen letzten Lebensjahren "nicht nur ermöglicht, sondern auch ihren Inhalt beeinflusst".

Simeon Wade: "Foucault in Kalifornien": "Was hältst du vom amerikanischen Fernsehen?" - "Eine einzige Moralpredigt!" - Autor und Reiseleiter Simeon Wade (li.) 1975 mit Foucault.

"Was hältst du vom amerikanischen Fernsehen?" - "Eine einzige Moralpredigt!" - Autor und Reiseleiter Simeon Wade (li.) 1975 mit Foucault.

(Foto: David Wade/KiWi)

Nun ja. Wenn man Michel Foucaults Denken auf eine Formel bringen müsste, ließe sich vielleicht sagen, er habe die Kategorie der "Wahrheit" auf ihre historischen und erkenntnistheoretischen Bedingungen hin untersucht. Insofern erzeugt bereits der Untertitel, den der deutsche Verlag dem Buch gegeben hat, ein gewisses Misstrauen: "Eine wahre Geschichte". Simeon Wade - wie auch die kalifornische Schriftstellerin Heather Dundas, die den Bericht des 2017 in Verwahrlosung gestorbenen Autors herausgegeben und mit einem Vorwort versehen hat - betonen die Authentizität des Dargestellten so unermüdlich, dass eine an Foucault orientierte Lektüre gar nicht anders kann, als diese heiße, existenzielle Wahrhaftigkeit auf ihre strategischen Funktionen hin zu überprüfen.

Dass es sich tatsächlich um ein strikt dokumentarisches Protokoll der Reise handeln könnte, ist alleine deshalb ausgeschlossen, weil der Großteil des Textes aus Dialogen zwischen Foucault und seinen Begleitern besteht, die Wade unmöglich im Gedächtnis behalten haben kann. Der Drogentrip im Death Valley soll also nicht allein einen Sachverhalt in Erinnerung bewahren, sondern etwas Größeres erschaffen, ein philosophisches Gleichnis, eine Parabel.

Man erfährt Details, die auch Foucault-Kennern neu sein dürften: sein Talent zum Holzhacken etwa oder seine Leidenschaft für Thomas Mann

Genau an dieser Grenze zwischen Bericht und Parabel bemisst sich auch das Vergnügen der Lektüre. Solange Simeon Wade die kalifornische Reise der drei Männer in einem alten Volvo beschreibt, im Frühling 1975, ist "Foucault in Kalifornien" ein zwar indiskretes, aber lesenswertes Buch, in dem man Details erfährt, die auch für die größten Foucault-Kenner neu sein dürften: seine öffentlich nie bekundete Leidenschaft für das Werk Thomas Manns, sein Talent zum Holzhacken, seine prinzipielle Abneigung gegen Pop-Musik, seine Haltung zu Yoga, die Vergütung für die legendäre Fernsehdiskussion mit Noam Chomsky in Amsterdam, die aus einem Klumpen Haschisch bestand.

In dem Moment allerdings, in dem Wade aus diesen Plaudereien mit dem angehimmelten Gast etwas ableitet, wird das Buch schlagartig uninteressant. Leider nehmen diese Passagen im letzten Drittel des Berichts stark zu, und die Dialoge erhalten stellenweise den Charakter einer Befragung des Orakels: "Findest du nicht, dass der Existenzialismus zu einer Art Hedonismus verkommen ist"? - "So ist es." Oder: "Michel, bis du glücklich?" - "Ich bin glücklich mit meinem Leben, aber nicht so sehr mit mir selbst." Oder: "Was hältst du vom amerikanischen Fernsehen?" - "Eine einzige Moralpredigt!"

Simeon Wade: "Foucault in Kalifornien": Simeon Wade, Foucault in Kalifornien: Wie der große Philosoph im Death Valley LSD nahm - eine wahre Geschichte. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2022. 176 Seiten. 20 Euro.

Simeon Wade, Foucault in Kalifornien: Wie der große Philosoph im Death Valley LSD nahm - eine wahre Geschichte. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2022. 176 Seiten. 20 Euro.

(Foto: KiWi)

Am Ende hat Simeon Wade den großen Theoretiker der Macht zu einem französischen Neil Postman verzwergt, doch bevor man das Buch als schlichte Ansammlung von Lebensweisheiten beiseitestellt, fällt irgendwann auf, dass seine Komposition doch komplexer ist als beim ersten Lesen vermutet. Denn hinter der Reise durch die Wüste wird nach und nach die philosophiegeschichtliche Folie sichtbar, um die es Wade geht. Spätestens beim Aufeinandertreffen mit den jungen Männern einer taoistischen Kommune im Bear Canyon, bei den Gesprächen über Gott und die Welt mit dem weisen Denker in der Mitte, wird deutlich, dass "Foucault in Kalifornien" eine Übertragung der sokratischen Dialoge ins späte 20. Jahrhundert sein soll.

Der Lehrer im Kreis seiner Jünger, die existenzielle Bedeutung der Philosophie, die offen gezeigte Liebe zwischen Männern: Simeon Wade, der Platon des Poststrukturalismus, überblendet seinen eminent zeitgenössischen Bericht mit einer Utopie der antiken Philosophie, in der Michel Foucault zu einer Art Gründungsfigur wird, die der Lust am Denken die Intensität längst vergangener Zeiten zurückgibt. Wades Buch ist also eine Fantasie, eine Imagination. Eine erfundene Geschichte.

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