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Fotoserie "Die Gläubigen":Die Unsterblichkeit der Dinge

Martin Schoeller fotografiert religiöse Menschen in New York - im August zum Beispiel einen humanistischen Jude, eine Spiritistin und ein Hare-Krishna-Mitglied.

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Freitagsgebet

Quelle: Martin Schoeller

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New York ist der Ort mit der größten Zahl unterschiedlicher Glaubensgemeinschaften. Der Fotograf Martin Schoeller porträtiert in seiner Kolumne jeden Freitag einen gläubigen Menschen aus dieser Stadt.

Imam Feisal Abdul Rauf, Sufi Islam

Wir wollten im südlichen Manhattan ein Zentrum bauen, das war ein Vorhaben, das dann als Ground-Zero-Moscheenkrise bekannt wurde. Moslems können allerdings überall beten. Es gibt nicht den einen Ort, an dem wir beten müssen. Eine Moschee ist einfach ein Ort, an dem wir gemeinsam beten können. Unser zentraler Text ist der Koran, der als Gottes Wort gilt. Wir sehen den Koran genau so, wie Christen Jesus sehen. Die Person Jesus war Gott, der in Gestalt eines Menschen auf die Erde kam. Gott, der in der Form von Worten auf die Erde kam, ist der Koran. Gott schickte Jesus und Moses aber nicht mit unterschiedlichen Religionen zur Erde. Sie alle kamen, um die Lehre desselben Gottes zu verkünden. Mohammed, Jesus und Moses sind so etwas wie Gebietsleiter. Jesus kam ja nicht, um das Christentum zu predigen, er kam, um die Kinder Israels zu lehren, Gott besser zu erinnern. Er war ein jüdischer Reformprediger. Genauso ist es mit Mohammed. Er kam nicht, um alle zu einer neuen Religion zu bekehren. Er kam, um die Menschen daran zu erinnern, was Gott immer schon gesagt hatte. Wir sind diejenigen, die unterschiedliche Religionen geschaffen haben. Im Christentum, im Judaismus und im Islam glauben wir, dass Gott uns nach seinem Antlitz geschaffen hat. Wir sind Gottes Vertreter auf Erden. Wenn wir uns aber als solche sehen, dann haben wir auch sehr viel mehr Verantwortung. Und deswegen kamen die Propheten, um den einen wahren Glauben zu lehren - wie man Gott verehrt, ihm dient, ihn liebt, und wie man einander liebt.

Freitagsgebet

Quelle: Martin Schoeller

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Erick Sorensen, Lutherische Epiphanie-Kirche

Meine Eltern waren Christen, aber sie sind nicht häufig in die Kirche gegangen. Ich selbst bin dort nur gelandet, weil ein Freund mir sagte, dass ein Mädchen dort hinging, in das ich damals verknallt war. So fing ich an, auch in die Kirche zu gehen - um sie rumzukriegen. Das hat nicht geklappt, aber ich habe die Jugendgruppe als einen Ort der Aufrichtigkeit und Verletzlichkeit kennengelernt, den ich liebte. So habe ich mich dabei ertappt, wie ich sagte: "Ja, daran glaube ich." Mittlerweile leite ich eine Kirche namens Lutherische Epiphanie-Kirche. Doch ich huldige Gott nicht nur, indem ich predige. Ich stelle mir vor, dass jeder meiner Handgriffe eine Huldigung Gottes ist. Das können banale Dinge sein, wie abzuwaschen oder mit meinen Kindern zu spielen. Heilig ist für mich nicht nur die Bibel. Ich glaube vielmehr, dass Gott uns lehrt, andere Menschen so zu behandeln, als wären sie heilig. Dass wir sie lieben sollen, als wären sie so wichtig für uns wie unsere Körper und Seelen. Ich kann nicht begreifen, wie die Welt ohne meinen Glauben wahre Bedeutung haben könnte. Mir verleiht er einen Sinn dafür, dass all das, dem wir auf Erden begegnen, nur temporär ist, und dass das, was noch auf uns wartet, sehr viel besser und freudiger werden wird, als wir uns vorstellen können. Verloren habe ich meinen Glauben nie, aber ich habe ihn in Zweifel gezogen. Ich habe noch immer regelmäßig Zweifel. Aber ich glaube, wenn wir ehrlich sind, gehören die einfach dazu.

