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Bildband über die spanische Kolonialgeschichte:Bilder aus den Zwischenräumen der Geschichte

für FEU Sachbuch

90 Millionen Schriftstücke, 8000 Karten, das papierne Fundament eines Kolonialreichs: Schrank im Archiv von Sevilla.

(Foto: Schulz-Dornburg/Wagenbach)

Die hohe Kunst, mit der Kamera verschwundene Zeiten zu bergen: Ein neuer Band mit Fotografien aus dem Archiv der spanischen Kolonialgeschichte von Ursula Schulz-Dornburg.

Von Thomas Steinfeld

Die oberen Stockwerke des Renaissancebaus, in dem die spanischen Könige über Jahrhunderte hinweg die Dokumente zur Eroberung und Erschließung Südamerikas sammelten, bilden heute nur noch eine Schale. Zwar steht das Gebäude des "Archivo General de Indias" in Sevilla noch an seinem Platz, in der Nachbarschaft des Königspalastes und der Kathedrale. Die einst darin verwahrten Schriftstücke und Karten aber befinden sich, in massiven Stahlschränken untergebracht, seit einigen Jahren im Keller des Gebäudes. Nicht nur die alten Regale aus Zedernholz und Mahagoni, sondern auch die beschrifteten Pappschachteln, in denen die Dokumente der Kolonialgeschichte wohlsortiert gebündelt waren, stehen leer.

Der ursprüngliche und eigentümliche Ort der Sammlung ist der Geschichte anheimgefallen, genauso wie zuvor schon die Taten der Kolonisatoren und die Leiden ihrer Opfer zu vornehmlich historischen Gegenständen geworden waren. Im Unterschied zu Letzteren ist die ihnen gewidmete Institution indessen fotografisch dokumentiert, in der Konkretion und scheinbaren Unmittelbarkeit, die allein dieser Bildtechnik zukommt. Sie bewahrt, was Geschichte wurde, als gleichsam geborgene Gegenwart.

Die Düsseldorfer Fotografin Ursula Schulz-Dornburg hat ihre Kunst immer wieder an Orten ausgeübt, die ihre Gestalt verloren oder die gar verschwanden, bald nachdem sie von ihr im Bild festgehalten worden waren. So war es mit den Vorhängen auf dem Markusplatz, deren Bildern im Jahr 1975 eine ihrer ersten Ausstellungen galt. So geschah es mit den Marschlandschaften am Unterlauf des Tigris, im Jahr 1980 fotografiert, die danach den Staudammbauten in der Türkei wie im Irak zum Opfer fielen. So war es mit den Karawansereien in Armenien, die Ursula Schulz-Dornburg im Jahr 1999 besuchte. Und einem ähnlichen Impuls gehorchte schließlich das Unternehmen, die Ruinen auf dem Atomwaffentestgelände Semipalatinsk in Kasachstan abzubilden (2012): Nur dass man auf diesen Bildern eine ganze Welt vor sich zu sehen glaubt, aus der, nach einer gigantischen Katastrophe, das Leben entwichen zu sein scheint. Auch die Serie über das Archiv in Sevilla ist von dieser Art: "Gesammelte Zeit", wie es in einem langen Essay des Münchner Althistorikers Martin Zimmermann heißt, der die 25 Fotografien der Serie begleitet. Aber auch: abgeschlossene, verschwundene Zeit.

Dokumente vom Anfang der Globalisierung

Die schwarz-weißen Bilder sind von äußerster Sachlichkeit. Es scheint keinen Versuch der Inszenierung zu geben, keine Deutung, keine Parteinahme, keinen Appell. Die Räume, Vitrinen, Schränke, Ordner wirken akkurat festgehalten, mit einer Neutralität, wie sie ein Historiker zwar vielleicht für sich beansprucht, aber selten einlöst. Und wenn darin dennoch eine Inszenierung läge, dann wäre sie in der Präzision enthalten, mit der hier gearbeitet wurde, im sorgfältigen Austarieren von Licht und Schatten, von Schwarz, Weiß und Grau - und in der Zentralperspektive, die für die Bilder der Säle verwendet wird: Dieser Ort, das scheinen Perspektive und Genauigkeit anzuzeigen, war einst nicht nur den Geschäften der Macht gewidmet, er diente auch der Repräsentation von Macht.

Aber diese Macht ist nicht mehr da, und nichts anderes ist an ihre Stelle getreten, sodass sich die Fotografin und ihre Gegenstände in einem Zwischenraum der Geschichte zu befinden scheinen. "The Land in Between" lautete der Titel einer Ausstellung mit Werken Ursula Schulz-Dornburgs, die vor zwei Jahren in Frankfurt und in Paris zu sehen war. Die Rubrik könnte auch über den Fotografien aus Sevilla stehen.

Ursula Schulz-Dornburg/Martin Zimmermann: Die Teilung der Welt. Zeugnisse der Kolonialgeschichte. Wagenbach Verlag, Berlin 2020. 160 Seiten, 28 Euro.

Im Jahr 1494 wurde der Vertrag von Tordesillas geschlossen, die Übereinkunft zwischen zwei Großmächten, mit der die Könige von Spanien und Portugal die Welt unter sich aufteilten: "wie eine Orange", wie es bald hieß, also entlang von Linien, die von oben nach unten verliefen. Die spanische Ausfertigung des Vertrags liegt im Archiv von Sevilla. Sie ist der Grundstein für das "papierne Fundament" (Martin Zimmermann) eines Kolonialreichs, mit seinen schließlich 90 Millionen Schriftstücken und 8000 Karten, die bis ins Jahr 1760, also bis zum Niedergang des spanische Imperiums, hier zusammengetragen wurden. Sie galten den Wegen, auf denen die Eroberer und die Händler unterwegs waren, den Menschen, die sich einst von Spanien auf den Weg nach Südamerika machten, sie listen die Güter auf, die aus der Neuen Welt nach Europa verschifft werden. Und sie geben, wenngleich wohl selten in offener Form, Zeugnis vom Sterben der eingeborenen Bevölkerung.

An der Teilung der Welt, so wie sie von Spaniern und Portugiesen beschlossen wurde, war etwas Fiktives, nicht nur, weil die dritte europäische Seemacht jener Zeit, England, daran nicht mitwirkte, sondern vor allem, weil große Teile Südamerikas damals noch gar nicht bekannt waren. Zugleich aber stellt dieser Vertrag den Anfang aller Globalisierung dar: Zum ersten Mal in der Geschichte traten Mächte auf, die Ansprüche auf den Rest der Welt erhoben, mit aller Gewalt, mit allen Folgen, mit allen Komplikationen, die zu solchen Ansprüchen gehören.

Im Archiv wird diese Geschichte einer gigantischen Auseinandersetzung vor dem Vergessen bewahrt, und wenn das Archiv auch nicht mehr sichtbar ist, so gibt es doch die Bilder, die seine vergangene Gegenwart bezeugen. So erhält sich in diesem Buch ein altes Motiv der Fotografie: Die Anschauung dorthin zu tragen, wo es keine leibhaftige Anschauung mehr geben kann.

© SZ/crab
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