Freitagsgebet

Quelle: Martin Schoeller

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Peter Schweitzer, Rabbi, humanistisches Judentum

Unsere Religion ist eine Bewegung, die Gottesdienste und Unterricht für die Hälfte der jüdischen Gemeinschaft anbietet, die sich selbst als weltlich bezeichnet. Unsere Gottesdienste orientieren sich an denselben Feiertagen, die andere Juden auch begehen, aber wir benutzen eine Sprache, die nicht theistisch ist. Das bedeutet, wir wenden uns nicht in einer bestimmten Sprache an Gott, da wir an keine übergeordnete Gottheit glauben, die in unseren Leben intervenieren könnte. Bei uns gibt es auch keine Verpflichtung, dreimal am Tag zu beten. Das weltliche Judentum ist vielmehr eine Art, dem Leben zu begegnen. Eine Denkungsart, ein philosophisches Konzept. Wir glauben an das wissenschaftliche Denken und die kritische Argumentation. Die Menschen kommen zu uns nicht wegen ihrer religiösen Überzeugungen, sondern weil sie gemeinsame humanistische Werte teilen. Ein Motto ist: Sage, an was du glaubst, und glaube, was du sagst. Wir sprechen miteinander, über unsere Werte, unsere Geschichte und unser Erbe. Wir kommen zusammen mit Gleichgesinnten, um das Leben zu feiern und auch, um mit den Schwierigkeiten des Lebens zurechtzukommen. An ein Leben nach dem Tod glauben wir nicht, auch nicht an einen Himmel im engeren Sinn. Aber ich glaube an die Unsterblichkeit der Dinge, die wir im Leben tun. Durch unsere Taten leben wir weiter in den Erinnerungen unserer Mitmenschen. Mein Glaube gibt mir Halt, einen moralischen Kompass und erstaunliche Momente der Freude und des Glücks.

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Quelle: SZ

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Jussara Korngold, Spiritistin

Die Idee hinter dem Spiritismus ist zu verstehen, warum wir hier sind, woher wir kommen und wohin wir gehen. Ich kann machen, was ich will mit meinem Leben, muss mir aber vergegenwärtigen, dass all meine Taten Konsequenzen haben. Unsere Lehre ist dementsprechend: Sei bedacht in deinen Taten, bedacht gegenüber dir selbst, gegenüber deinen Mitmenschen, gegenüber der Welt um dich herum. Wir folgen dem Beispiel von Jesus, dem Wissen, das er uns hinterlassen hat, aber ohne Jesus selbst anzubeten. Gott und das Leben sind uns heilig. Wir glauben auch an ein Leben nach dem Tod. Unserem Verständnis nach kehren wir genau so zurück, wie wir jetzt sind. Wir sprechen in unseren Zeremonien auch mit Geistern, aber das ist nicht das eigentliche Ziel. Es geht vielmehr darum, sich zu verbessern. Nicht im materiellen Sinne, ich spreche von der menschlichen Seite. So macht man sich selbst zu einem besseren Menschen und die Welt zu einem besseren Ort. Wir haben keinen Prediger oder jemanden, der die Zeremonien leitet. Die Idee ist, teilzunehmen und zu hinterfragen. Bei uns gibt es keine spezielle Kleidung, keine Hierarchie. Wir stufen den Spiritismus auch nicht als Religion ein, sondern als Philosophie. Zu unseren Treffen kommen Angehörige aller Religionen.

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Quelle: Martin Schoeller

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Doyal Gauranga, Hare Krishna

Ich bin römisch-katholisch erzogen worden und in einer italienischen Familie in Südkalifornien aufgewachsen. Auf eine gewisse Art habe ich immer nach Gott gesucht. Im College gab mir jemand eine Ausgabe der "Bhagavad Gita" und ich began, mich mit östlichen Religionen und Philosophien zu beschäftigen. Noch im meinem ersten College-Jahr ging ich ins Kloster und lebte für zehn Jahre als Mönch. Dann lernet ich meine Frau kennen und zog nach Brooklyn. Heute arbeite ich im Bhakti Center an der Lower East Side. Der Tag im Kloster beginnt sehr früh, zwischen vier und halb fünf, mit Meditation, Gebeten und Lesen. Nach Arbeiten im Kloster und gemeinsamem Essen helfen wir bei sozialen Projekten mit. Hier in New York bieten wir Koch- und Meditationskurse oder Diskussionsrunden an der Columbia University an. Wir beten und singen meist im Kloster, aber auch zuhause. Manche Gläubige haben in ihrem Haus kleine Tempel und Altäre. Die "Bhagavad Gita" lehrt uns, in unser Herz zu schauen und dort nach Antworten von Gott zu suchen. Wenn man Gott oder Krishna versteht, dann versteht man auch die Welt. Wir glauben an den Zyklus der Wiedergeburt, aber das wahre Ziel ist es, diesen Kreislauf zu durchbrechen und in eine höhere Ebene der Existenz aufzusteigen.

© SZ.de/cco/luch
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